Maschinenhersteller Kellenberger schliesst drei Standorte und baut für 65 Millionen eine neue Fabrik in Goldach: Alle 300 Mitarbeiter erhalten einen neuen Arbeitsplatz

Die L. Kellenberger & Co. AG verlässt nach über 100 Jahren die Stadt St.Gallen und baut in Goldach eine neue Fabrik.

Daniel Wirth
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Die L. Kellenberger & Co. AG existiert seit 1917. Jetzt gehen die Gebäude an die Immobilienentwicklerin Mettler2Invest AG.

Die L. Kellenberger & Co. AG existiert seit 1917. Jetzt gehen die Gebäude an die Immobilienentwicklerin Mettler2Invest AG.

Bild: Ralph Ribi (21.Januar 2020)

Er bedauere den Wegzug der L. Kellenberger Co. AG, sagt der St. Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin. Mit der Schliessung der 1917 gegründeten Fabrik im Heiligkreuz gingen hochwertige Arbeitsplätze verloren.

Der Stadtrat sei mit der Geschäftsführung der traditionsreichen Schleifmaschinenherstellerin, die zum US-Konzern Hardinge gehört, in Kontakt gewesen und habe mit ihr Industrieland im Gebiet Martinsbrugg im Osten und an der Piccardstrasse im Westen der Stadt angeschaut.

Das bestätigt Roland Ackermann, bei Hardinge zuständig für das Europageschäft. Die Schliessung des Hauptsitzes beim Stadion Espenmoos sei keine Flucht aus der Stadt. Aber das Unternehmen habe in St.Gallen kein Land gefunden, das verfügbar gemacht werden konnte und sich für den Bau einer neuen Fabrik erst noch so ideal geeignet hätte wie das Gebiet Tannäcker in Goldach (siehe Zweittext unten).

Dort wird die Mettler2Invest AG für 65 Millionen Franken eine Fabrik bauen, die 150 Meter lang und 100 Meter breit werden und 25000 Quadratmeter Geschossfläche aufweisen wird, wie Projektleiter Christian Wick auf Anfrage sagt. Das ist eine Riesenhalle, in der ab 2023 rund 300 Kellenberger-Mitarbeitende Präzisionsschleifmaschinen produzieren werden.

In Goldach schliesst die Kellenberger & Co. AG die ihre drei Ostschweizer Standorte St.Gallen, Wittenbach und Romanshorn zusammen. Heute arbeiten in St.Gallen 270 Frauen und Männer, in Wittenbach 20 und in Romanshorn 10 für das über 100 Jahre alte Maschinenbauunternehmen. In Studen bei Biel werden 50 Mitarbeiter beschäftigt; sie sind vom Ostschweizer Zusammenschluss nicht betroffen. Arbeitsplätze gehen gemäss Ackermann durch die Konzentration in Goldach keine verloren. Nicht nur die Produktion zieht an den See, sondern der gesamte Betrieb.

Die Produktionsabläufe werden deutlich verbessert

Die neue Fabrikhalle am Bodensee wird das Unternehmen von der St.Galler Immobilienentwicklerin Mettler2Invest AG mieten, wie es in einem Comminiqué von Dienstag heisst. In Goldach könnten die Produktionsabläufe verbessert werden. Heute müssten teils tonnenschwere Schleifmaschinen von einem Standort zum anderen und im Heiligkreuz von einem Stockwerk ins andere verschoben werden.

Die Modernisierung und Anpassung der Fertigungsumgebung und der Montageprozesse bringe der Firma Kellenberger neben Kapazitäts- auch starke Effizienzverbesserungen, wird Hardinge-Geschäftsführer Chuck Dougherty in der Pressemitteilung zitiert. Der Schritt sei ein Meilenstein in der über 100-jährigen Geschichte der L. Kellenberger & Co. AG. Der Bau einer neuen Fabrik im Tannäcker in Goldach bezeichnet Dougherty als «ein Bekenntnis zum Standort Ostschweiz».

Das neue Betriebsgebäude werde nach den Wünschen der Firma Kellenberger realisiert und sei dann im Gegensatz zur Fabrik im Heiligkreuz «state of the art» und repräsentiere noch stärker die High-End-Technologien von Hardinge und Kellenberger. Gemäss Projektleiter Christian Wick will die Mettler2Invest AG Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres mit dem Bau der Fabrik am Bodensee beginnen. Bis zum Bezug des Neubaus wird die Kellenberger AG in der Fabrik im Heiligkreuz eingemietet bleiben. Sie hat die Liegenschaften der Mettler2Invest AG verkauft.

Was passiert mit der Fabrik im Heiligkreuz?

Roland Ackermann informierte die Belegschaft am Dienstag über die Zusammenlegung der Ostschweizer Kellenberger-Standorte in Goldach. «Das Gros nahm die Neuigkeit mit Freude auf», sagt er. Das Gebiet sei verkehrstechnisch gut erschlossen und wenn in Zukunft noch eine Buslinie den Tannäcker bediene oder auf der SBB-Seelinie beim Rietli in Goldach eine Haltestelle gebaut würde, freute Ackermann das. Beides sei angedacht und er hoffe auf Unterstützung des Gemeinderates Goldach.

Was die Mettler2Invest AG mit dem Areal beim Stadion Espenmoos vorhat, ist erst als Idee skizziert, wie Wick sagt. Peter Mettler, CEO des Unternehmens, wird im Communiqué so zitiert: «Im Erwerb des bisherigen Standortes der L. Kellenberger & Co. AG in St.Gallen sehen wir eine grosse Chance, das aufstrebende Quartier St.Fiden mit neuen, spannenden Nutzungen weiterzuentwickeln».

Gemäss Wick liegt das Areal in der Industrie- und Gewerbezone. Daran werde sich auch nach dem Wegzug der Firma Kellenberger nichts ändern. Er könne sich vorstellen, dass in den zum Teil schönen rund 100 Jahre alten Gebäuden im Heiligkreuz ein Gewerbepark mit Start-ups und Ateliers entstehen könnte. Es gebe aber auch Gebäude, die nach 2023 wahrscheinlich zurückgebaut werden.

26000 Quadratmeter grüne Wiese für eine 65-Millionen-Halle

Goldachs Gemeindepräsident Dominik Gemperli zeigt sich positiv überrascht, schon beinahe perplex, als er am Dienstagmorgen auf den Zuzug der L. Kellenberger & Co. AG angesprochen wird. «Wir hatten erst am Montag noch eine Sitzung mit der Firmenleitung, um letzte offene Punkte zu besprechen. Wir haben zwar auf den Zuschlag gehofft, dass der Entscheid nun aber derart rasch fällt, damit haben wir nicht gerechnet», sagt er und spricht von einem Freudentag für Goldach, zumal die Gemeinde den Vorzug gegenüber einem starken Konkurrenten aus der Region erhalten habe.

Angebot auch beim Amt für Wirtschaft deponiert


Es sei dem Gemeinderat ein Anliegen gewesen, eine Firma auf das Industriegebiet Tannäcker zu holen, die auch eine echte Wertschöpfung generiere und Arbeitsplätze in die Region Rorschach bringe. Für eine Gemeinde wie Goldach sei es beispielsweise nicht befriedigend, wenn auf derart attraktiven Baugrund nur Lagerhallen errichtet würden.

Goldachs Gemeindepräsident Dominik Gemperli vor dem Tannäcker, auf dem die Fabrik gebaut wird.

Goldachs Gemeindepräsident Dominik Gemperli vor dem Tannäcker, auf dem die Fabrik gebaut wird.

Bild: Rudolf Hirtl

«Wir hatten in den vergangenen Monaten diverse Anfragen bezüglich Tannäcker. Einerseits hat sich die Verfügbarkeit durch die Landumlegung herumgesprochen, andererseits haben wir das Angebot beim Amt für Wirtschaft deponiert, mit dem Wunsch verknüpft, dass eine Ansiedlung einen Mehrwert für die ganze Region Rorschach mit sich bringt», so Gemperli. Der Sitz des Maschinenherstellers Kellenberger wird in Goldach sein. Daher ist das Ganze auch steuerlich interessant und wird einen Zustupf in die Gemeindekasse bringen. Wie gross der sein wird, kann allerdings noch nicht gesagt werden.

Neue Strasse erschliesst das Industriegebiet


«Es ist schön, wenn die Gemeinde nicht nur die Lasten tragen muss, zumal die Ansiedlung eines grossen Unternehmens ja immer auch Emissionen mit sich bringt», räumt Gemperli ein und betont im selben Atemzug: «Der Zuzug der L. Kellenberger & Co. AG ist nicht nur für Goldach erfreulich, sondern für die ganze Ostschweiz, der das Unternehmen so erhalten bleibt.»

Platz für weitere Ansiedlungen auf dem Tannäcker hat es nicht, der Maschinenhersteller wird die gesamten 26000 Quadratmeter belegen. Die Gemeinde werde bei der Realisierung jegliche Unterstützung bieten, die im Rahmen der Reglemente möglich sei. Dazu gehört auch die Strasse, die den Tannäcker erschliessen wird. (rtl)

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