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Martin Klöti, der missverstandene Minister – ein Porträt des St.Galler Regierungsrats nach dem Ja zum Klanghaus

Das Klanghaus wäre beinahe zu Martin Klötis grösstem politischen Debakel geworden. Jetzt wurde es zu einem späten Triumph für den St.Galler FDP-Regierungsrat.
Andri Rostetter
Empathisch, enthusiastisch, nie verbissen: Martin Klöti. (Bild: Urs Bucher)

Empathisch, enthusiastisch, nie verbissen: Martin Klöti. (Bild: Urs Bucher)

Das Geschäft war eigentlich im Trockenen. Am Vortag hatte das Parlament das Klanghaus noch diskussionslos durchgewinkt. Doch an jenem Dienstag im März 2016, bei der Schlussabstimmung, fehlten im Saal 15 Parlamentarier. Es war das Aus für die Vorlage. In der Pfalz waren die Meinungen rasch gemacht: Martin Klöti war mindestens mitschuldig. Der FDP-Regierungsrat hatte einzelne Parlamentarier derart auf die Palme gebracht, dass sie ihm auf der Zielgeraden die Gefolgschaft verweigerten.

Was war falsch gelaufen? Das Geschäft war seriös vorbereitet, die Pläne transparent. Klöti hatte sich ins Zeug gelegt, das Projekt gegen Kürzungsgelüste verteidigt. Vielleicht sogar zu engagiert. Als Klöti merkte, dass das Toggenburg Mühe haben könnte, mehrere 100'000 Franken für den Betrieb seines künftigen touristisch-kulturellen Leuchtturms zusammenzukratzen, erklärte er das Klanghaus kurzerhand zur Chefsache: Beträge «von 250'000 Franken an aufwärts» wollte der Kulturminister gleich selber einsammeln. Die Botschaft: Liebe Toggenburger, liebe Kulturförderer, das ist eine schwierige Aufgabe, aber nicht für Martin Klöti.

Keiner spricht eleganteres Bühnendeutsch

Am Sonntag hat das Volk der Klanghaus-Vorlage mit 54 Prozent zugestimmt. Es ist ein später Triumph für Klöti. Ein Triumph, den er gar nicht unbedingt gesucht hat. Siege und Niederlagen interessieren ihn wenig, Verbissenheit ist ihm fremd. Seine Disziplin ist der Genuss. Klöti geniesst die Politik und das Regieren. Hohe Ämter sind für ihn keine Last, sondern Lust. Wenige Exekutivpolitiker bewegen sich auf Podien so locker-flamboyant, niemand in der Ostschweizer Politik spricht ein eleganteres Bühnendeutsch als der gelernte Primarlehrer und Landschaftsarchitekt.

Klötis geschmeidige Auftritte kommen unterschiedlich an. Die einen halten ihn für einen selbstverliebten, oberflächlichen Showman, andere loben ihn als empathischen, kommunikativen Staatsmann. Bezeichnend ist: Je enger die Leute mit ihm zusammenarbeiten, desto besser fallen die Noten aus. Nahbar und respektvoll, ein guter Zuhörer sei er, einer, der begeistern und motivieren könne. Einer, der zu delegieren wisse, weder stur noch detailversessen sei. Aber auch einer, der wenig Ausdauer habe. Der schwungvoll starte, dann allerdings jemanden brauche, der seine Pläne konkretisiert und umsetzt.

Lehrer, Lachsverkäufer, Landschaftsarchitekt

Martin Klötis Lebenslauf wäre auch ohne Politik spektakulär genug gewesen. Er wird am 1. April 1954 in Zürich geboren und wächst mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester in Meilen auf. Als Teenager zieht es ihn zu den kreativen Berufen. Er macht Schnupperlehren als Goldschmied, Fotograf und Grafiker. Dann geht er nach Küsnacht ans Lehrerseminar, weil er sich wirtschaftlich absichern will.

Als 21-Jähriger kauft er zusammen mit seinem knapp 20 Jahre älteren Lebenspartner, dem Schauspieler Hans Gerd Kübel, einen Hof in Mogelsberg. Kübel, in den 1970ern eine Grösse in der deutschsprachigen Theaterwelt, hat gerade ein Engagement in Berlin angenommen, als er dort den Enkel des letzten Räuchermeisters des russischen Zarenhofs kennenlernt. Am Ende kommt Kübel mit dem Lachs-Geheimrezept des Zaren zurück nach Mogelsberg. Es ist der Anfang der Erfolgsgeschichte, die unter dem Namen Balik-Lachs international Furore macht.

1992 verkauft das Paar die Räucherei, Klöti schreibt sich am Technikum Rapperswil für Landschaftsarchitektur ein. Die Auseinandersetzung mit der Gestaltung des öffentlichen Raums ist die politische Initialzündung. 1994 stirbt Kübel, Klöti taucht tiefer in die Rapperswiler Gesellschaft ein. Er gründet einen Ruderclub mit. Mit dabei ist auch Roland Walker, Rapperswiler FDP-Stadtrat und Unternehmenssprecher des Zementkonzerns Holcim.

Walker ist es, der Klöti in die FDP holt. Obwohl er mit ökologischen Ideen liebäugelt, findet sich Klöti bei den Freisinnigen rasch zurecht. 1996, ein Jahr nach Studienabschluss, kandidiert er auf der FDP-Liste für den Kantonsrat. Erfolglos. Es wird die einzige Wahlniederlage seines Lebens bleiben. Ein paar Monate später lässt er sich für den Rapperswiler Stadtrat aufstellen. Prompt wird er im ersten Wahlgang gewählt. Und wieder wechselt er den Beruf.

Nach drei Jahren als selbständiger Landschaftsarchitekt übernimmt er 1999 zusammen mit einem Geschäftspartner ein Hotel in der Rapperswiler Altstadt. Noch im selben Jahr gründet er mit Gleichgesinnten das Rapperswiler Blues’n’jazz-Festival und wird Vize-Stadtpräsident.

Eine Abwahlversicherung für alle Fälle

2005 lässt er sich zur Überraschung von Freund und Feind für die Arboner Stadtammannwahlen aufstellen. Arbon ist schon damals ein hartes Pflaster. In der Stadt fehlt das Geld, der Stadtrat ist seit Jahren zerstritten. Ihn reizt das Amt, der Karriereschritt. Und wieder wird er auf Anhieb gewählt. Vorsichtshalber schliesst er eine Abwahlversicherung ab. Nach kurzer Zeit gelingt es ihm, die Wogen zu glätten. Das Volk honoriert es 2008 mit der Wahl in den Thurgauer Grossen Rat.

Als 2011 die St.Galler Regierungsrätin Karin Keller-Sutter in den Ständerat gewählt wird, sucht die FDP einen Nachfolger. Die Findungskommission setzt auf den Wartauer Beat Tinner. Ein paar Toggenburger Freisinnige bringen den Arboner Stadtpräsidenten ins Spiel. Klöti wägt ab, führt etliche Gespräche, um seine Chancen auszuloten. Als er sich seiner Sache sicher ist, lässt er sich aufstellen.

Er gewinnt nicht nur die parteiinterne Ausmarchung, auch das Volk wählt ihn im ersten Wahlgang mit einem Spitzenresultat. Klöti holt fast 10'000 Stimmen mehr als SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker, damals immerhin schon vier Jahre im Amt. Bei seiner Verabschiedung im Arboner Parlament wird er mit Lorbeeren überhäuft: Als glänzender Kommunikator habe er es verstanden, Arbon gut zu verkaufen und «der Stadt ihre Reputation zurückzugeben».

Kein Provokateur, aber eine Provokation

In der St.Galler Pfalz wird Klöti zur Reizfigur. Immer wieder muss er Gifteleien über sich ergehen lassen, auch aus dem eigenen Lager. Man nimmt es ihm übel, dass er sich an jeder Kulturveranstaltung in Szene setzt. Man nimmt es ihm übel, dass er kein strammer Freisinniger ist. Man nimmt es ihm übel, dass er nicht für alle Dossiers gleich viel Herzblut vergiesst. Dass im Kanton seit Jahren keine Gemeindefusion mehr zustande gekommen ist, wird Klötis Desinteresse angelastet. Dass er sich dafür zum Präsidenten der Aids-Hilfe Schweiz wählen lässt, wird als Beweis für seinen fehlenden Sinn für Prioritäten gesehen. Konservative empfinden seine seit Jahren öffentlich gelebte Beziehung mit einem deutlich jüngeren Mann aus dem arabischen Raum als Provokation. Er lebe die Gleichstellung nicht nur, er zelebriere sie, heisst es.

Dass Klöti immer wieder politische Erfolge vorweisen kann, wird kaum zur Kenntnis genommen. Als Präsident der Sozialdirektoren-Konferenz bringt er Ruhe in die Debatte um die Sozialhilfe-Richtlinien. Er erreicht eine Verdreifachung der Integrationspauschale für Flüchtlinge. Er bringt im Kantonsrat das Sozialhilfegesetz durch. Er verhilft dem interreligiösen Dialog zu neuer Blüte.

Im Kantonsparlament bleibt seine Popularität tief. Bei der Wahl zum Regierungspräsidenten 2016 geben ihm nur 65 von 120 Parlamentariern die Stimme. Das Volk liebt ihn trotzdem. Bei den Erneuerungswahlen 2016 holt Klöti am zweitmeisten Stimmen, nur CVP-Mann Benedikt Würth liegt noch vor ihm.

Buhrufe für SVP-Mann

Den Gipfel erreichen die Gehässigkeiten, als SVP-Kantonsrat Karl Güntzel im November 2018 auf Klötis Homosexualität anspielt. In der Debatte über familienergänzende Kinderbetreuung sagt Güntzel, er sei «ein bisschen hellhörig geworden», als Klöti von beiden Elternteilen sprach. Dann doppelt Güntzel nach: «Man sollte darüber reden, was man kennt, und nicht, was man nicht kennt.» Der SVP-Mann erntet Buhrufe, Klöti reagiert gelassen.

Dass er auch anders kann, zeigt er, als der Rorschacher Stadtpräsident Thomas Müller 2017 in einem Interview von «gesundem Rassismus» fabuliert. Klöti kanzelt ihn ungewohnt deutlich ab: Müller habe schlichtweg «sein Amt nicht verstanden».

Im kommenden Jahr tritt Klöti ab. Er wird dann 66. Ein Jahr später werden im oberen Toggenburg die Visiere für das Klanghaus stehen. Sieg? Triumph? Es sind nicht Klötis Kategorien. Er will geniessen. Vielleicht als Ehrengast bei der Klanghaus-Eröffnung 2023. Vielleicht sogar mit einer kleinen Rede.

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