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Mein Stück Vorarlberg: Die Diva ist auf dem Sprung, wenn sie sich denn traut

Hanno Loewy
Innenraum des Jüdischen Museums in Hohenems in der Villa Heimann-Rosenthal. (Bild: Hanspeter Schiess)

Innenraum des Jüdischen Museums in Hohenems in der Villa Heimann-Rosenthal. (Bild: Hanspeter Schiess)

Es ist jetzt ungefähr 15 Jahre her, da fiel mir eine Anzeige ins Auge, die Folgen hatte. «Jüdisches Museum Hohenems sucht neue Leitung.» Meine Frau und ich haben damals zum ersten Mal darüber nachgedacht, ob Vorarlberg ein guter Ort ist, um dort zu leben. Die Antwort fiel positiv aus, und sie hatte damals vor allem mit Natur und mit Menschen zu tun. Aber auch mit der eigentümlichen, widersprüchlichen Aura eines Ortes und einer Region, die irgendetwas zwischen Provinz und Metropole zu sein schien. Die noch nicht wusste, was sie war. Die offenbar schon lange nicht wusste, was sie war und wohin sie gehört. Und genau deshalb spannend zu werden versprach.

Diese ungewisse Verortung hat wohl etwas damit zu tun, dass Vorarlberg genau genommen in der Mitte Europas liegt, zwischen Süden und Norden, Westen und Osten. Und in dessen Mitte ein Ort, dessen Widersprüche, ja Bipolarität geradezu legendär war und im Zentrum im Bild von Christengasse und Judengasse seine Verdichtung fand. Das hat gereizt, und es reizt bis heute. Nun denke ich wieder darüber nach, was Vorarlberg lebenswert macht. Diesmal gemeinsam mit anderen Vorarlbergern, von denen manche, so wie ich, von anderswo stammen und nun Vorarlberg gemeinsam neu finden sollen. Das ist lustvoll, aber auch herausfordernd. Denn Vorarlberg ist auch wie eine Diva, sie ziert sich, sie will auf Händen getragen werden. Hinaus aus einer wohl saturierten splendid isolation, in der man sich gut eingerichtet hat – trotz globaler Abhängigkeiten einer an Export und Tourismus orientierten Wirtschaft.

Noch leistet man es sich, keine Universität zu haben, obwohl man längst weiss, dass ganzheitliche Bildung (und Studierende, die neugierig ins Land kommen) der Schlüssel zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung ist. Man will aus guten Gründen eine gemeinsame Schule, aber man traut sich nicht wirklich einen Konflikt mit Wien einzugehen. Man leistet sich einen Mangel an ganztägiger Kinderbetreuung, der die Benachteiligung von Frauen fördert, statt Geschlechtergerechtigkeit. Und noch immer leistet man es sich, stolz darauf zu sein, dass es so viel Wohnungseigentum gibt, obwohl man weiss, dass es für dringend benötigte, qualifizierte Zuwanderer nun vor allem bezahlbare Mietwohnungen bräuchte. Und man leistet sich Kirchturmpolitik in einer Zeit, in der man längst gemeinsam agieren müsste. Ja, das Land leistet es sich, die Akteure der Kulturszene und die Städte gegeneinander auszuspielen – statt begeistert die Chance darauf zu ergreifen, die Europäische Kulturhauptstadt 2024 nach Vorarlberg zu holen. Nun gibt es diese Chance paradoxerweise trotzdem, denn es lassen sich ja nicht mehr alle gegeneinander ausspielen.

Vielleicht erkennt das Land, erkennen seine Akteure in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ja gerade, dass es sich in seiner kulturellen Szene ins Freie hineindenken könnte, sein Potenzial austesten. Und dabei auch Wege finden könnte, bei all dem Wachstum auch seinen sozialen Zusammenhalt zu wahren, auf die Schwächsten zu achten, neugierig zu sein für die Fremden, für «das Fremde», für gemeinsame Werte jenseits der bequemen Gewohnheit (die man manchmal mit «Tradition» verwechselt). So ist Vorarlberg auf eigensinnige Weise in vielen Bereichen gerade auf dem Sprung. Man weiss noch nicht ganz, ob es sich traut – oder all die schönen Träume vom Zukunftsland als Rohrkrepierer enden. Wahrscheinlich war es schon lange nicht mehr so spannend, hier zu leben.

Hanno Loewy, 1961, geboren in Frankfurt a.M., seit 2004 Direktor Jüdisches Museum Hohenems. Viele Veröffentlichungen, u.a. «Jukebox, Jewkbox/Ein jüdisches Jahrhundert auf Schellack & Vinyl»

Hanno Loewy, 1961, geboren in Frankfurt a.M., seit 2004 Direktor Jüdisches Museum Hohenems. Viele Veröffentlichungen, u.a. «Jukebox, Jewkbox/Ein jüdisches Jahrhundert auf Schellack & Vinyl»

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