MAINAU: Sturzflug in den Tod

Ein einmotoriges Geschäftsreiseflugzeug ist gestern Mittag nördlich der Insel Mainau in den Bodensee gestürzt. Weder der 74-jährige Schweizer Pilot noch sein Passagier dürften überlebt haben.

Jörg-Peter Rau
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Einsatzkräfte am Bodenseeufer bei Litzelstetten (D) mit gefundenen Trümmerteilen der Piper. (Bild: Oliver Hanser/DPA)

Einsatzkräfte am Bodenseeufer bei Litzelstetten (D) mit gefundenen Trümmerteilen der Piper. (Bild: Oliver Hanser/DPA)

Jörg-Peter Rau

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Für einen Moment wundert sich Roland Ballier noch. Ein einmotoriges Flugzeug, das in grosser Höhe über dem Bodensee Kunstflug-Manöver fliegt? Ballier, selbst erfahrener Pilot, sitzt an einem Aussichtspunkt im Konstanzer Teilort Litzelstetten. Doch der schöne Blick spielt schlagartig keine Rolle mehr. «Die Maschine», erzählt er, «kommt ins Trudeln.» Senkrecht, mit dem Propeller voraus, stürzt sie aus 16750 Fuss (rund 5100 Meter) Höhe auf die Wasseroberfläche des Überlinger Sees zu. Dann hört Ballier einen Knall, sieht eine gewaltige Fontäne aufsteigen und nimmt wahr, dass noch Trümmerteile in der Luft sind, als der Rumpf schon aufprallt.

Mit 15 Booten im Einsatz

Als die ersten Einsatzkräfte nur wenige Minuten nach den um 11.53 Uhr eingegangen Notrufen am Unfallort eintreffen, ist die zerschellte Piper Malibu schon nicht mehr zu sehen. Innerhalb kürzester Zeit, sagen weitere Augenzeugen, sank das, was von der Maschine übrig blieb, auf den Grund des Bodensees hinab. Mit 58 Meter gibt die Polizei die Tiefe an der Unglücksstelle an.

Die Taucher der DLRG Konstanz und der Wasserschutzpolizei wissen: So tief können sie mit ihrer Ausrüstung nicht vordringen. Weder können sie Teile der Piper an die Oberfläche holen, noch können sie der kleinen Wahrscheinlichkeit eine Chance geben, dass die Insassen den Aufprall möglicherweise überlebt haben könnten. Mit 15 Booten sind die Feuerwehr Konstanz, die Wasserschutzpolizei, die Thurgauer Seepolizei und die DLRG zwischen Konstanz-Litzelstetten, der Mainau und den gegenüberliegenden Ufer bei Uhldingen unterwegs. Immer wieder finden sie kleine Trümmer, bald auch erste Leichenteile. Es sind makabre Transporte über den fast windstillen See. Eine Suchkette von Schiffen sammelt Beweismaterial, mit Echolot erkundet die Wasserschutzpolizei den Seegrund auf grössere Trümmer. Immer wieder wird der Tauchroboter zu Wasser gelassen, zunächst kann nichts schlüssig erklären, wie es zum Absturz kam. Die Kriminalpolizei schaltet sich ein, auch zwei Flugunfalluntersucher der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung aus Braunschweig machen sich auf den Weg an den Bodensee. Vor allem ein Detail wird die Beamten in den nächsten Tagen beschäftigen. Nicht nur Roland Ballier hat gesehen, dass das Flugzeug in mindestens zwei Teilen abstürzte. Vor Ort mutmassen Feuerwehrleute, dass die Piper möglicherweise schon in der Luft schwer beschädigt wurde.

Nach flottem Start immer langsamer

Dass das Flugzeug nach einem flotten Start in Zürich immer langsamer wurde, wirft Fragen auf. Als die nach Instrumentenflugregeln gesteuerte, für den Auto­pilotbetrieb vorgesehen Piper vom Radar der Schweizer Flugsicherung verschwindet, ist sie nur noch mit 136 Knoten (252 Kilometer pro Stunde) unterwegs. Eine wichtige Frage ist, ob die Maschine in grosser Flughöhe eine Eisschicht ansetzte und dadurch so schwer wurde, dass ihr Kolbenmotor die Höhe nicht halten konnte. Wie lange die Untersuchungen dauern werden, kann Bernd Schmidt, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Konstanz, nicht sagen. Zur Identität der Getöteten gibt die Polizei am Abend bekannt, bei dem Piloten handele es sich um einen 74-Jährigen Schweizer. Wer mit ihm an Bord war, bleibt zunächst ungeklärt. Die Maschine mit der Kennung HB-PPH ist in der Schweiz zugelassen und war auf dem Weg von Zürich nach Hamburg.

Nachdem die Feuerwehr einen Teil der 400 Liter ausgetretenen Flugbenzins aufgenommen hat und die Lage wichtiger Trümmer feststeht, mussten die Einsatzkräfte am frühen Abend ihre Arbeit wegen des Wetters vorerst einstellen. Ob die DLRG und die Wasserschutzpolizei die Trümmer bergen können oder eine Spezialfirma eingeschaltet werden muss, steht nicht fest.