Interview
«Meine Mitarbeiter fragen sich ständig: Wie konnte ich nichts merken?» – Kita-Chef nach Gesprächen mit 90 besorgten Eltern

An einem Elternabend hat die Fiorino AG über den Missbrauchsfall in der Kita St.Gallen Ost informiert. Krippen-Chef Jacques Hefti sagt: «Es beschäftigt die Eltern, ob wir in Zukunft immer noch auf die Mitarbeit von Männern zählen wollen.» Bislang sei ein Krippenplatz gekündigt worden.

Tim Naef
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Jacques Hefti, Verwaltungsratspräsident der Fiorino AG, gibt Auskunft über den Missbrauchsverdacht in einer St.Galler Kinderkrippe. (Bild: Benjamin Manser)

Jacques Hefti, Verwaltungsratspräsident der Fiorino AG, gibt Auskunft über den Missbrauchsverdacht in einer St.Galler Kinderkrippe. (Bild: Benjamin Manser)

Wie ist der Elternabend der vom Missbrauchsfall betroffenen Kita verlaufen?

Jacques Hefti: Er war sehr anspruchsvoll. Rund 90 Eltern haben teilgenommen und uns ihre Emotionen und Ängste mitgeteilt. Grösstenteils war es sehr ruhig. Wir waren überrascht, dass es meist positive Voten der Eltern waren, die vor allem dem Kita-Personal ihren Zuspruch gaben. Dies ist insbesondere für unsere Mitarbeitenden sehr wertvoll.

Es gab aber sicher auch Kritik.

Selbstverständlich. Einzelne negative Voten waren sehr emotional, was wir natürlich verstehen. Auch wenn dabei teils nicht sachliche Vorwürfe vorgebracht wurden. Es waren dann auch andere Eltern, die interveniert haben. Im Sinne von: «Man darf jetzt nicht übertreiben.»

Was waren die Hauptanliegen der Eltern?

Es wurde nach spezifischen Massnahmen gefragt, damit so etwas nie wieder passieren kann.

Und Ihre Antwort?

Dass wir natürlich nochmals sämtliche Abläufe prüfen. Gleichzeitig möchten wir nicht in Aktivismus verfallen. Wir werden aber sämtliche Massnahmen treffen, die dazu beitragen, das Risiko eines solchen Vorfalls in Zukunft zu mindern.

Ist die Rolle von Männern in der Kinderbetreuung zur Sprache gekommen?

Das war eines der Hauptthemen. Es beschäftigt die Eltern, ob wir in Zukunft immer noch auf die Mitarbeit von Männern zählen wollen. Hier habe ich nochmals betont, dass es sich um einen Einzeltäter handelt, und dass wir seit 1992 ein gemischtes Betreuungsmodell anwenden, von dem wir auch heute noch überzeugt sind. Es war mir wichtig, zu unterstreichen, dass wir keine Absicht haben, daran etwas zu ändern.

Sie sprechen von teils negativen Reaktionen. Haben bereits Eltern ihre Kinder aus der Kita genommen?

Bis jetzt ist mir eine Krippenplatzkündigung bekannt. Zugleich sind wir darauf vorbereitet. Es gibt aber bisher keine Anzeichen für einen Exodus.

Der gestrige Tag muss sehr anspruchsvoll gewesen sein. Wie geht es Ihnen persönlich?

Es war und ist noch immer sehr emotional. Auch jetzt bin ich noch immer erschüttert. Was mich extrem berührt hat, waren die Reaktionen der direktbetroffenen Eltern, die hauptsächlich positiv waren.

Und wie geht es Ihrem Team?

Für die Mitarbeiter ist es ungleich schwieriger. Besonders für jene, die mit dem Beschuldigten direkt zusammengearbeitet haben. Sie fragen sich nun ständig: «Wie konnte ich nichts merken?» Wir reden hier von einem Menschenbild, das bei den Beteiligten massiv ins Wanken gerät.

Können Sie uns sagen, wie Ihre kommenden Tage aussehen?

Jetzt und auch die nächsten Tage stehen ganz klar die Eltern und die Mitarbeiter im Fokus. Wir möchten ihnen jegliche Formen von Unterstützung bieten. Natürlich gehen auch die internen Untersuchungen weiter.

Elternabend nach Missbrauchsfall in St.Galler Kita

Nach dem Bekanntwerden der möglichen Missbrauchsfälle in einer St.Galler Kindertagesstätte hat die Fiorino AG am Donnerstagabend zu einem Elternabend geladen. Aufgrund der vielen Anmeldungen hätte der ursprünglich geplante Durchführungsort gewechselt werden müssen, schreibt die Fiorino AG in einer Medienmitteilung. Alle Eltern hatten sich beim Eingang ausweisen müssen, damit sichergestellt war, dass dieser Abend in einem «für die Eltern geschützten und sicheren Rahmen stattfinden konnte».

Nachdem Jacques Hefti, Verwaltungsratspräsident der Fiorino AG, nochmals die aktuellen Erkenntnisse aufzeigte, hätten die Eltern ihre Fragen stellen und ihre Sorgen und Ängste thematisieren können. «Diese Möglichkeit wurde genutzt und es wurden viele Fragen gestellt», heisst es in der Mitteilung weiter.

Wie merke ich meinem Kind an, dass etwas nicht stimmt?

Fragen der Eltern waren beispielsweise: Wie konnte so etwas passieren? Welche Massnahmen wurden bereits getroffen oder sind noch geplant? Wie sehen die Anstellungsrichtlinien genau aus? Und wie merkt man dem eigenen Kind an, dass etwas nicht stimmt? Zusammen mit dem Kinderschutzzentrum hätten viele der gestellten Fragen beantwortet werden können, so die Fiorino AG.

Der Elternabend sei ruhig verlaufen, auch wenn verschiedene Eltern – verständlicherweise – ihren Sorgen Ausdruck verliehen hätten. «Eine überwältigende Mehrheit der Eltern sprach der Fiorino AG und ihren Mitarbeitenden das Vertrauen aus und bestärkte sie in ihrer Arbeit», heisst es weiter in der Mitteilung. Bis zum heutigen Zeitpunkt sei eine einzige Krippenplatzkündigung erfolgt. (tn)