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Mein Stück Vorarlberg: Sowohl als auch - ein Land auf dem Weg zur Stadt

Gerold Riedmann
Von Vorarlberg aus gesehen ist Wien gleich weit weg wie Paris. (Bild. fotolia)

Von Vorarlberg aus gesehen ist Wien gleich weit weg wie Paris. (Bild. fotolia)

Ich sollte einmal in Saalbach-Hinterglemm für meine damaligen Münchner Arbeitskollegen Apfelstrudel beim Kellner bestellen, «weil ich doch eh Österreicher sei». Woher man komme, fragte mich der Kellner. Seine Reaktion bringt das ganze Vorarlberger Identitätsdilemma auf den Punkt: «A Vurarlberger – du bist doch gor koa richtiga Österreicher!» Richtig, wir sind in erster Linie Vorarlberger, dann begeisterte Europäer. Richtig, in Wien ist auch noch was. Aber Wien ist 700 Kilometer entfernt – exakt wie Paris! So gehört es auch zum Standardrepertoire jedes Vorarlberger Landeshauptmannes, «auf die in Wien zu schimpfen».

Die Politik tut das, um sich abzugrenzen, aufzuplustern – aber auch, weil die Bande zwischen den Vorarlbergern so stark ist, dass «uns die aus Wien uns sicher nix sagen müssen». Eine Gallier-Situation, wie aus Asterix und Obelix, auch sprachlich. Unser Hochdeutsch ist mindestens so berüchtigt wie unser Dialekt. Etwas «b’sundriges» halt. Der Vorarlberger umgibt sich nur mit Dingen, die ein ganz besonderes Prädikat erfüllen: sie müssen «k’hörig» sein. A k’hörigs Auto, an k’höriga Fernseher. Wenn wir etwas machen, machen wir es vor allem «k’hörig». Vorarlberg ist zu Recht stolz auf seine wirtschaftliche Weltmarktführer in lukrativen Nischen. Vorarlberg gibt sich touristisch nicht dem Alpenkitsch hin, will mit Ischglschen Party-Touristen wenig zu tun haben. Und muss trotz herausragender und mutiger Holzarchitektur zwischen all den E-Bikes und Roboterrasenmähern halt auch brutal aufpassen, nicht ins Langweilig-biedere zurückzufallen. Deshalb ist beispielsweise das Feldkircher Poolbar-Festival ein wichtiger Seelenort: Hier kann sich Vorarlberg zeitweise tatsächlich wie inspirierend-raue Ecken Berlins anfühlen.

Apropos Langeweile: Das gilt insbesondere für die politische Landschaft. Vorarlberg wird gefühlt (manchmal auch tatsächlich) in absoluter Mehrheit der Volkspartei regiert. Auch wenn bundesweit die ÖVP auf Türkis umgefärbt wurde, hier im Land sind es nach wie vor «die Schwarzen», die den Ton angeben. Und die – Bodenständigkeit in allen Ehren – doch mehr Mut vertragen könnten. Die Menschen wünschen sich mehr Veränderung, als die Politik ihnen zumutet. Zu oft wird nicht weitaus mehr als der Status Quo erhalten. Die Regierungskoalition mit den Grünen hat dazu geführt, dass der Regionalzug (er heisst jetzt auch «S-Bahn») weiter ausgebaut wird – bald zum 15-Minuten-Takt. Hey, das ist doch wirklich grossstädtisch. Es ist nämlich gar nicht so einfach, Nichtvorarlbergern zu verdeutlichen, wie sich Vorarlberg für einen Vorarlberger anfühlt. In unserer Welt ist Vorarlberg nämlich nicht Land, sondern mindestens Fast-Grossstadt. Die Wahrheit liegt freilich irgendwo dazwischen. Das Rheintal, in dem 280'000 Menschen leben, rückt immer näher zusammen. Ewige Baumalleen zwischen den Örtchen wie auf Schweizer Seite gibt es in Vorarlberg nicht. Kein Platz dafür. Zwischen Feldkirch und Bregenz sind die Gemeindegrenzen kaum mehr sichtbar. Alles wächst zusammen – bis aufs Ried, den geschätzten Central Park der Vorarlberger. Vorarlberg, eine Art Agglo ohne vorgelagerte Grossstadt.

Das Rheintal konnte tatsächlich nur passieren, weil es Google Maps offenbar noch nicht gab. Man stelle sich vor: zwei parallel verlaufende Autobahnstränge, einer dies-, einer jenseits des Rheins. Nicht miteinander verbunden. So was gibt’s nicht mal im Elsass. Und wenn wir 30 Jahre über die Verbindung zwischen St.Margrethen und Wolfurt diskutieren, wissen die Menschen in Feldkirch und im Fürstentum Liechtenstein, dass es mit nur einer guten Verbindung nicht getan sein wird. Auch nicht nur mit Strassen: Probieren Sie mal, aus Dornbirn mit dem Zug nach St.Gallen oder zum Zürcher Flughafen zu kommen.

Wenn’s Vorarlberg nicht gäbe, man müsste es erfinden. Wo sonst ist man in 40 Minuten im schönsten Skigebiet der Welt und in nur wenig mehr am Zürcher Flughafen? Wo sonst gibt’s einen malerischen See, Wohlstand und ziemlich perfekte Infrastruktur? Gut, das gilt nahezu alles auch für das schweizerische Bodenseeufer. Aber das ist eine andere Geschichte.

Gerold Riedmann 1977, Journalist und Digitalexperte aus Rankweil. Chefredaktor der «Vorarlberger Nachrichten» und Geschäftsführer des Verlags Russmedia.

Gerold Riedmann 1977, Journalist und Digitalexperte aus Rankweil. Chefredaktor der «Vorarlberger Nachrichten» und Geschäftsführer des Verlags Russmedia.

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