Luxuswahn führt ihn ins Gefängnis

Der Vater der beiden im zürcherischen Flaach getöteten Kinder kommt für dreieinhalb Jahre in Haft. Das hat das Bezirksgericht Weinfelden gestern entschieden.

Mario Testa
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Am Bezirksgericht Weinfelden wurde der geständige 30-Jährige gestern verurteilt. (Bild: Reto Martin)

Am Bezirksgericht Weinfelden wurde der geständige 30-Jährige gestern verurteilt. (Bild: Reto Martin)

Er hat Artikel im Internet verkauft, das Geld einkassiert, aber die Ware nie geliefert. Dazu hat er an verschiedenen Wohnorten, meist im Bezirk Weinfelden, die Miete geprellt und Autos mittels gefälschter Dokumente gekauft und weiterverkauft. Alles nur, um sich und seiner Familie ein Leben in Luxus zu ermöglichen. Gegen 100 Fälle von Betrug, Zechprellerei und Urkundenfälschung kamen beim 30jährigen Schweizer in den Jahren 2013 und 2014 innert nur rund 17 Monaten zusammen. «Sie haben eine enorme kriminelle Energie an den Tag gelegt», sagt die vorsitzende Richterin Claudia Spring bei der Urteilsbegründung im Weinfelder Rathaus gestern zum Angeklagten.

Das fünfköpfige Richtergremium am Bezirksgericht Weinfelden verurteilt ihn wegen gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Zechprellerei und Urkundenfälschung und weiterer Delikte zu 42 Monaten Haft und einer Busse von 1200 Franken. Dazu muss er die Hälfte der fast 60 000 Franken Verfahrenskosten übernehmen. Weil der geständige Mann die Forderungen aller Betrogenen akzeptiert, kommen Zahlungen von weiteren über 100 000 Franken auf ihn zu.

Teure Wohnungen trotz geringem Lohn

Der Angeklagte zeigte bei der Verhandlung Reue und legte ein umfassendes Geständnis ab – wie schon im Verlauf des Verfahrens. Alle Punkte, die ihm die Staatsanwaltschaft Bischofszell in der Anklageschrift im abgekürzten Verfahren vorwirft, akzeptiert er. Er erklärt vor den Richtern und vielen Journalisten im Gerichtssaal die Hintergründe seiner Taten. «Ich hatte anfangs einen gut bezahlten Job beim Militär, baute eine Beziehung zu meiner späteren Frau auf – und auch sie hat gearbeitet. So kamen wir auf etwa 10 000 Franken im Monat.» Solange beide arbeitstätig gewesen seien, sei alles gut gegangen. «Dann kam die Schwangerschaft meiner Frau, sie hörte auf zu arbeiten und ich verlor später wegen Umstrukturierungen meinen Posten im Militär.» Aufgrund einer Handverletzung habe er im Sicherheitsbereich keine neue Stelle bekommen und musste zurück in seinen gelernten Beruf als Detailhandelskaufmann zu einem Grossisten. «Meine Frau war irgendwann ausgesteuert, wir hatten einen eineinhalb Jahre alten Bub – meine knapp 3500 Franken Lohn reichten nirgends hin.»

Trotzdem seien die Ansprüche seiner Frau gestiegen, sie habe nach einer teuren Wohnung verlangt, ihn unter Druck gesetzt und mit dem Entzug der Kinder gedroht. Der Schuldenberg wuchs, nur mit gefälschtem Betreibungsregisterauszug kam er noch an teure Wohnungen ran. Er bezahlte keine Miete mehr und wechselte häufig die Wohnung. «Auch ich wurde mit der Zeit verzaubert von diesem Drang. Er hat mich dazu verleitet, nach einem gehobenen Standard zu streben.» Er kaufte mehrmals Autos. Die Garagisten täuschte er mit gefälschten Zahlungsaufträgen, Einzahlungsscheinen und Zahlungsbestätigungen. Die Autos verkaufte er weiter. Dazu kamen 70 Fälle von Internetbetrug. Angefangen hätten sie damit, dass er einen persönlichen Gegenstand im Internet verkaufen wollte. Auf das Inserat hin hätten sich viele gemeldet. «Aus meiner Verzweiflung heraus habe ich zehn Interessenten gleichzeitig meine Kontodaten angegeben. Da kam plötzlich viel Geld rein.» Er habe immer weiter gemacht. «So kamen die vielen Betrugsfälle zusammen, es ist so ein Strudel entstanden, aus dem ich keinen Ausweg mehr sah. Die Barriere – darf ich das, darf ich nicht – ist praktisch verschwunden.»

Verurteilter nennt Verhaftung eine Befreiung

Am 4. November 2014 kam es zur Verhaftung. «Für mich war das wie eine Befreiung aus diesem realitätsfremden Leben», sagt er. «Es wäre wohl immer schlimmer geworden.» Hilfe habe er nie gesucht. «Der Gang aufs Sozialamt wäre für mich abartig gewesen. Ich war wohl zu stolz.» Seit 22 Monaten sitzt er im Gefängnis, er ist im vorzeitigen Strafvollzug. In dieser Zeit musste er eine Familientragödie erleben, die als «Fall Flaach» Schlagzeilen machte. Seine in Untersuchungshaft genommene Frau hatte nach ihrer Entlassung am 1. Januar 2015 die beiden gemeinsamen Kinder getötet. Später beging sie im Gefängnis Suizid. Sie litt unter einer Persönlichkeitsstörung, einem instabilen Realitätsbezug. Zur «monströsen Tat» äusserte sich der Mann im Schlusswort: «Die Kesb und andere trifft keinerlei Schuld am Tod meiner Kinder. Ich und meine Frau sind schuldig.» Er bereue seine Taten zutiefst. Bei den Geschädigten entschuldigte er sich und versprach, ihr Geld zurückzuerstatten.