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Mein Stück Vorarlberg: Wie doch hier alles so idyllisch ist

Linda Achberger

Während der Zugfahrt aus der Stadt Richtung Süden wird es immer hügeliger, zuerst Windräder, braches Feld, grosse schwarze Vögel darauf, Hopfenfelder und der Geruch von Bier. Dann Berge, gross und grau, oben liegt noch Schnee. Man kommt zurück nach Vorarlberg. Der See ist glatt, den Enten das Brot zu hart. Immer schön reintunken in den Kaffee, in den Nachmittagskaffee, in das Abendbrot. Man grüsst sich freundlich, als würde man sich kennen. Es ist alles so freundlich hier.

Das Erste, was man morgens macht, ist die Zeitung bei den Todesanzeigen aufschlagen. Vielleicht kennt man ja wen, alle sind so nett zueinander. So verbunden. Man weiss alles über dich. In der Konditorei wissen sie, wenn du eine Diät machst. In der Bäckerei, wie lange du sonntags schläfst. Die Friseurin weiss alles. Ich mach’ dir eine peppige Frisur, aber erzähl’ Tratsch. Auf den drehenden Stühlen sitzen Frauen, die ihrem Alltag mehr Pfiff geben wollen mit Strähnchen. In der «Freizeit Revue» sehen sie Bilder von Liebesdramen, grossen Hüten, von der Hochzeit des englischen Prinzen und denken sich unter ihren Alu-Haaren: ach wie schön!

Es nickt einem sogar der Traktorfahrer mit dem breiten Nacken und den roten Backen zu. Hier braucht man noch keinen Wetterbericht, man ist immun gegen das ewige Googeln. Wenn die Traktoren mit ihren Anhängern kommen, weiss man: Es wird regnen. Hier ist noch alles gut. Hier hat alles noch seine Ordnung. Am Abend riecht es nach Gülle, das ganze Dorf klebt in einem Nebel von Gestank. Beim familienfreundlichen Grillieren und dem Geruch von marinierten Tierschenkelchen sagt man: Ach, fahren die schon wieder! Hier ist noch alles gut. Nur ab und an klickt man auf Live-Cams für die Wanderung am Wochenende an stillgelegten Skiliften und Kunstschneekanonen vorbei. Kurz nickt der Traktorfahrer, kurz nicken die Autos hinter ihm ein. Diese Langsamkeit, diese Langeweile. Diese Ruhe, diese Stille. Nur die Kuhglocken läuten, fast döst man darüber ein, fast tritt man in Kuhfladen. Man streichelt den Tierchen übers Fell, die Zunge ist rau. Das Kätzchen bekommt Schokolade und warme Milch, den Kaninchen im Garten wird liebevoll Schatten gemacht. Vor dem Supermarkt im Dorf der Hähnchengrill. Jeden Dienstag. Der Schweiss läuft dem Verkäufer. Der Schweiss rennt fast. Er zischt auf die halben Hennele, auf dass sie kross werden. Ein halbes Hennele, bitte danke. Die krosse Haut schmeckt gut, die Finger sind fettig.

Es wachsen hier kleine gelbe Blumen, weisse und rötliche. Man isst die Blütenblätter, das darf man ja hier, hier ist die Luft ja gut. Die Gärten sind hergerichtet wie ein Pudel vor dem Hundewettbewerb. Es ist Balkon an Balkon gereiht, anscheinend setzt man sich gegen das rasante Aussterben von Geranien ein. Jeden Tag werden die braunen Blätter von den Blumen gezupft. Die Tagetes im Blumenbeet stinken. Aber sie sind schön. Es ist doch alles so schön hier. Der Rasen ist gestutzt, grün und frisch liegt er da in den Vorgärten, die Bienen summen, irgendwo fliegt ein Kohlweissling. Jeden Samstag vibriert das ganze Dorf vom Rattern der Rasenmäher, in die Erdlöcher von Schädlingen schüttet man ätzende Lauge. Hier weiss man noch, was gut und was schlecht ist. Es ist ja auch alles so schön hier. Wenn der Zug wieder abfährt, ist da ein helles Geräusch. So als würde man mit dem Bogen über ein Cello streichen, über eine Violine, eine Bratsche. Was dann bleibt, ist ein Gefühl, das genauso hell, aber dabei immer etwas schief klingt.

Linda Achberger 1992 in Hörbranz, Germanistin, Schriftstellerin, Schwäbischer Sonderpreis für Autoren unter 25, zuletzt Theater-Kurzdrama «Wir brauchen doch keine Bienen, um uns zu bestäuben».

Linda Achberger 1992 in Hörbranz, Germanistin, Schriftstellerin, Schwäbischer Sonderpreis für Autoren unter 25, zuletzt Theater-Kurzdrama «Wir brauchen doch keine Bienen, um uns zu bestäuben».

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