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MAMMUTPROZESS: Er hätte dem Opfer helfen müssen

Die Richter lassen den Kronzeugen im Fall Kümmertshausen noch im Gerichtssaal vorläufig festnehmen. Das Gericht hält ihn der eventualvorsätzlichen Tötung durch Unterlassung für schuldig.

Keine zwei Stunden nachdem Yilmaz B. den Gerichtssaal als freier Mann betreten hatte, trug er Fussfesseln. Der Mammutprozess Kümmertshausen nahm gestern eine radikale Wende. Das Bezirksgericht Kreuzlingen verurteilte den sogenannten Kronzeugen wegen eventualvorsätzlicher Tötung durch Unterlassung. Die drei Mitbeschuldigten im Tötungsdelikt wurden vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung freigesprochen. Das Gericht verkündete nur die Schuldsprüche für die insgesamt 14 Angeklagten, das Strafmass wird ihnen frühestens im März eröffnet.

Was sich Ende November 2010 im Weiler Löwenhaus bei Kümmertshausen abspielte, wird vielleicht nie völlig geklärt werden. Fakt ist, dass noch in der Nacht ein 53-jähriger IV-Rentner tot aufgefunden wurde. Er war gefesselt und an den Folgen einer Knebelung gestorben. «Vieles bleibt im Dunkeln oder zumindest im Nebel», sagte der Vorsitzende Richter Thomas Pleuler.

Überraschend ist, dass gerade der Mann auf dessen Aussage sich ein Grossteil der Anklage stützt, nach Meinung des Gerichts schuld ist am Tod des IV-Rentners. Yilmaz B. habe beim Überfall eine wichtige Rolle gespielt, begründete Pleuler. Er sei bei allen Fahrten von St. Gallen nach Kümmertshausen dabei ­gewesen. Zwar gebe es keinen Nachweis, dass Yilmaz B. bei der Knebelung oder Fesselung selber Hand angelegt habe. Das sollen zwei Männer getan haben, die beide in der Türkei sind. Einer befinde sich in Haft, der andere sei auf freiem Fuss.

Anstiftung zum Raub, nicht zum Mord

Yilmaz B. wäre aber verpflichtet gewesen, aktiv einzugreifen und dem IV-Rentner zu helfen. Das Gericht ist überzeugt, dass er dazu auch in der Lage gewesen wäre. Es gebe jedoch keine Anzeichen, dass er dem Opfer geholfen habe. Nasar M., der Boss der Bande, wird wegen Anstiftung zum Raub verurteilt. Das Gericht kommt zum Schluss, er habe den Auftrag zum Überfall auf den IV-Rentner erteilt. Er habe dem Mann eine Lektion erteilen wollen. Dass er den Auftrag zur Tötung des IV-Rentners gab, ist für das Gericht hingegen nicht bewiesen. Wäre die Tötung beabsichtigt gewesen, hätten die Männer anders vorgehen müssen und Nasar M. wäre nicht ausgerastet, nachdem er vom Tod des IV-Rentners erfahren habe.

Der Boss habe den Männern wohl weisgemacht, der IV-Rentner sei reich. Die Männer nahmen zwar eine Geldkassette mit, doch der Inhalt stellte sich als wenig wertvoll heraus. Deshalb wurden auch die beiden anderen Mitbeschuldigten wegen Raubes sowie Gehilfenschaft zu Raub verurteilt. Vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung aber freigesprochen. Das Gericht sieht Müslüm D. als den Chauffeur bei der entscheidenden Fahrt. Er sei also in Kümmertshausen gewesen, als der IV-Rentner ums Leben kam. Es gebe Zweifel, ob er das Haus des Opfers betreten habe. Auf der Fahrt vom Tatort zurück nach St. Gallen habe er aber sicher vom Tod des Opfers erfahren. Doch da sei es bereits zu spät gewesen.

Osman S. sei beim Überfall nicht unmittelbar dabei gewesen. Nasar M. wurde ebenfalls wegen Menschenschmuggels schuldig gesprochen. Das Bezirksgericht Kreuzlingen fällte für die 14 Beschuldigten zudem Schuldsprüche wegen Drogenhandels, wegen Erpressung und Nötigung. Teils gab es bei diesen Delikten aber auch Freisprüche.

Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

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