Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Medikamententests in Herisau: Die Patientin starb nicht am Testpräparat

Medikamententests in der psychiatrischen Klinik in Herisau in den 1950er-Jahren hatten vor zwei Jahren Schlagzeilen gemacht. Der Tod einer Testperson sei aber nicht auf das Medikament zurückzuführen, heisst es von Seiten des Kantons. Beim getesteten Präparat handelt es sich um einen «Meilenstein in der Geschichte der Behandlung von Depressionen».
Roman Hertler
Die Appenzell-Ausserrhodische Heil- und Pflegeanstalt auf einer Postkarte, aufgenommen 1948 von Foto Gross. (Bild: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden)

Die Appenzell-Ausserrhodische Heil- und Pflegeanstalt auf einer Postkarte, aufgenommen 1948 von Foto Gross. (Bild: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden)

Vor zwei Jahren gelangte ein Dokument an die Öffentlichkeit, das belegt: In den 1950er-Jahren wurde in der Appenzell-Ausserrhodischen Heil- und Pflegeanstalt in Herisau das Medikament «G22355», ein Präparat der Firma Geigy A.G., an mindestens 16 Personen getestet. Eine Person starb während der Versuchsphase. Ein direkter Zusammenhang mit dem getesteten Medikament scheint nach heutigem Kenntnisstand aber nicht gegeben. Das Dokument war im Zusammenhang mit der Erforschung der Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen aufgetaucht.

Die Ausserrhoder Regierung hat das Bekanntwerden der «Menschenversuche» zum Anlass genommen, die Staatskanzlei mit Nachforschungen zu den genaueren Umständen zu beauftragen. Diese erfolgten in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv und dem Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden (PZA), der Nachfolgeorganisation der Appenzell-Ausserrhodischen Heil- und Pflegeanstalt.

Die Aktenlage habe sich als äusserst dürftig erwiesen, hiess es am Montag an einem Mediengespräch, zu dem der Kanton geladen hatten. Immerhin sei es gelungen, jene Testperson, die zum Zeitpunkt der Versuche gestorben war, zu identifizieren und diesen Einzelfall anhand der Krankenakte zu rekonstruieren.

Heute gelten komplett andere Standards

Die Akten haben gezeigt: Aus ärztlicher Sicht kann ein Kausalzusammenhang zwischen Medikament und dem Tod der Patientin mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Der Tod trat etwa eine Woche nach Absetzen des Medikaments ein. Todesursache war vermutlich ein katatonisches Hirnödem, das entsteht, wenn sich durch eine Verkrampfung der Körpermuskulatur (Katatonie) Salze in zu hoher Konzentration im Blut lösen.

Der damals behandelnde Arzt stellte sich aber die Frage, «wie weit das Präparat beteiligt war». Und zur hohen Dosierung merkte er an:

«Die Nebenerscheinungen unangenehmer Art sind nicht zu bagatellisieren.»

Der Arzt war sich also gewisser Risiken bewusst. Einer Obduktion hatten die Angehörigen der Verstorbenen damals nicht zugestimmt. Als Todesursache lasse sich heute am ehesten eine «febrile, perniziöse Katatonie» vermuten, eine bekannte Krankheitsfolge und nicht Nebenwirkung des Medikaments, sagte am Montag PZA-Chefarzt Uwe Herwig.

Uwe Herwig, Chefarzt im Psychiatrischen Zentrum AR.

Uwe Herwig, Chefarzt im Psychiatrischen Zentrum AR.

Herwig betonte immer wieder, dass es sich beim Testpräparat G22355 um einen «absoluten Meilenstein in der Geschichte der Behandlung von Depressionen» gehandelt hat. Bereits 1958 wurde der Stoff freigegeben und kam unter dem Namen «Tofranil» auf den Markt. Bis im vergangenen Jahr war es eines der am häufigsten verschriebenen trizyklischen Antidepressiva. «Heutige, auf den Forschungen zu Tofranil aufbauende Präparate wirken zwar nicht besser, aber mit weniger Nebenwirkungen», sagt Herwig.

«Heutige Patienten dürfen für die Entwicklung von G22355 dankbar sein.»

Aus ärztlicher Sicht sei es damals auch darum gegangen, den Patienten möglichst zu helfen. In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, ob ein Arzt einem Patienten ein unbewilligtes Präparat vorenthalten soll, welches ihm möglicherweise Linderung verschafft. «Natürlich haben wir heute komplett andere ethische und medizinische Standards, und Patienten müssen freiwillig und zurechnungsfähig in solche Test einwilligen.» Dies sei 1957 noch nicht so gewesen. Aber es sei davon auszugehen, dass die Angehörigen informiert waren.

Chefarzt steigt selber in die muffigen Keller

Chefarzt Uwe Herwig hat sich die Medikamententests von 1957 zur persönlichen Angelegenheit gemacht.

«Ich will wissen, was in ‹meiner› Klinik geschah.»

Als sein Team in den Archiven nicht fündig wurde, ist er selbst in die Keller der weitläufigen Anlage gestiegen und hat nach verborgenen Kisten Ausschau gehalten, deren Inhalt Aufschluss über die Hintergründe der Testreihe geben könnten. Er blieb erfolglos. Das vor zwei Jahren publizierte Dokument ist das einzige Zeugnis der Geschehnisse. Die Patientendossiers sind alphabetisch geordnet, nicht aber chronologisch. Daher konnte bisher lediglich eine einzige Testperson anhand ihres Todesdatums und des Todesregisters der Gemeinde Heris­au identifiziert werden, erklärte Staatsarchivarin Jutta Hafner.

Ratsschreiber Roger Nobs.

Ratsschreiber Roger Nobs.

«Es liegt in der Verantwortung des Kantons, die Angelegenheit möglichst genau zu ergründen und Transparenz für die ­allenfalls noch lebenden Betroffenen, deren Angehörige, aber auch für die Öffentlichkeit zu schaffen», sagte Ratsschreiber Roger Nobs, betonte aber, dass es nun nicht darum gehe, über die Tests zu urteilen. Zur detaillierten historischen Aufarbeitung fehlten sowohl Direktions- als auch Forschungsakten, die über die Hintergründe der Testreihe Aufschluss geben.

Es besteht die Hoffnung, über Betroffene oder Angehörige an Informationen und vor allem an die Namen der anderen 15 Testpersonen zu gelangen, um weitere Patientenakten konsultieren zu können. Hinweise dazu werden beim PZA in Herisau oder bei der Opferhilfe St.Gallen-Appenzell entgegengenommen. Ob eine vertiefte Studie in Auftrag gegeben werden soll, will der Ausserrhoder Regierungsrat zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.