Lü: Problemlösung auf dem Land

Silvan Lüchinger schreibt in seiner Kolumne «Lü» über die vergangene Woche und fasst zusammen, was ihm dabei ins Auge gestochen ist.

Silvan Lüchinger
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Silvan Lüchinger.

Silvan Lüchinger.

Bild: Coralie Wenger

18. Juni: Das Stadtparlament Weinfelden beschliesst mit 17:13-Stimmen, jedem Einwohner einen 50-Franken-Gutschein zu schenken, der beim lokalen Gewerbe eingelöst werden kann.
Um eine Hungerrevolte zu verhindern, nimmt das Parlament eine Verschuldung der bettelarmen Stadt auf Jahre hinaus in Kauf.

25. September: Die «Thurgauer Zeitung» berichtet, die Gutscheine müssten versteuert werden. Die Gemeinde Weinfelden dementiert. «Die Gutscheine müssen nicht versteuert werden. Anderslautende Berichte in der Tageszeitung und anderen Medien können ignoriert werden», lautet ihre Mitteilung.
Die verunsicherte Gemeinde orientiert sich an Vorbildern in den USA und wirft den Medien Fake News vor.

25. September: Der Thurgauer Finanzdirektor Urs Martin greift ein: «Die Gutscheine müssen versteuert werden.»
Sein Wort: «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.»

29. September: Ein Steuerexperte sagt, der Kanton liege falsch und er werde die Veranlagung anfechten.
Ein Fachmann sieht seine Chance, endlich aus dem Schatten der Corona-Experten herauszutreten.

1. Oktober: Das kantonale Steueramt hält an seiner Aussage fest, will aber keine weiteren Fragen beantworten. Auch die Stadt Weinfelden gibt keine Auskunft mehr. Sie verweist auf ein «laufendes Verfahren».
Auskünfte an Bürger und Medien sind fakultativ und höchstens in Wahljahren geschuldet.

30. Oktober: Der Thurgauer Finanzdirektor Urs Martin und Stadtpräsident Max Vögeli treffen sich, um die Sache zu regeln.
Ohne Waffen, mit blossen Fäusten. Unter Männern eben.

30. Oktober: Die Gemeinde teilt in wenigen Sätzen mit, der Kanton werde in dieser Angelegenheit «Augenmass bewahren». Telefonisch ist anschliessend niemand mehr erreichbar.
Selten war ein Aufruf zur Steuerhinterziehung offensichtlicher formuliert. Vielleicht darf's ja auch ein bisschen mehr sein.

1. November: Die neue Namensregelung tritt in Kraft.
Der Kanton Thurgau und die Stadt Weinfelden haben sich geeinigt und tragen künftig denselben Namen: Seldwyla 1 und 2.