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Jedem Lehrer seine Prüfung – Maturaprüfungen sind zu wenig vergleichbar

Hunderte von Kantischülern beugen sich zurzeit wieder über die Maturaprüfungen. An der Uni treffen sie auf Studierende, die trotz gleicher Noten schlechter oder besser vorbereitet sind als sie. Bildungsforscher kritisieren diese Ungleichheit.
Janina Gehrig
Ob Einheitsprüfungen das Bildungsniveau heben oder senken, darüber gehen die Meinungen auseinander. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Ob Einheitsprüfungen das Bildungsniveau heben oder senken, darüber gehen die Meinungen auseinander. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Berechne die Wahrscheinlichkeiten», «Erörtere das Zitat», «Remplacez les parties soulignées»: Die Ostschweizer Maturandinnen und Maturanden sitzen derzeit wieder vor solchen und ähnlichen Aufgaben. Nach vier Jahren Gymnasium knobeln sie an komplizierten Mathematikaufgaben, verfassen Aufsätze zu philosophischen Fragen und suchen nach den richtigen Französischpronomen. In der Hoffnung, für die meisten von ihnen, schon bald mit dem Maturitätszeugnis gewappnet an einer Universität im Hörsaal zu sitzen.

Wie gut die Schüler in Trogen, Wattwil, Romanshorn, Heerbrugg oder am Burggraben in St. Gallen tatsächlich abschneiden, wissen am besten deren Lehrer. Sie schreiben die Prüfungen, sie setzen die Noten. Die Anforderungen sind von Kanton zu Kanton, von Schule zu Schule und teils auch von Lehrperson zu Lehrperson unterschiedlich.

«Die Maturanden sind die Betrogenen»

Das sei ungerecht, sagt Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung. Kommenden Dienstag legt er Bund und Kantonen den neuesten Bildungsbericht vor, der auch auf dieses Thema eingeht. «Je nach Kanton, Gymnasium und Schwerpunktfach bestehen riesige Unterschiede. Das führt dazu, dass Schüler von der Mittelschule ausgeschlossen werden, die andernorts mit denselben Leistungen die Matura erreichen würden.»

Eine ­gewisse Standardisierung sei deshalb notwendig. Studien zeigten, dass Standardprüfungen in einigen deutschen Bundesländern das Niveau der Schüler angehoben hätten. Gleichzeitig belege die hohe Quote der Studienabbrüche von einem Viertel hierzulande, dass Maturanden trotz gleicher Vornoten nicht alle gleich gut fürs Universitätsstudium vorbereitet seien. «Sie sind dann die Betrogenen.» Wolter plädiert nicht nur für standardisierte Abschlussprüfungen, sondern auch für mehrere Vergleichsprüfungen während der Schulzeit.

Kanton will Austausch unter Schulen

In diese Richtung gehen auch die Reformvorschläge, welche die Schweizerische Mittelschulämterkonferenz (Smak) ausgearbeitet hat, um den prüfungsfreien Hochschulzugang zu sichern. Nicht die Vereinheitlichung der Maturaprüfungen, sondern deren Vergleichbarkeit in Sachen Inhalt, Niveau und Art der Bewertung ist das Ziel.

So verabschiedete die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) im März 2016 Empfehlungen an die Kantone. Zürich, Aargau, beide Basel und Solothurn haben darauf neue Regelungen definiert. So auch der Kanton St. Gallen. Er hat das Projekt «Gemeinsame Prüfungskultur» gestartet, das den schulinternen und kantonalen Austausch in den Fachschaften fördern soll. Das Augenmerk liege dabei auf dem vertieften Austausch über Unterrichtsinhalte und «gemeinsame Prozesse zur Entwicklung von Prüfungen», schreibt Stefan Kölliker, Regierungspräsident und Vorsteher des St. Galler Bildungsdepartements, auf Anfrage der «Ostschweiz am Sonntag».

Wolter findet das einen «guten Anfang». Aufgrund der unterschiedlichen Maturitätsquoten – in Genf und im Tessin erwerben etwa 30 Prozent der jungen Erwachsenen das Maturazeugnis, in der Ostschweiz nur 15 Prozent – müssten die Prüfungen tatsächlich über die Kantone hinweg koordiniert werden. Ausserdem fordert er, dass die Kontakte zwischen Kantilehrern und Uniprofessoren verstärkt werden. «Der durchschnittliche Gymnasiallehrer ist 20 Jahre von der eigenen Studienzeit entfernt. Nicht jeder weiss, was sich seither in seinem Fach getan hat.»

Gymnasien leisten Widerstand

Noch findet der Austausch vor allem zwischen Lehrern derselben Fächer und derselben Schule, aber nicht schulübergreifend statt. Unter Gymnasiallehrpersonen formiert sich vor allem gegen die Idee eines einheitlichen Abschlusses Widerstand. Dieser habe zwar Vor- und Nachteile, sagt Daniela Weber, Prorektorin an der Kantonsschule Trogen. «Ein gewisser individueller Spielraum für die Lehrperson und die Klassen muss aber erhalten bleiben.» Völlig frei seien die Lehrer ohnehin nicht. Der Lehrplan definiere klar, was die Schüler bis zum Ende der Ausbildung wissen müssten. So schreiben in Trogen die Fachlehrerinnen und -lehrer der Abschlussklassen die Maturaprüfungen gemeinsam.

Auch an der St. Galler Kantonsschule am Burggraben gilt der Grundsatz «Wer lehrt, der prüft». Dies stelle eher anspruchsvolle Prüfungen sicher, zumal einerseits speziell vertieftes Wissen, aber auch Aspekte der Persönlichkeitsbildung wie kritisches Denken berücksichtigt würden, schreibt Rektor Marc König auf Anfrage.

Schüler sind keine genormten Schrauben

Lucius Hartmann, Vizepräsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer, haut in dieselbe Kerbe: «Gymnasien produzieren nicht Schrauben, die genormt sein müssen. Sie setzen Leitplanken, um gebildete Menschen hervorzubringen, die mit den vielfältigen, anspruchsvollen Aufgaben in der Gesellschaft umgehen können.» Hartmann widerspricht Wolter auch in Bezug auf die Aussage, einheitliche Prüfungen würden die Qualität verbessern. Im Ausland sei die «Drop Out»-Quote der Lehrpersonen zudem viel höher als hierzulande, wo es viele sehr engagierte Lehrpersonen gebe. «Müssten sie zu viel Autonomie einbüssen, würde die Attraktivität des Berufs schwinden», sagt Hartmann. Eine gewisse Harmonisierung der Prüfungen auf kantonaler Ebene sei zwar anzustreben, hält er fest. Insgesamt klappe dies aber schon sehr gut.

Anstrengungen für vergleichbarere Vorgaben

Die Debatte um einheitliche Maturitätsprüfungen wurde spätestens 2007 ausgelöst, als die Studie Evamar II schweizweit massive Unterschiede zwischen den Maturandinnen und Maturanden in Bezug auf ihre Kompetenzen festgestellt hatte. So forderte der ehemalige ETH-Präsident Ralph Eichler bereits vor zehn Jahren landesweit einheitliche Standards für die Maturaprüfung, weil Studienanfänger je nach Herkunft nicht gleich viel wüssten.

Auch im Thurgau schlugen Politiker 2011 in einer Interpellation eine einheitliche Abschlussprüfung für alle Thurgauer Mittelschulen vor. Der Regierungsrat zeigte sich skeptisch. Einheitsprüfungen führten zu einer Nivellierung nach unten, schrieb er in seiner Antwort. Auf Empfehlung der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) haben die Kantone nun vereinzelt Anstrengungen unternommen, um die Zusammenarbeit zwischen den Fachschaften pro Schule, teils aber auch zwischen den Schulen innerhalb desselben Kantons zu verstärken. Im Kanton Zürich pflegen etwa Gymnasiallehrer und Uniprofessoren einen engen Austausch. (jan)

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