Semesterstart mit Maske: Wie HSG-Studierende ihren ersten Uni-Tag mit den Coronamassnahmen erlebten

Gut gelaunt sind die Studierenden der Uni St.Gallen gestern in ein ungewöhnliches Herbstsemester gestartet. Zu ihrer Freude sind Präsenzveranstaltungen wieder möglich.

Serafin Reiber
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Bücher nur mit Maske: Zwei Assessment-Studenten der HSG an ihrem ersten Tag auf dem Rosenberg.

Bücher nur mit Maske: Zwei Assessment-Studenten der HSG an ihrem ersten Tag auf dem Rosenberg.

Bilder: Tobias Gracia (St. Gallen, 14. September 2020)

An der Buslinie fünf nach Rotmonten ging Corona, von der Maske abgesehen, spurlos vorbei: Parfüm- und Rasierwasserduft durchströmt den gut gefüllten Gelenkbus, in dessen Innerem sich das Weiss akkurat gebügelter Slim-Fit-Hemden mit dem Königsblau der Blazer mischt.

Die Stimmung ist gut, fast ausgelassen. An der Dufourstrasse teilt sich der Pulk. Die einen zieht es zur Stärkung in die Bäckerei Schwyter, die anderen hasten weiter, in der Eile die Tannenstrasse diagonal überquerend.

Lauter Oberklassewagen im Univiertel

Der Weg nach oben ist kurz; kurz genug für einige, um die Maske anzubehalten. Andere tragen sie lässig am Handgelenk, «wie Handschellen», scherzt einer. Die Parkplätze in der Curtistrasse belegen Oberklassewagen mit deutschen und österreichischen Kennzeichen.

In den Kofferräumen sind die aufgerissenen Verpackungen von Möbeln auszumachen. Die Insassen, wohl Neulinge an der HSG, sind sichtbar aufgeregt. Eine Parkuhr wird hastig befüllt, um 9 Uhr 15 beginnt die Vorlesung.

Vor der Bibliothek stehen überwiegend junge Studierende. Sie sind im Assessmentjahr. Ihnen steht ein herausforderndes Jahr bevor, an dessen Ende dreissig bis vierzig Prozent der Studierenden durchfallen oder abbrechen werden.

Mit der Corona-Matura an die HSG

Levi, 20, aus Biel liess sich davon nicht abschrecken. Er wollte unbedingt an die HSG, «wegen der Wirtschaft», wie er sagt. Sein erster Morgen sei kompliziert verlaufen. Er wisse noch nicht, welche Veranstaltung online und welche in einem Hörsaal stattfinden.

«Ich freue mich trotzdem.»

Wenn er das Assessment besteht, will der Bieler internationale Beziehungen studieren. Eine Maturitätsprüfung musste er nicht ablegen – wegen Corona.

Plexiglas in der Bibliothek

Vor der Bibliothek sitzen zwei Mitarbeiterinnen in Leuchtwesten. Sie sorgen dafür, dass niemand ohne Maske die Bibliothek betritt. Die meisten Studierenden haben bereits Stoffmasken. Die Universität stellt Einwegmasken gratis zur Verfügung, die von den Mitarbeiterinnen aus hygienischen Gründen mit einer Art Grillpinzette abgegeben werden.

Niemand ohne Maske darf die Bibliothek betreten.

Niemand ohne Maske darf die Bibliothek betreten.

Bild: Tobias Garcia

In der Bibliothek trennen Plexiglasscheiben die Bibliothekarinnen von den Studierenden, die ihre ersten Bücher ausleihen. An den Tischen der Bibliothek gibt es keine Maskenpflicht. Gemäss Schutzkonzept gilt die Maskenpflicht nur in allen frei zugänglichen Bereichen der HSG. Sie gilt für alle Personen, wenn sie sich von einem Ort zum anderen bewegen.

Sobald sie an ihrem Bestimmungsort angekommen sind, kann die Maske abgenommen werden. Die Maskenpflicht gilt auch für kurze Wege, etwa für den Gang zur Toilette. Trotz Maske wird von den Studierenden erwartet, den Abstand von eineinhalb Metern einzuhalten, «für das verantwortungsvolle Miteinander».

Halbvolle Hörsäle, Gedränge draussen

«This workplace is currently not available – dieser Arbeitsplatz ist zurzeit nicht verfügbar», steht auf jedem zweiten Tisch in der Bibliothek. Der internationale Ansturm auf die HSG dürfte dieses Jahr ausbleiben, gut ausgelastet ist die Bibliothek bereits jetzt. Wie lange kann «currently» dauern?

Hoffentlich nicht zu lange, vernimmt man bei den Studierenden. Bis zum 24. Oktober 2020 heisst es bei der Medienstelle – als Vorsichtsmassnahme. Bis mindestens dann werden auch die Hörsäle nur bis zur Hälfte besetzt.

So viele neue HSG-Studierende wie noch nie


1927 Studentinnen und Studenten haben sich für das Assessmentjahr an der Universität St. Gallen eingeschrieben, über zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Dieser Anstieg ist auch auf die Coronapandemie zurückzuführen. Viele haben aufgrund der Reisebeschränkungen auf ein Zwischenjahr verzichtet und nach der Matura direkt ein Studium in Angriff genommen. Dank der 1927 Anmeldungen sind nun 9221 Studierende an der HSG eingeschrieben. Auch das ist ein Rekord. Erstmals wurde die 9000er-Grenze geknackt. Wegen der Pandemie zurückgegangen sind die Auslandsemester von Studierenden. Anstelle der geplanten 750 Austauschstudenten sind derzeit nur 216 St. Galler Studierende an einer Uni im Ausland eingeschrieben. Auch die Zahl der ausländischen Austauschstudierenden an der HSG ging von 330 auf 161 um mehr als die Hälfte zurück. (fin/ja.)

Jeder zweite Platz bleibt gesperrt. Damit wird der Mindestabstand von eineinhalb Metern eingehalten. Parallel dazu werden die Präsenzveranstaltungen weiter digital angeboten.

«Das ist praktisch, dann habe ich die Wahl, wie ich der Vorlesung folgen möchte», sagt Julia, eine BWL-Studentin im 3. Semester. Sie finde es «cool», nach der langen Zeit zu Hause wieder in Gesellschaft studieren zu können. Angst vor einer Ansteckung hat sie nicht.

«Mit der Maske sind wir gut geschützt. Ausserdem bin ich in den Pausen eh meistens draussen.»

Draussen vor der Bibliothek ist das Gedränge beträchtlich. Ray-Ban-Sonnenbrillen glitzern in der Morgensonne, Zigaretten werden angesteckt. Die Gespräche drehen sich um Fallstudien, USPs und in letzter Minute gesammelte Credits.

«In jedem Fall besser als online», sei die jetzige Lösung, sagt Marc. Wie Julia studiert er BWL und hat das Assessment hinter sich. Der soziale Kontakt habe schon gefehlt, auch wenn er zu Hause fast mehr Zeit fürs Studium gehabt habe. In einem Jahr will Marc ein Austauschsemester machen, am liebsten in den USA oder in Singapur. Wohin es gehen soll, entscheiden seine Noten. Und der weitere Verlauf der Pandemie.