Männlich, einsam, krank: Es war ein einzelner Wolf, der in der Ostschweiz zahlreiche Schafe gerissen hat

«Unser Entscheid, das Tier zu schiessen, war völlig richtig»: Der einsame Wolf litt an der Hautkrankheit Räude, wie Laboruntersuchungen zeigen. 

David Grob
Hören
Drucken
Teilen
Der getötete Wolf litt an Räude.

Der getötete Wolf litt an Räude.

Bild: PD

Jetzt ist bestätigt, was Experten lange vermutet haben: Es war ein einzelner Wolf, der seit November in der Ostschweiz mindestens 15 Schafe gerissen hatte. Sie alle fielen dem gleichen Tier zum Opfer: dem Wolfsrüden M109. Dies teilt die Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau mit. Am 18. Februar wurde das Tier im Raum Bischofszell auf Anweisung der kantonalen Jagdverwaltung Thurgau und der St.Galler Wildhut geschossen.

Jetzt ist auch klar, woher M109 stammt. Vergangenen August wurde das Tier zum ersten Mal beim Lukmanierpass in der Bündner Gemeinde Medels nachgewiesen.

Er kam aus den Bündner Bergen

Roman Kistler Amtsleiter Jagd- und Fischereiverwaltung Kanton Thurgau.

Roman Kistler Amtsleiter Jagd- und Fischereiverwaltung Kanton Thurgau.

Bild: Andrea Stalder

Wie M109 in die Ostschweiz gelangte, bleibt unklar. «Wir können unmöglich genau nachvollziehen, auf welchem Weg der Wolf in die Ostschweiz kam», sagt Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau. Zu ausdauernd die Raubtiere, zu ungewiss ihr Verhalten.

«Gesunde Wölfe können gut 50 bis 100 Kilometer in einer Nacht zurücklegen.»

Klar ist: Nach dem ersten DNA-Nachweis beim Lukmanierpass folgt vier Tage später der nächste bei Andermatt. Dann aber verliert sich die Spur des Wolfes während Monaten. Erst am 22. November, als im Kanton Appenzell Innerrhoden mehrere Schafe gerissen wurden, taucht er wieder auf. Danach häufen sich die Risse von Nutztieren – und damit die Nachweise in der ganzen Ostschweiz.

M109. Diese Bezeichnung für den Wolfsrüden ist karg wie die Landschaft, in der das Tier zum ersten Mal nachgewiesen wurde. Die Stiftung Kora, zuständig für das Monitoring von Luchsen, Wölfen und anderen Wildtieren in der Schweiz, listet sämtliche Nachweise von Wölfen auf. M gleich «male», männlich, 109 ist eine Laufnummer. Neuer Wolf, neue Nummer.

Eine Hautkrankheit, entzündete Organe

Die Laboruntersuchung belegen auch die Vermutung, welche die Behörden erst zum Abschuss veranlasste: Der Wolf war krank. «Untersuchungen des Zentrums für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern bestätigen, dass der Wolf an Räude erkrankt war», heisst es in der Medienmitteilung. Fotofallenbilder zeigten in den Wintermonaten ein arg lädiertes Raubtier, dem an beiden Flanken das Fell fehlte. Die Untersuchung ergab ausserdem: Herz, Nebennieren und Dickdarm des Tieres waren entzündet.

Kistler meint im Rückblick:

«Unser Entscheid, das Tier zu schiessen, war völlig richtig.»

Das Tier habe ein zunehmend untypisches Verhalten gezeigt, das wohl auf die Räude zurückzuführen ist. «Wir wissen aus Untersuchungen mit an Räude erkrankten Füchsen, dass diese ihren Aktionsradius einschränken. Dies war auch beim Wolf der Fall», sagt Kistler. Die entzündeten Organe könnten laut Kistler eine Folge der Hautkrankheit sein: «Tiere mit Räude haben oft sehr starke Hautverletzungen. So gelangen Erreger leichter in den Körper.»

Ist der Wolf ein Grenzgänger?

Jetzt wird die Abstammung des Wolfes geklärt. Stammt er von einer Schweizer Wolfspopulation ab oder ist aus Italien zugewandert? «Die DNA von M109 wird mit derjenigen möglicher Eltern verglichen. Wie bei einem Vaterschaftstest», sagt Kistler.

Mehr zum Thema