«Man muss etwas machen»

Vor 14 Jahren reiste die Thurgauerin Rahel Mannale zum ersten Mal nach Kolumbien. Heute verkauft sie Schmuck aus Kaffeebohnen für ihre zweite Heimat.

Livia Büchler
Drucken
Rahel Mannale lebte über vier Jahre in Kolumbien. (Bild: Ralph Ribi)

Rahel Mannale lebte über vier Jahre in Kolumbien. (Bild: Ralph Ribi)

«Das sind gefärbte Samen. Und diese Ketten hier hat mein Mann aus Mandarinen-, Orangen- und Zitronenschalen gemacht.» Rahel Mannale breitet liebevoll Ketten und Ohrringe auf dem Esstisch aus. «Der Schmuck ist aus rein organischem Material», sagt die 35-Jährige. Man könne die Kette also in den Kompost schmeissen, wenn sie einem nicht mehr gefalle. Einzig der Faden würde vielleicht nicht verrotten, sagt Mannale und lächelt.

Von Costa Rica nach Kolumbien

Doch wie kommt Schmuck aus Lateinamerika in eine Stube in Sulgen? Schuld ist wie so oft die Liebe: zu einem Mann und zu einem Land. Rahel Mannale war 21, als sie nach der Matura zum ersten Mal nach Lateinamerika reiste. Sie besuchte eine Schulfreundin in Costa Rica und verliebte sich in Jimy, einen Kunsthandwerker aus Kolumbien. Kurz entschlossen reiste sie mit ihm in seine Heimat. «Ich sprach damals fast kein Spanisch», erinnert sie sich. Doch sie lernte schnell, und aus der stürmischen Verliebtheit entwickelte sich eine ernsthafte Beziehung. Heute haben die Thurgauerin und der Kolumbianer vier Kinder. Auf die Welt gekommen sind alle in der Schweiz, aufgewachsen sind sie aber in verschiedenen Ländern: Die Familie lebte eineinhalb Jahre auf den Kanarischen Inseln und zog dann nach Kolumbien. «2001 war die politische Situation dort aber etwas heikel, deswegen sind wir in die Schweiz zurückgekehrt», sagt Mannale, als wäre es nichts Besonderes, mit kleinen Kindern mal da und mal dort zu wohnen. Fünf Jahre später wurde das Fern- und Heimweh nach Kolumbien aber zu gross, und sie gingen zurück nach Südamerika.

Hütten auf alten Rinderweiden

Wenn Rahel Mannale erzählt, tut sie es nicht laut und quirlig, wie man es sich von einer Frau mit diesen Erlebnissen vorstellen würde, sondern ruhig und zurückhaltend, aber auch beharrlich. «Ich interessiere mich seit meiner Teenagerzeit für soziale und ökologische Probleme», sagt sie. Diese Überzeugung, dass «man doch etwas machen muss», verbindet sie und ihren Mann. Als sich die beiden kennengelernt haben, hatte der Kolumbianer bereits Land im Putumayo-Gebiet im Süden Kolumbiens gekauft und mit Gleichgesinnten – ebenfalls Kunsthandwerker – ein Projekt gestartet. Auf alten Rinderweiden am Rande des tropischen Regenwalds haben sie einfache Hütten gebaut. Das Ziel: Einen Ort der Forschung und des sozialen Austausches zu errichten. Vom Strassenkind über den Backpacker bis zum Studenten sind alle willkommen.

Seit 14 Jahren engagiert sich auch die Thurgauerin für das Cisata-Projekt, und mittlerweile besitzen sie 160 Hektare Land. «Wir geben einen grossen Teil der Fläche dem Wald zurück, um die Artenvielfalt der Region zu schützen», erklärt Mannale. Auf dem Rest des Landes versuchen sie, nachhaltig Landwirtschaft zu betreiben und das Wissen der Ureinwohner mit modernen Ideen, wie der Solarenergie, zu vereinen.

Vier Jahre lang lebte die Familie in Putumayo, seit Anfang dieses Jahres wohnen sie – wegen der Sicherheit der Kinder – wieder in der Schweiz. Aber Rahel Mannale hat noch viel vor. Im Moment versucht sie mit dem Verkauf von Hängematten und Schmuck Geld für ihr Projekt zu sammeln. «Die Mentalität, die Schönheit der Natur – Kolumbien fasziniert mich», sagt sie. Aber etwas muss sie zugeben: «Hätte ich in Costa Rica einen Peruaner kennengelernt, hätte auch Peru mein zweites Zuhause werden können.»

www.cisata.org