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MAGISTRATENBESUCH: Bundesrat im Vollkontakt

Die Landesregierung geht mittags im Pfalzkeller mit der Bevölkerung auf Tuchfühlung. Und siehe da: Trotz Schlechtwettervariante kommen nicht wie erwartet 500, sondern über 800 Leute. Und die feiern den Bundesrat wie ein Fussballteam.
Marcel Elsener
Selfies mit Doris Leuthard, Simonetta Sommaruga oder Ueli Maurer im Pfalzkeller – «was für ein Vergnügen», wie Bundespräsident Alain Berset zum herzlichen Empfang meinte. (Bilder: Ralph Ribi, Michel Canonica)

Selfies mit Doris Leuthard, Simonetta Sommaruga oder Ueli Maurer im Pfalzkeller – «was für ein Vergnügen», wie Bundespräsident Alain Berset zum herzlichen Empfang meinte. (Bilder: Ralph Ribi, Michel Canonica)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Sind das Jubelschreie? Anfeuerungsrufe, Juchzer? Ein Klatschen fast wie im Fussballstadion, fehlt nur noch die Welle. Man glaubt es nicht: Alain Berset wird im Pfalzkeller gefeiert, als wäre er Alain Sutter. Oder gar Roger Federer. Dabei ist er nur Politiker, okay, immerhin Bundespräsident, und sein Team sind keine Sportstars, sondern die älteren Damen und Herren Bundesräte. «Was für ein Vergnügen!», ruft Berset in die Menge und verrät, was die Landesregierung verhandelt hat: Jeder Kantonshauptort soll einen roten Platz erhalten, wobei einzig die Farbe diskutiert worden sei. «Mehrere wollten Blau, ein Antrag für neutrales Orange blieb chancenlos.» Zweitens schlage der Bundesrat den landesweiten Brauch des in St. Gallen üblichen «lockeren Festhaltens eines Ferkels» vor, doch wegen regionalpolitischer Bedenken habe man noch nichts beschlossen und erst mal eine Arbeitsgruppe gebildet. Klar: Berset macht jovial-charmant das Kalb, das Volk tobt vor Vergnügen.

Das St. Galler Volk! Von wegen brötig. Und erst noch indoor, im Pfalzkeller, mit seiner engen Eingangsschleuse und den gefalteten Säulen nicht eben als idealer Festsaal bekannt. Niemand hat damit gerechnet, dass die Schlechtwettervariante so gut funktionieren würde wie der geplante Auftritt auf dem Klosterplatz. Die Stimmung ist mässig, als der mit drei Helikoptern in Altenrhein gelandete Bundesrat nach neun Uhr im Polizeihof bei der Pfalz eintrifft, rundum bewacht von Bundes- und Kantonspolizisten, Dutzende Sicherheitsleute, viele mit Knopf im Ohr, manche zivil. «Kaiserwetter» braucht die Schweizer Regierung kaum und St. Gallen erst recht nicht, aber dann gleich dieser fiese Niesel aus feldgrauem Himmel? Als ob die Stadt den verblichenen Zeiten ihres letzten Bundesrats Kurt Furgler und dessen berüchtigtem Opponenten Niklaus Meienberg nachtrauerte: «O Gallenstadt, Nierenstadt, Olma Brodworscht Biberstadt, Furglercity Stickerstadt, O Schübligstadt grau anzuschaun ...»

500 plus 300 Würste, 7 Akris-Schals – und Nelson Mandela

Nass, kalt, grau, St. Gallen halt, typisch Voralpenstadt; statt Volksfeststimmung unter freiem Himmel geschlossenes Pflichtprogramm, laues Klassentreffen. Denkt man. Und jetzt das: Schon vor dem offiziellen Einlass um 12 Uhr strömt nicht die «Classe politique», sondern bunt gemischtes Volk aus allen Gassen zum Pfalzkeller, viel zahlreicher als erwartet, nach 20 Minuten sind die optimistisch bestellten 500 Bratwürste restlos weg, die 300 sofort nachgelieferten eine halbe Stunde später ebenso schnell verschlungen. Metzgersfrau Andrea Bechinger ist am Grill doppelt baff: erstens von der Premiere mit Gesamtbundesrat, zweitens vom Ansturm auf ihr Angebot, das als Brühl-Matchimbiss bekanntlich als «beste Stadionwurst» der Schweiz gilt. Wohl mit ein Grund für die Stadionatmosphäre, die sich bereits bei den Grussworten von Thomas Scheitlin und Fredy Fässler abzeichnet. Der Stadtpräsident erntet den ersten Lacher, indem er den landläufigen Spruch vom Ende der Schweiz in Winterthur aus St. Galler Sichtweise erklärt: «Schade, dass andere Städte nicht zu unserem Land gehören.» Er preist seine «wunderschöne, ­innovative, coole Stadt» schliesslich als «Kraftort» und gibt dem Bundesrat einen Wunsch nach Bern mit: «Vergessen Sie uns nicht, wenn Sie jeweils entscheiden.» Etwas ernster ist Pfalzchef Fässler, der den Ringkanton als «Schweiz im Kleinen» beschreibt, nicht nur landschaftlich, sondern auch kulturell. Die heterogene Vielfalt verlange stets die Auseinandersetzung mit dem Andersartigen, das Finden von Wegen und Kompromissen, sagt er. Gemeinsam schenken Stadt und Kanton dem Bundesrat, man muss nicht lang raten: sieben exklusive Schals von Akris. Die St. Galler Modefirma ist im Saal gut vertreten: Ständeratspräsidentin Karin Keller-Sutter ist ganz in Akris gekleidet, Bundesrätin Doris Leuthard wenigstens zur Hälfte. Vor dem Bad in der Menge weitet Berset den Blick über die Grenzen, wie auf dem Säntis selbstverständlich, aber gefragt im ganzen Land. Das im Übrigen keine Helden brauche, sondern auf Freiwilligenarbeit baue. Held der Schweizer gemäss einer grossen Umfrage, die Berset offenbar gefällt: «Nicht Tell oder Federer, sondern Nelson Mandela, ein südafrikanischer Staatsmann, wenn das nicht von Offenheit zeugt.»

Gratulation und Ratschläge, aber vor allem persönliche Sorgen

Hernach gilt «Full Contact»: Die Bundesräte für einmal ganz nah und direkt, es ist kein leeres Versprechen. Dafür sind die vielen Leute gekommen, die meisten nur für ein Selfie, viele aber mit Gratulationen, Ratschlägen oder Hallihallo-Grüssen («Grüezi Frau Leuthard, wir kennen uns aus Mexiko!»). Die Aargauerin hat nach Berset das augenfälligste Starpotenzial und den grössten Zulauf. Mit Ausnahme von Simonetta Sommaruga, die früh auf den Zug muss (eine Bindehautentzündung, gegen die Ignazio Cassis’ blitzartig gezückter Medikamentenblock wenig hilft), bleiben alle sechs Bundesräte eine Stunde im Pulk. Nicht immer gehts um Small Talk: Cassis wird von einem Arztkollegen in die Mangel genommen, Guy Parmelin muss zu «seinen» Fliegern Auskunft geben, Johann Schneider-Ammann bekommt es mit den Sorgen von mehreren Ausgesteuerten zu tun. Auch Ueli Maurer wird pausenlos bedrängt: Ein älterer Mann fragt ihn, warum er nicht zurücktrete; mit «Toni Brunners Frau» stehe doch eine gute Kandidatin bereit. Maurer winkt ab, die SVP werde ausgegrenzt und könne froh sein, zwei Sitze zu halten. Schon wartet eine Frau, die als 74-Jährige ihr Altersgeld mit Arbeit aufbessern muss und vom Bundesrat mehr Support für ärmere Rentnerinnen und Rentner fordert.

Erstaunlich die Wertschätzung, ja Begeisterung für die «Institution Bundesrat», wie auch Regierungsräte feststellen, die selber für einmal nur Randfiguren sind. Und erstaunlich, wie der zwar gut bewachte, aber ohne Sicherheitsschleusen zugängliche Vollkontakt mit der Landesregierung ohne Misstöne oder Zwischenfälle über die Bühne geht. Sorgen, ja, auch Kritik, aber keine Beschimpfung: Die Wut bleibt im virtuellen Raum, Angela Merkel dürfte vor Neid erblassen. Früh erschienen, lang geblieben ist die höchste St. Gallerin im Bundeshaus, Karin Keller-Sutter. Sie lobt die Rede von Berset, aber hat den Anlass «nicht einfach» erlebt, wie sie andeutet und meint: Wer auf Schritt und Tritt als baldige Bundesrätin begrüsst wird («Du bist ja bald dabei, noch dieses Jahr?»), hat den Druck im Schwebezustand vor der möglichen Wahl langsam satt. Um halb zwei ist der Spuk vorbei, Bundes- und Regierungrat gehen rüber ins «Schlössli», draussen nur noch ein paar Polizisten und Trittbrettfahrerinnen: Frauen, die Unterschriften für ein Tierversuchsverbot sammeln. Und im Ohr nicht die Melodien des Dom-Bläserquartetts, sondern das Lied Stahlbergers vom Besuch des grössten Manns der Welt in der Stadt. «Wahre Grösse», es gibt «Fotene und Würscht», aber er muss bald weiter. Ganz wie der Bundesrat, nur dass der Riese noch den Kopf anschlägt. Im Pfalzkeller wie gesagt kein einziger Zwischenfall, bis auf «Bratwurstgate».

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