Ostschweizer helfen ostschweizern

Mehrere Jobs und kein Geld für eine Matratze: Wie «Ostschweizer helfen Ostschweizern» den Alltag einer von Alzheimer betroffenen Familie erleichtert

Der Mann von Jeannette Oehler hat Alzheimer. Die Weihnachtsaktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» hat den Alltag der St. Gallerin und ihrer Tochter ein Stück leichter gemacht.

Rossella Blattmann
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Jeanette Oehler (l.) mit Tochter Rebekka Weber und Enkelin Simona.*

Jeanette Oehler (l.) mit Tochter Rebekka Weber und Enkelin Simona.*

Bild: Tobias Garcia

Ihr Kinderlachen ist von weither zu hören. Die zweijährige Simona rutscht eine blaue Plastikrutschbahn hinunter. An diesem verregneten Novembermorgen ist der Wittenbacher Spielplatz noch fast leer. «Gut hast du das gemacht», ruft Simonas Mutter Rebekka Weber (31). Das Mädchen mit dem orangen Regenanzug schaut derweil zu seiner Grossmutter Jeannette Oehler (57).

In dieser Momentaufnahme ist die Stimmung gelöst. Doch Oehler und Weber haben kein einfaches Leben. Oehlers Mann Christian (59), der die drei nicht auf den Spielplatz begleitet hat, ist krank. Die Diagnose: Alzheimer.

Burn-out oder Depression?

Alzheimer, oder Alzheimer-Demenz, ist eine unheilbare Störung des Gehirns. Nervenzellen im Gehirn sterben ab, Erkrankte werden zunehmend vergesslich, verwirrt und orientierungslos. Wahnhafte Vorstellungen und Passivität gehören auch zu den Anzeichen.

In der Schweiz steigt die Zahl der Alzheimer-Kranken exponentiell mit dem fortschreitenden Alter. Vor zehn Jahren, als er nur 49 Jahre alt war, zeigten sich bei Christian Oehler am Arbeitsplatz die ersten Symptome. «Mein Mann wurde immer langsamer, verlor die Orientierung, verfuhr sich», sagt Jeannette Oehler. Bald folgte die Kündigung.

Demenzerkrankungen in der Schweiz

Anzahl Erkrankter in Prozent
Männer
Frauen
30-5960-6465-6970-7475-7980-8485-89ab 90010203040

«Die Ärzte vermuteten zunächst Burn-out oder Depression», sagt die
St.Gallerin über die Krankheit ihres Mannes. Doch sie habe immer gespürt, dass mehr dahinterstecke. «Ich liess nicht locker», sagt sie. «Bis vor zwei Jahren Ärzte am Kantonsspital St.Gallen Alzheimer diagnostizierten.»

Der Zustand ihres Mannes habe sich seither rapide verschlechtert. Autofahren gehe schon lange nicht mehr, bald könne sie ihn nicht mehr alleine zu Hause lassen. Besuch sei auch schwierig. «Sind zu viele Leute da, fühlt sich mein Mann rasch überfordert.» Das Pflegeheim sei dann die letzte Station, sagt die 57-Jährige mit den kurzen, weissen Haaren.

Hilfe von «Ostschweizer helfen Ostschweizern»

Die Pflege von Jeannette Oehlers Ehemann ist teuer. Medikamente, Therapie, Betreuung: Das alles kostet Geld. Und das ist knapp. Jeannette Oehler sagt:

«Ich habe vier Teilzeitjobs als Reinigungskraft im Stundenlohn.»

Mehr als 2000 Franken pro Monat verdiene sie dabei nicht. Nochmals 2000 Franken von der Invalidenversicherung (IV) des Mannes macht ein Einkommen von 4000 Franken: wenig für einen St.Galler Zweipersonenhaushalt mit Zusatzkosten.

Alzheimer belastet auch den Alltag der Angehörigen. Jeannette Oehler ist deshalb in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alzheimer
St.Gallen. Eine Beraterin wurde auf die Notsituation aufmerksam und stellte bei «Ostschweizer helfen Ostschweizern» ein Gesuch von 4000 Franken. Anfang dieses Jahres habe sie das Geld erhalten, sagt Jeannette Oehler.

«Eine unglaubliche Erleichterung. Mir fiel eine grosse Last von den Schultern.»

Mit dem OhO-Geld konnte sie einen finanziellen Engpass überbrücken. Und: «Ich konnte die Zeit mit meinem Mann wieder unbeschwert geniessen, bei einem Spaziergang im Wald, draussen in der Natur.»

Die Familie hält zusammen

Jeannette Oehler unterstützte mit ihrem knappen Budget bis vor kurzem auch ihre Tochter Rebekka. Darum stellte Alzheimer St.Gallen gleichzeitig für die 31-Jährige ein Gesuch bei «Ostschweizer helfen Ostschweizern», das ebenfalls durch den Beirat bewilligt wurde. Rebekka Weber ist alleinerziehend und lebt getrennt von ihrem Mann, die Scheidung steht noch aus. Die langjährige Beziehung ging wegen einer anderen Frau in die Brüche. Simonas Vater lebt im Kanton Bern und macht dort eine zweite Ausbildung. «Ich habe ihm unser gemeinsames Erspartes überlassen, damit er seinen Traum verwirklichen konnte», sagt Weber.

Zurück in der Ostschweiz blieb nicht mehr viel Geld übrig. Die Unterstützung von OhO hätte ihr das Leben sehr erleichtert. Weber sagt:

«Mir fiel ein Stein vom Herzen.»

Die 31-Jährige wohnt mit der kleinen Simona in Wittenbach und hat, wie ihre Mutter, mehrere Teilzeitjobs als Reinigungskraft. Aus Lohn und Alimenten von Simonas Vater habe sie nicht mehr als 3000 Franken pro Monat zur Verfügung. Mit dem Geld von OhO habe sie Möbel für ihre Wohnung gekauft. Ein neues Sofa, eine neue Matratze – auf der sich auch die kleine Simona austoben kann.

*Namen von der Redaktion geändert.

«Ostschweizer helfen Ostschweizern»

Die Weihnachtsaktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) unterstützt Menschen in der Region. Träger des unabhängigen Vereins sind das «St. Galler Tagblatt» und seine Regionalausgaben sowie das Ostschweizer Fernsehen TVO und Radio FM1. Seit 2005 wird jeweils in der Vorweihnachtszeit Geld gesammelt und, wenn immer möglich, bis Weihnachten überwiesen.

Spenden kann jeder, auch kleine Beträge helfen. OhO will entlasten und eine Freude bereiten. Die Aktion unterstützt sowohl Einzelpersonen als auch Familien aus den Kantonen
St. Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell. Jedes Gesuch muss begründet sein und die Notsituation genau dargelegt. Privatpersonen, Sozialämter, Hilfswerke und Anlaufstellen für Menschen in Not können noch bis 30. November Gesuche einreichen.

Der ehrenamtliche Beirat, präsidiert von der ehemaligen Ausserrhoder Regierungsrätin und Frau Landammann Marianne Koller-Bohl, entscheidet in den Monaten November und Dezember über die Spendenvergabe. Dem neutralen Gremium gehören Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik aus allen vier Ostschweizer Kantonen an. (red.)

So können Sie spenden: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, «Ostschweizer helfen Ostschweizern» zu unterstützen. Weiter Informationen finden sie hier.