Mehr schwere Gewaltdelikte, aber weniger Delikte gegen die sexuelle Integrität: Die Fakten und Zahlen zur St.Galler Kriminalstatistik 

Die polizeiliche Kriminalstatistik des Kantons St.Gallen für das Jahr 2019 liegt vor. Die Gesamtkriminalität lag unter dem Wert des Vorjahres, schwere Gewaltdelikte haben zugenommen. Das im 2018 gegründete Kompetenzzentrum Cybercrime weisst erstmals konkrete Zahlen auf.

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Im Kanton St.Gallen ist es 2019 zu mehr schweren Gewaltdelikten gekommen.

Im Kanton St.Gallen ist es 2019 zu mehr schweren Gewaltdelikten gekommen.

Bild: Jean-Christophe Bott / Keystone

(pd/evw) Insgesamt nahm die Aufklärungsquote 2019 im Vergleich zu 2018 leicht – auf rund 59 Prozent – ab. Laut einer Medienmitteilung der Kantonspolizei St.Gallen vom Montag entsprechen die Aufklärungsquoten bei Delikten gegen Leib und Leben und bei Gewaltstraftaten mit leichten Schwankungen den langjährigen Tendenzen im Kanton St.Gallen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Kriminalität im Kanton St.Gallen hat 2019 um gesamthaft sechs Prozent abgenommen.
  • Die schweren Gewaltdelikte (Tötungsdelikte, schwere Körperverletzungen, schwerer Raub und Vergewaltigungen) haben um 67 Prozent zugenommen. Dabei ist besonders die Anzahl Vergewaltigungen von 18 Fällen auf 45 Fälle zu erwähnen.
  • Delikte gegen die sexuelle Integrität (Vergewaltigungen, sexuelle Handlungen mit Kindern, verbotene Pornografie und Exhibitionismus) haben trotz der Zunahme von Vergewaltigungen insgesamt um 15 Prozent abgenommen, was vor allem auf einen Rückgang um 63 Prozent bei sexuellen Handlungen mit Kindern zurückzuführen ist.
  • Das 2018 gegründete Kompetenzzentrum Cybercrime weist für 2019 die ersten konkreten Zahlen zu Straftaten mit Cyberbezug aus. Insgesamt erfasste das Kompetenzzentrum 1'231 Cyberdelikte. Davon waren rund 75 Prozent Vermögensdelikte und 14 Prozent Sexualdelikte.
  • Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz nahmen 2019 um 29 Prozent ab. Dies darf darauf zurückzuführen sein, dass seit 1. März 2019 ein straffreier Einzug von Marihuana (bis 10 Gramm) sowie Kokain und Heroin (je bis zwei Gramm) möglich ist.

Cybercrime – erste Jahreszahlen 

Seit dem 1. Septmeber betreiben die Kantonspolizei und die Staatsanwaltschaft St.Gallen ein Cybercrime Kompetenzzentrum. Dieses nimmt Unterstützungsaufgaben im Bereich der digitalisierten Kriminalität wahr und ist in der Aus- und Weiterbildung tätig. Das Kompetenzzentrum Cybercrime ermittelt vor allem in technisch komplexen Fällen und solchen mit internationalem Bezug. Daneben befassen sich aber auch die übrigen Mitarbeitenden der Kantonspolizei mit Cyberdelikten, wie z.B. über das Internet begangene Vermögensdelikte (vornehmlich Betrügereien), Sexualdelikte (vor allem Pornographie) oder Ehrverletzungen (Beschimpfungen, üble Nachrede).

Ein erstes Mal liegen nun konsolidierte Zahlen vor, wo Straftaten mit Cyberbezug ausgewiesen werden können. Allerdings ist eine grosse Dunkelziffer zu vermuten, da nur die Delikte erscheinen, die auch bei der Polizei angezeigt wurden: 

Kapo SG

Laut dem Communiqué der Kantonspolizei St.Gallen zeige diese Zahlen, wie wichtig die permanente Weiterentwicklung der Strafverfolgungsbehörden ist – insbesondere im Bereich der Cyberdelikte, da das wirtschaftliche Schadenspotential enorm gross ist. Wichtig dabei sei es, die Arbeitsumgebung der Mitarbeiter zu modernisieren. Zudem sollten auch auch die technischen Fähigkeiten der Mitarbeitenden verbessert werden.

Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) und Mehrjahresvergleich Kanton St.Gallen seit 2011 

Die Gesamtkriminalität lag im Jahr 2019 im Kanton St.Gallen mit total 25’013 erfassten Straftaten um knapp 6 Prozent unter der Anzahl Straftaten im Jahr 2018. Damit hat nach einem Anstieg im Jahr 2018 die Zahl der Straftaten im Jahr 2019 wieder abgenommen. Allerdings haben die schweren Gewaltdelikte (Tötungsdelikte, schwere Körperverletzungen, schwerer Raub und Vergewaltigungen) im vergangenen Jahr massiv um 67 Prozent zugenommen (von 69 auf 115 Straftaten).

Nach dem Erfassungsmodus der PKS entspricht die Aufklärungsquote 59 Prozent (Vorjahr 62%), im Bereich der StGB-Delikte 46 Prozent (Vorjahr 46%). Das Sinken der Aufklärungsquote dürfte im Wesentlichen auf das Sinken der Betäubungsmitteldelikte zurückzuführen sein, welche als Kontrolldelikte eine Aufklärungsquote von gegen 100 Prozent aufweisen.

Die Vermögensdelikte haben um 2%, von 11‘926 auf 12‘118 zugenommen. Insbesondere die Diebstähle haben um 6% und die Raubüberfälle um 39% zugenommen, während die angezeigten Betrugsfälle um 19% abgenommen haben

Die Sexualdelikte sind von 500 auf 423 um 15 Prozent gesunken, sexuelle Handlungen mit Kindern haben abgenommen, während die Vergewaltigungs-Anzeigen massiv zugenommen haben.

Kapo SG

Regionale Entwicklung

In den einzelnen Regionen war bei den statistisch ausgewiesenen StGB-Straftaten im Jahr 2019 keine einheitliche Entwicklung zu erkennen. In der Stadt St.Gallen nahmen die StGB Straftaten um sieben Prozent ab, in den Regionen Werdenberg-Sarganserland und Linthgebiet-Toggenburg um zwei beziehungsweise acht Prozent, während sie in der Region Bodensee-Rheintal um dreizehn Prozent und in der Region Fürstenland-Neckertal um sieben Prozent stiegen: 

Beschuldigte Personen

Beschuldigte (insbesondere männliche) Personen im Alter von 15 bis 29 Jahren treten nach wie vor als allgemein aktivste Altersgruppe in Erscheinung – was die langjährigen Erfahrungen bestätigt. Dabei sind nach wie vor die männlichen Beschuldigten in der überwiegenden Mehrheit. Der Ausländeranteil der Beschuldigten im Bereich der Widerhandlungen gegen das Strafgesetzbuch lag 2019 im langjährigen Prozentbereich um 50 Prozent (genau 53,3%). Hoch liegt der Ausländeranteil nach wie vor im Bereich der Diebstähle, aber auch bei den schweren Körperverletzungen sowie der Raubüberfälle.

Delikte gegen Leib und Leben, inklusive Auswahl vollendeter Tötungsdelikte sowie Tötungsversuche

Im Jahr 2019 weist die PKS in elf Fällen drei vollendete Tötungsdelikte und acht Tötungsversuche aus. Damit ist die Anzahl der Delikte um eines gesunken. 

  • 08.06.2019, Versuchte Tötung in St.Margrethen: Drei Männer fuhren zusammen in einem Lieferwagen vor eine Liegenschaft in St.Margrethen. Dabei stellten sie zwei vorerst unbekannte Männer fest, welche vor dem Haupteingang der Liegenschaft warteten. Einer der drei Männer fiel nach Tätlichkeiten und einem gezielten Schlag auf den Kopf zu Boden. Darauf hielt der Beschuldigte eine Schreckschusspistole an die rechte Schläfe des Geschädigten und drücke ab.
  • 11.08.2019, Tötungsdelikt in Rapperswil: Der Beschuldigte stach in der Unterführung des Bahnhofs mit einem Messer auf seine Mutter ein, welche in der Folge ihren Verletzungen erlag.
  • 27.10.2019, Versuchte Tötung in St.Gallen: Im Laufe einer Meinungsverschiedenheit stach der Beschuldigte mit einem Messer mehrfach auf den Geschädigten ein.
  • 31.10.2019, Tötungsdelikt in Au: Der Beschuldigte stach mit einem Messer auf seine Partnerin ein und fügte ihr dadurch tödliche Verletzungen zu. In der Folge brachte der Beschuldigte sich selbst um.

Wie bereits im Vorjahr, konnten auch im vergangenen Jahr sämtliche vollendeten und versuchten Tötungsdelikte aufgeklärt werden. Bei den schweren Körperverletzungen liegt die Aufklärungsquote bei knapp 80% und bei den Delikten gegen Leib und Leben bei 88%.

Gemeingefährliche Delikte

Gegenüber dem Vorjahr gab es eine Zunahme der Brandstiftungen von 28 auf 33, also um 18 Prozent. Die Aufklärung lag bei 64 Prozent. Dieser Wert bewegt sich leicht über dem Mittel der Vorjahre, nachdem 2017 mit 17 Brandstiftungen ein enorm tiefer Wert verzeichnet war. Hier ist anzufügen, dass Ermittlungen bei Brandstiftungen sich im Normalfall enorm aufwändig gestalten und meist mit verdeckten Zwangsmassnahmen vorgegangen werden muss.

Delikte gegen die sexuelle Integrität

Nachdem die Sexualdelikte im Vorjahr um rund die Hälfte zugenommen hatte, ist deren Zahl im vergangenen Jahr wieder um 15 Prozent von 500 auf 423 gesunken. Auch die Anzahl der geklärten Delikte hat abgenommen, was folgendermassen zu erklären ist: Im Vorjahr war die Anzahl der Fälle von sexuellen Handlungen mit einem Kind auch einem hohen Niveau, was auf Einzelfälle mit diversen Delikten zurückzuführen war. Entsprechend hoch war die Aufklärungsquote, da die einzelnen Täter im Wesentlichen ermittelt werden konnten. 

Delikte gegen das Vermögen

Es gab eine Zunahme der Straftaten um zwei Prozent von 11'926 auf 12'118, dabei liegt die Aufklärung bei 33 Prozent. Hier haben vor allem die Veruntreuungen massiv um 63 Prozent abgenommen. Leider sind andere Delikte jedoch im vergleichbaren Mass gestiegen, wie Erpressungen oder Fälle ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Diebstähle

  • Abnahme der Fahrzeugdiebstähle um zwei Prozent (Aufklärung liegt bei vier Prozent)
  • Zunahme der Diebstähle ohne Fahrzeuge um sieben Prozent (Aufklärung 38 Prozent)
  • Zunahme von Einbruchdiebstählen um vier Prozent (Aufklärung 34 Prozent)
  • Zunahme von Einschleichdiebstählen um 19 Prozent (Aufklärung 17 Prozent)

Dabei fällt auf, dass von den Einbruchdiebstählen vor allem die Region Bodensee-Rheintal betroffen war (Zunahme von 285 auf 394 Delikte). In anderen Regionen nahm die Anzahl Einbruchdiebstähle sogar ab oder blieb ungefähr gleich. Bei den Einschleichdiebstählen erfolgte eine Zunahme in den Regionen Bodensee-Rheintal, Werdenberg-Sarganserland und Fürstenland-Neckertal. In der Stadt St.Gallen blieb die Zahl der Einschleich- und der Einbruchdiebstähle nahezu konstant.

Raubdelikte

Die Raubüberfälle haben massiv zugenommen, von 70 auf 97, was einen Anstieg von 39 Prozent ergibt. Dabei sind sowohl die bewaffneten wie auch die unbewaffneten Raubüberfälle gestiegen. Die Zunahme von schwerem Raub hat mit einem Anstieg von 19 auf 31 Delikten eine Zunahme von 63 Prozent. Die Aufklärung liegt jeweils bei 55 Prozent.

Die schweren Raubüberfälle sind vor allem in der Stadt St.Gallen angestiegen (von 3 auf 14), während die Zahl der unbewaffneten Raubüberfälle in den Regionen Bodensee-Rheintal, Linthgebiet-Toggenburg und Fürstenland Neckertal zugenommen hat. Zu erwähnen dabei ist, dass die Hälfte aller ermittelten Täter bei unbewaffneten Raubüberfällen unter 18-jährig ist, während bei den bewaffneten Raubüberfällen von ermittelten 24 Tätern deren 17 unter 18 Jahre alt waren.

Widerhandlungen gegen das Bundesgesetz über die Betäubungsmittel

Im Jahr 2019 sanken statistisch gesehen die Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz um 29 Prozent von 4'986 auf 3’524 Straftaten. Im Wesentlichen dürfte dies auf die Weisung der Staatsanwaltschaft St.Gallen zurück zu führen sein, welche am 1. März 2019 in Kraft trat. Darin legte die Staatsanwaltschaft fest, dass Personen über 18 Jahren der reine Besitz (ohne Konsum) bis zehn Gramm Marihuana bzw. zehn Gramm Haschisch straffrei ist. Grundsätzlich erfolgt in solchen Fällen die straflose Einziehung der Drogen. Dasselbe gilt für den Besitz einer Menge von bis zu zwei Gramm Heroin und zwei Gramm Kokain. Diese Regelung gilt allerdings nur, sofern der beschuldigten Person kein Konsum oder Handel von Betäubungsmitteln zur Last gelegt werden muss.

Im Gegensatz zu den oben erwähnten Zahlen nahm dafür der Betäubungsmittel-Schmuggel um 18 Prozent oder von 393 auf 465 Straftaten zu. Bei den Häufigkeitszahlen stehen dann auch die Rheintaler-Grenzorte Au, St. Margrethen und Diepoldsau vor der Stadt St. Gallen. Bei den Sicherstellungen ist Kokain mit über 15 kg weiterhin auf einem sehr hohen Niveau.

Internationale Ermittlungen zusammen mit Deutschland und Holland gegen vorwiegend nigerianische Kokainhändler haben zu diesem Resultat geführt. Die Heroinsicherstellungen sind von 20 kg auf 7,4 kg zurückgegangen. Trotz vielen erfolgreichen Ermittlungen gegen serbische und albanische Heroinhändler fehlte eine Grosssicherstellung (2018 / 14 kg). Von 2,3 kg auf über 10 kg gestiegen ist dafür die sichergestellte Menge bei Amphetamin. Amphetamin ist wie Kokain eine stimulierende, aufputschende Droge und bestätigt den Trend in Richtung Stimulantien. Trotz vielen gemeldeten, legalen CBD-Hanfanbaustellen oder gar Fabriken stiegen die THC-Hanfsicherstellungen von rund 100 kg auf über 125 kg an.

Die Drogentodesfälle blieben mit fünf auf dem gleichen Stand wie im Vorjahr. 2019 ist erstmals im Kanton St. Gallen keine weiblichen Personen an einer Drogenüberdosis gestorben.

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