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MEDIZIN: Fehlendes Herzblut

St. Galler Herzpatienten liegen auswärts – nicht ganz freiwillig. Im eigenen Kanton gibt es keine Herzchirurgie. Die Regierung hat eine klare Haltung dazu.
Regula Weik

Regula Weik

regula.weik

@tagblatt.ch

Dieser Bericht der Regierung geht ans Herz. Das ist längst nicht bei jeder politischen Vorlage so. Doch diesmal ist es anders. Es geht ums Herz. Um die herzchirurgische Versorgung der St. Galler Patientinnen und Patienten. Das Herz weckt Emotionen, und wenn es um seine Gesundheit geht, erst recht. Noch hat das Kantonsparlament nicht über den Bericht diskutiert; doch es ist davon auszugehen, dass es eine Debatte mit Herzblut wird. Das Blut des einen oder anderen Freisinnigen dürfte in Wallung geraten – die Fraktion der Freisinnigen war es gewesen, die vor zehn Jahren ein Postulat eingereicht hatte mit ebendiesen Fragen zur herzchirurgischen Versorgung der hiesigen Patienten, welche die Regierung nun beantwortet hat. Alleine das lange Warten auf die regierungsrätlichen Abklärungen und Ausführungen dürfte bei einzelnen Parlamentarierinnen und Parlamentariern den Puls in die Höhe schnellen lassen.

Seit der Gutheissung des Postulats – das Parlament hatte dies im Februar 2008 getan – habe sich einiges verändert, hält denn auch die Regierung fest. Geblieben ist: St. Gallerinnen und St. Galler, die sich Bypässe am Herz einsetzen lassen müssen, die Eingriffe an einer Herzklappe vornehmen oder eine Herzklappe ersetzen lassen müssen, müssen sich in ein auswärtiges Spital begeben. Im Kanton St. Gallen bietet heute kein Spital, weder ein öffentliches noch ein privates, herzchirurgische Eingriffe an, weder Klappenchirurgie noch koronare Bypasschirurgie.

Doppelt so hohe Dichte wie die Nachbarländer

Nun ist aber auch die St. Galler Bevölkerung vor kranken Herzen nicht gefeit. Das Gegenteil ist der Fall: Die herzchi­rurgischen Eingriffe haben in den letzten zehn Jahren zugenommen. 2005 musste bei 319 St. Galler Patienten ein Herzklappen- oder Bypasseingriff vorgenommen werden. Zehn Jahre später war bei 426 St. Gallerinnen und St. Galler eine solche Operation notwendig – das macht etwa 85 Eingriffe pro 100000 Einwohner. Ein Drittel der Eingriffe erfolgte an der Klinik Hirslanden Zürich, etwas mehr als die Hälfte am Universitätsspital Zürich. Die restlichen 15 Prozent teilten sich auf das Herz-Neuro-Zentrum Bodensee und die übrigen Herzzentren auf.

Auch wenn der Kanton St. Gallen über keine eigene Herzchirurgie verfügt: Die hiesigen Patientinnen und Patienten seien gut versorgt, hält die Regierung fest. Herzklappen- und Bypasschirurgie würden an 16 Zentren in der Schweiz angeboten, vier davon allein in Zürich. Die Schweiz verfüge damit über eine doppelt so hohe Dichte an Herzzentren wie die Nachbarländer Deutschland, Österreich oder Frankreich. Auch die früher oft von Patienten gehörte Kritik, sie hätten lange – oder eben zu lange – auf die notwendige Operation warten müssen, sei heute müssig. Heute gebe es keine derartigen Wartefristen mehr – «nicht zuletzt deshalb, weil die st. gallischen Patienten unter mehreren Herzzentren wählen können.»

Eine St. Galler Herzchirurgie würde voraussichtlich 200 Bypasseingriffe nicht oder nur knapp erreichen, so die Einschätzung der Regierung. Bereits heute erreichten 11 der 16 Herzzentren in der Schweiz diese von den europäischen Fachgesellschaften für Herzchirurgie und Kardiologie empfohlene Mindestfallzahl nicht. «Das Verständnis auf nationaler Ebene für ein zusätzliches Herzzentrum in St. Gallen dürfte denn auch gering sein und auf ­Widerstand stossen», hält die Regierung fest.

Leistungsauftrag für Zürcher Hirslanden-Klinik bis Ende 2018

Dennoch: Künftig sollen Ärztinnen und Ärzte auch in St. Gallen studieren können. Das Kantonsparlament hat im November grünes Licht für den St. Galler Medical Master gegeben. Das letzte Wort zur eigenen Medizinerausbildung hat nächstes Jahr das St. Galler Stimmvolk. Gleichzeitig werden am Kantonsspital St. Gallen in den kommenden Jahren Millionen in Um- und Neubauten investiert. Wäre da der Zeitpunkt nicht günstig, über eine eigene Herzchirurgie nachzudenken?

An der Antwort der Regierung gibt es nichts zu deuteln: «Derzeit stellt sich die Frage nach einer St. Galler Herzchirurgie nicht.» Die heute von den St. Galler Herzpatienten favorisierten Kliniken, das Universitätsspital Zürich und die Klinik Hirslanden Zürich, figurierten beide im Bereich Herzchirurgie auf der aktuellen hiesigen Spitalliste. Diese ist im Sommer neu festgelegt worden. Der Leistungsauftrag für die Klinik Hirslanden Zürich wurde nur bis Ende 2018 verlängert; bis dahin muss die Privatklinik den Anteil grundversicherter Herz­patienten aus dem Kanton St. Gallen deutlich steigern – ansonsten erlischt der Leistungsauftrag.

Die Spitalliste gilt noch bis Sommer 2022. Würde dannzumal die Bewerbung eines einheimischen Spitals eingehen, würde diese «anhand der vorgegebenen Evaluationskriterien» geprüft, so die ­Regierung. Für die aktuelle Liste sei keine innerkantonale Bewerbung für den Bereich Herzchirurgie eingegangen. Als Anbieter in Frage kämen wohl das ­Kantonsspital St. Gallen oder eine private Klinik. Eine eigene St. Galler Herz­chirurgie würde auf Klappen- und Bypasschirurgie fokussieren; Herztransplantationen gäbe es auch dannzumal keine im Kanton. Sie gehören zur hochspezialisierten Medizin und werden schweizweit nur am Universitätsspital Zürich, am Inselspital Bern und am Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV) in Lausanne angeboten.

Finanziell betrachtet spielt es für den Kanton keine Rolle, ob die herzchirurgische Versorgung seiner Bevölkerung inner- oder ausserkantonal erfolgt; er muss sich so oder anders mit 55 Prozent an den Behandlungskosten beteiligen. 23,3 Millionen Franken betrugen diese 2015 für Klappen- und Bypasschirurgie. Davon übernahm der Kanton 12,8 Millionen Franken, die Versichererer der obligatorischen Krankenpflegeversicherung 10,5 Millionen.

Neuauflage der Debatte von 1995?

Das Kantonsparlament berät den Bericht in der Februarsession; Parteien und Fraktionen haben sich noch nicht geäussert. Auch Walter Locher, Präsident der vorberatenden Kommission, mag der Beratung im Gremium nicht vorgreifen. Er selber dürfte der Vorlage wenig abgewinnen; der Freisinnige hat in den vergangenen Jahren viel Energie darauf verwendet, die Herzchirurgie wieder auf die politische Agenda zu hieven. Er dürfte kaum Freude gehabt haben, als die Regierung im Sommer die neuen Verträge für die Spitalliste abgeschlossen hat – noch bevor sich das Parlament zur herzchirurgischen Versorgung im Kanton äussern konnte. Ob eine St. Galler Herzchirurgie heute im Parlament derart viel Zustimmung erfahren wird wie anno 1995, ist fraglich. Damals wollten Regierung und Parlament – gegen einzelne Stimmen von Linken und Grünen – 7,5 Millionen in den Aufbau einer Herzchirurgie am Kantonsspital investieren. Der damalige Regierungsrat Burkart Vetsch wies den Vorwurf zurück, es handle sich um ein Prestigeobjekt. Und er zerstreute Befürchtungen, Landspitäler würden geschlossen. Zentralisten, so Vetsch, ­seien jene, welche die Herzchirurgie in Zürich konzentrieren wollten. Das Volk folgte seinem Herz – und schickte das Vorhaben an der Urne bachab.

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