Make Sparta great again! – «Die schöne Helena» mit Witz und Schwung am Theater St.Gallen

Jacques Offenbach zündet noch immer. Ansgar Weigner transportiert seine «Schöne Helena» am Theater St.Gallen mit viel Witz in die Gegenwart.

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Die alten Götter werden in der Inszenierung am Theater St.Gallen vom Thron gestossen.

Die alten Götter werden in der Inszenierung am Theater St.Gallen vom Thron gestossen.

Bild: Andreas J. Etter

Lange hat sie sich auf bissige Nebenbemerkungen beschränkt, ist unruhig herumgetigert und hat sich gewundert, dass hier niemand irgend etwas begreift. Jetzt hat Bacchis, Tochter des Königs Menelaos von Sparta und Stieftochter von dessen Gemahlin Helena, endgültig genug.

Energisch entert Pascale Pfeuti die Bühne des Theaters St.Gallen, lässt ein Klavier samt Pianistin herbeischaffen, und legt los. Friedrich Hollaender hat das Lied 1926 komponiert, Claire Waldoff hat es gesungen: «Raus mit den Männern aus dem Reichstag» hiess es damals, und handelt, unvermindert aktuell, davon, welch anderer Ort diese Welt doch wäre, hätten einmal die Frauen das Sagen. Eine Frau wird sogar noch auftauchen. Sie wird dem Zuschauer sehr bekannt vorkommen, aber…

Aber wir greifen vor, und man soll die Schlusspointe ja nicht verraten. Doch was damit klar wird: Zusammen mit dem Bühnenbildner Jürgen Kirner und dem Kostümbildner Kristopher Kempf, zusammen auch mit Sabine Arnolds Choreographie und den von Michael Vogel einstudierten Auftritten des Chors macht Regisseur Ansgar Weigner Jacques Offenbachs Operette «Die schöne Helena» zu einem mit aktuellen Anspielungen funkelnden Wunderwesen. Und übertreibt es auch dabei nicht. Obschon ihm viel einfällt, was dem Abend Witz und Schwung verleiht.

Von politischem und erotischem Unheil

«Make Sparta great again!»: Da weiss man sofort, wes Geistes Kind der dümmliche Menelaos – souverän-tollpatschig gespielt und gesungen von Riccardo Botta – ist. Mit seiner Amtseinführung nimmt das politische Unheil seinen Lauf, und mit des Schäfers Paris (Gustavo Quaresma) Eintreffen auf einem Surfbrett auch das erotische. Hofstaat und Volk machen alles gerne mit. Hauptsache Party, denkt sich Orest (Jennifer Panara), und stürzt sich mit zwei Gespielinnen (Eva Zalenga und Tatjana Schneider) ins Getümmel. Ajax Eins (Anton Leiss-Huber) und Zwei (Bruno Riedl) stehen dumm herum, wenn sie nicht gerade einen Auftrag haben. Achilles (Nik Kevin Koch) jammert und geht zur Physiotherapie: seine Ferse.

Nur der von allen Seiten bestochene Oberpriester Kalchas (David Maze) weiss, wie der Hase läuft, und lässt es nach Bedarf jupitermässig donnern. Und Agamemnon (Shea Owens), der selber scharf ist auf die Macht über ein Volk, dessen Intelligenz gemäss der neuen Troja-Studie bedenklich sinkt, und das im dritten Akt auch noch deutlich an Körperfülle zugelegt hat.

Leicht und hinreissend virtuos: Marie-Claude Chappuis

Durch all dies wandelt mit traumhafter Unbedarftheit und ebenso leichter wie hinreissend virtuoser Stimme Marie-Claude Chappuis als die schöne Helena. Soll sie bei der Macht (Menelaos) bleiben oder sich dem Abenteuer (Paris) hingeben? In einer urkomischen Szene holt sie sich Rat. Jener Esprit, den das von Nicolas André geleitete Sinfonieorchester St.Gallen musikalisch funkeln lässt, kommt in ihren Auftritten glänzend zur Geltung, da mögen sich die Herren der Schöpfung noch so abrackern, Paris inklusive, der auch stimmlich nicht mit ihr gleichziehen kann.

Mit «La Belle Hélène» hat Jacques Offenbach im Dezember 1864 den Nerv seiner Zeit getroffen. Mehr noch als mit «Orphée aux Enfers» (Orpheus in der Unterwelt) trifft diese Satire hinter ihrer ach so unschuldigen Maske mitten ins Herz des Zweiten Kaiserreichs. «Hier werden nicht nur die Mächtigen, die Reichen und Schönen blossgestellt, hier werden tatsächlich die Götter vom Thron gestossen», schreibt Ralf-Olivier Schwarz in seiner Offenbach-Biografie. Doch es sind nur die alten Götter, die hier stürzen. Die neuen heissen Machtverliebtheit und Konsumversessenheit. Von diesen sind wir auch 150 Jahre danach nicht losgekommen – und gerade dabei, die ganze Erde mit in den Strudel zu ziehen. Das ist das ernste Thema, das hinter all dem ansteckend fröhlichen Bühnen-Spass steckt.

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