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LUFTFAHRT: «Die Flugplätze sollen mitdenken»

Zehn Jahre hat der St.Galler Daniel Weder die Flugsicherung Skyguide geführt, nun geht er in Pension. Mit dem Wachstum des Verkehrs würden Regionalflugplätze wie Altenrhein wichtiger, sagt der 60-Jährige – und fordert mehr Kooperation in der Branche.
Adrian Vögele
«Ein Teil des Flugverkehrs wird sich auf die Regionalflugplätze verlagern»: Daniel Weder am Flughafen Zürich. (Bild: Simone Schuldis/Skyguide)

«Ein Teil des Flugverkehrs wird sich auf die Regionalflugplätze verlagern»: Daniel Weder am Flughafen Zürich. (Bild: Simone Schuldis/Skyguide)

Interview: Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Daniel Weder, angenommen, Sie steigen als Passagier in ein Flugzeug: Wo wünschen Sie sich die bessere Crew – im Cockpit oder bei der Flugsicherung?

Das lässt sich so nicht beantworten. Beide müssen professionell arbeiten und sind aufeinander angewiesen – und nicht zu vergessen ist zudem das Personal des Flughafens. Wenn das Zusammenspiel dieser drei Elemente gut funktioniert, ist das System sicher.

Was passieren kann, wenn diese Zusammenarbeit nicht klappt, zeigte sich vor 15 Jahren bei Über-lingen: Zwei Flugzeuge kollidierten, 71 Menschen kamen ums Leben. Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie davon erfuhren?

Ja. Das geschah vor meiner Zeit bei Skyguide, ich war damals noch bei der Fluggesellschaft Swiss. Die Airline war nicht in den Unfall involviert, aber Swiss und Skyguide arbeiten eng zusammen, man ist untereinander befreundet. Ich weiss noch genau, wie ich an jenem Morgen ins Personalrestaurant kam und dort die Leute der Flugsicherung antraf. Ich litt stark mit ihnen mit.

2007 kamen Sie als Chef zu Skyguide. War Überlingen mit seinen Folgen damals noch stark spürbar?

Ja. Die Nachwirkungen waren enorm. Einer unserer Lotsen war ja ermordet worden, und die Firma war allgemein stark verunsichert. Es fehlte ihr an Personal, zudem gab es finanzielle Probleme. Die Herausforderungen waren gross, als ich hier anfing.

Die Luftfahrt hat ihre Lehren aus dem Unglück von Überlingen gezogen. Ist ein solcher Unfall heute ausgeschlossen?

Aus meiner Sicht wird sich dieser Vorfall, genau in der Weise, wie er damals passiert ist, nicht wiederholen. Unfälle können zwar auch in Zukunft vorkommen. Doch wir tun alles dafür, sie zu verhindern. Hier haben wir in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht.

Im Schweizer Luftraum wird es immer enger, vor allem rund um den Flughafen Zürich. Der Verkehr nimmt zu. Steigt damit das Risiko?

Wir haben den komplexesten Luftraum Europas. Doch wenn das Risiko zunähme, würden wir bei Skyguide unseren Job nicht richtig machen. Um zu verhindern, dass mit dem Verkehrswachstum neue Risiken entstehen, müssen wir als Fachinstanz bisweilen eingreifen und sagen: So geht es nicht. Das gibt manchmal rote Köpfe, denn Politik und Bevölkerung haben oft andere Interessen als wir. Doch damit müssen wir leben.

Andere Probleme als der Flughafen Zürich haben die Regionalflugplätze: Die Flugsicherungskosten bereiten ihnen Sorgen, da der Bund in Zukunft weniger daran zahlt. Auch der Flugplatz Altenrhein hat sich darüber beklagt. Was tut Skyguide, um die Lage zu entschärfen?

Ich habe das zur Chefsache erklärt und versucht, alle an einen Tisch zu bringen. Man kann das Problem nur gemeinsam lösen. Es geht gesamtschweizerisch um eine Lücke von sieben Millionen Franken. Das können die Regionalflugplätze nicht allein decken. Skyguide beteiligt sich mit drei Millionen Franken. Ausserdem empfahlen wir, dass die Gebühren für die Flugplatznutzer um zehn Prozent angehoben werden. Man muss wissen: Heute bezahlen die Nutzer an den Regionalflugplätzen fünf Millionen Franken Gebühren. Die Flugsicherungskosten betragen aber 35 Millionen.

Drei Millionen Franken von Skyguide, eine halbe Million aus der Gebührenerhöhung – bleibt noch eine Lücke von 3,5 Millionen.

Diesen Betrag gilt es jetzt schrittweise einzusparen über die nächsten vier Jahre. Ich finde es richtig, dass man sich überlegt: Welcher Flugplatz braucht punkto Flugsicherung überhaupt welche Leistung? Bis jetzt galt: Jeder Regionalflugplatz hat das volle Angebot, und irgendjemand bezahlt dann. Ich finde das keine gute Lösung. Die Flugplätze sollen selber mitdenken und ihr Angebot steuern – gemeinsam mit Skyguide.

Wie haben die Flugplätze reagiert?

Der Prozess ist ziemlich schwierig. Wir sind auf – sagen wir mal – halboffene Türen gestossen.

Die Verantwortlichen in Altenrhein warnten, wegen der Finanzierungslücke bei der Flugsicherung sei die Existenz des Flugplatzes bedroht.

Das stimmt schlicht und einfach nicht. Zu sagen, Skyguide sei der Totengräber der Regionalflugplätze, ist unverschämt. Und gerade Altenrhein muss über die nächsten vier Jahre relativ wenig an die Finanzierungslücke beitragen. Ich kann keine konkrete Zahl nennen, und mir ist bewusst, dass Einsparungen immer schmerzhaft sind – aber dennoch: Der Beitrag, den Altenrhein leisten muss, hält sich in Grenzen.

Welche Möglichkeiten hätte Altenrhein, um bei der Flugsicherung zu sparen?

Erstens gibt es technische Optionen. Ein Beispiel: Man könnte sich in Altenrhein die Frage stellen, ob es das Instrumentenlandesystem längerfristig noch braucht. Heute zeichnen sich Verfahren mit Hilfe der Satellitennavigation ab, die dieses System ablösen könnten. Zweitens soll jeder Flugplatz überlegen, ob er bei den Öffnungszeiten nicht sparen kann. Kürzere Betriebszeiten mit Flugsicherung bedeuten veränderte Einsatzzeiten der Skyguide-Mitarbeiter im Kontrollturm. Und drittens prüfen Flugplätze ausserhalb der Ostschweiz eine neue Form der Koordination des Flugverkehrs, also keine Flugsicherung mehr: Dabei geht es darum, dass auf geeigneten Flugplätzen die Piloten mehr Verantwortung übernehmen und damit die Aufgaben der Flugsicherung reduziert werden können. Alle diese Entwicklungen können wir nur gemeinsam umsetzen – die Flugplätze und wir.

Altenrhein hat derzeit eine Linienverbindung nach Wien, eine zweite Linie nach Köln wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Hat Linienverkehr ab Regionalflugplätzen überhaupt Zukunft?

Ich denke, Regionalflugplätze haben eine gute Grundlage, vermehrt Linienflüge zu bekommen. Die Infrastruktur in Zürich und Genf ist am Anschlag. Mit der Zeit wird sich ein Teil des Verkehrs auf die Regionalflugplätze verlagern, weil es in den Zentren keinen Platz mehr hat. Es ist darum wichtig, dass wir gesamtschweizerisch stärker zusammenarbeiten und die Rolle der einzelnen Flughäfen und Flugplätze klarer definieren, so dass das System als Ganzes weiterhin gut funktioniert.

Die Koordination muss sich also verbessern?

Ja. So finden zum Beispiel zwischen den Regionalflugplätzen und den grossen Flughäfen nur wenig Gespräche statt. Das verstehe ich nicht. Ich sage immer: Setzt euch öfter zusammen und schaut, ob und wie ihr einander gegenseitig helfen könntet.

Sie werden sich auf europäischer Ebene weiterhin beratend für die Flugsicherung engagieren. Was ist Ihr grösstes Anliegen?

Die Flugsicherung arbeitet mit modernster Technologie, doch die Prozesse sind veraltet. Die rund 60 Kontrollzentren in Europa sind bis heute nicht untereinander vernetzt. Und zwischen Kontrollzentrum und Flugzeug findet die Kommunikation bislang hauptsächlich über Sprechfunk statt. Hier brauchen wir neue Wege, um Daten auszutauschen. Auch sind wir daran, die Systeme zu überarbeiten, sodass in Zukunft die Zentren besser zusammenarbeiten können. Diese neue Systemarchitektur wird uns später auch beim Thema Drohnen behilflich sein. Skyguide hat in diesen Weiterentwicklungen eine Vorreiterrolle.

Sie sind in St.Gallen aufgewachsen, leben aber schon lange im Raum Zürich. Zieht es Sie nun nach der Pensionierung zurück in die Ostschweiz?

Die Ostschweiz ist eine Herzensangelegenheit für mich. Ich werde zwar nicht meinen Wohnsitz verlegen, aber ich möchte die Ostschweiz auf jeden Fall wieder öfter besuchen. Bisher fehlte mir dafür die Zeit.

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