Löhne nicht bezahlt, Arbeiter illegal beschäftigt, Tiere vernachlässigt: Artisten erheben schwere Vorwürfe gegen Circus-Royal-Direktor

Hinter den Kulissen des Kreuzlinger Circus Royal gehen die Wogen hoch: Mehrere Artisten werfen Direktor Oliver Skreinig vor, sie nicht oder nur teilweise bezahlt zu haben. Ausserdem hat der Zirkus moldawische Arbeiter illegal beschäftigt. Der Direktor soll sich Ende November in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Staub gemacht haben. Jetzt wollen die Artisten um ihr Geld kämpfen.

Luca Ghiselli und Daniel Walt
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Die Krone hängt schief: Über dem Circus Royal sind dunkle Wolken aufgezogen.

Die Krone hängt schief: Über dem Circus Royal sind dunkle Wolken aufgezogen.

Benjamin Manser

Zirkusartisten werden wöchentlich bezahlt. Am sogenannten Gagentag gehen sie ins Zirkus-Sekretariat und erhalten den (meist bescheidenen) Lohn für ihre harte Arbeit. Beim Circus Royal war das auch so – zumindest bis zu dieser Spielzeit. Denn 2019 haben weder Artistinnen und Artisten noch andere Zirkus-Mitarbeiter regelmässig ihren vollständigen Lohn erhalten, wie mehrere Mitarbeiter gegenüber dem «Tagblatt» festhalten.

Einigen sei das Salär nur teilweise ausbezahlt worden, andere warten bis heute auf ihr gesamtes Geld. Und das ist erst der Anfang, wie Recherchen zeigen. Denn der Circus Royal steht nach einer desaströsen Saison vor dem Aus. Und Zirkusdirektor Oliver Skreinig ist untergetaucht. Der Kapitän hat das Schiff als erster verlassen.

Angestellte berichten von Ausbeutung und Misswirtschaft

Die geprellten Artisten wehren sich. Mehrere von ihnen – die meisten stammen aus dem europäischen Ausland – haben genug, wollen auspacken und die Missstände hinter der Manege des Circus Royal aufdecken. Ihre Geschichten decken sich: Die Angestellten erzählen von der Ausbeutung von Arbeitskräften, von Misswirtschaft und Überforderung der Zirkusdirektion.

«Dass es Gagenrückstände von bis zu fünf Monaten gab, ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs», sagt ein Artist, der aus Angst vor Repressionen anonym bleiben will. Der Mann, wir nennen ihn Bruno S.*, hat viel Erfahrung im Zirkusgeschäft. Aber so etwas wie beim Circus Royal, das hat auch er noch nie gesehen. Trotzdem liegt S. viel daran klarzustellen: «Oliver Skreinig ist kein schlechter Mensch, er hat nicht aus bösem Willen gehandelt. Aber er ist unfähig und hat mit seiner Arbeitsweise den guten Namen des Circus Royal ruiniert.»

Sängerin reinigte die Toiletten

Wer seinen Lohn eingefordert habe, sei stets vertröstet worden. Artistinnen und Artisten seien angeheuert worden, um in der Manege aufzutreten. «Stattdessen mussten sie an der Bar arbeiten oder vor dem Zelt Publikum anheuern.» Angestellte werden also als Artisten deklariert, enden dann aber hinter dem Zirkusbuffet oder als Plakateure. «Eine Sängerin war schliesslich auch noch für die Reinigung der Toiletten zuständig», sagt S.

Eine Szene aus besseren Tagen: Das volle Circus-Royal-Zelt bei der Premiere in Weinfelden.

Eine Szene aus besseren Tagen: Das volle Circus-Royal-Zelt bei der Premiere in Weinfelden.

(Bild: Andrea Stalder)

Eine Artistin, die so unter Vortäuschung falscher Tatsachen zum Circus Royal gelockt wurde, ist Tatjana V.* Eigentlich ist sie Tänzerin, zieht mit ihrem Programm um die Welt. «Beim Royal musste ich hinter der Bar arbeiten.» Sie habe immer wieder das Gespräch mit der Direktion gesucht – erfolglos:

«Wir wurden stets vertröstet, warten immer noch auf unser Geld.»

Sie hätten sich an das RAV, die Stadt Kreuzlingen, wo der Zirkus domiziliert ist, und ans Thurgauer Migrationsamt gewandt. Und hoffen nun, doch noch irgendwie an ihren Lohn zu kommen.

Leere Zuschauerränge, leere Versprechen

Die Zuschauer seien ohnehin meist ferngeblieben, sagt Tatjana V. «Wenn wir 50 Leute im Zelt hatten, waren wir hochzufrieden», bestätigt auch Bruno S. Oft seien es aber nicht einmal 20 Personen gewesen, die die Vorstellungen besucht hätten. Bruno S. sagt:

«Es war schnell klar, dass dem Zirkus das Geld fehlt, um uns zu bezahlen. Aber statt das transparent zu machen und die Tournée abzubrechen, machte der Direktor uns leere Versprechen, tischte Lügen auf, um uns zu vertrösten.»

Im September gastierte der Zirkus dann am Schifffahrtshafen in Kreuzlingen. Zuvor hatte Skreinig Moldawier angeheuert, die beim Auf- und Abbau des Zirkuszeltes helfen sollten. Das Zelt war noch nicht ganz aufgerichtet, da kamen schon das Arbeitsinspektorat und die Polizei.

Das Royal-Schild ist vorerst verräumt.

Das Royal-Schild ist vorerst verräumt.

(Bild: Benjamin Manser)

«Sie kontrollierten die Moldawier und stellten fest, dass sie nicht über eine Arbeitsbewilligung verfügen», sagt Bruno S. Die Polizei nahm die Männer fest, schickte sie zurück nach Moldawien. «Die Männer haben hart gearbeitet, wurden nicht bezahlt, dann festgenommen und sind jetzt zwei Jahre lang für die ganze EU gesperrt. Das ist doch skrupellos», sagt Bruno S.

Thurgauer Kantonspolizei bestätigt Festnahmen

Das Zirkuszelt bauten schliesslich die Artisten selbst auf – und wieder ab. «Wir hatten keine andere Wahl», sagt S. Ohne Zelt kein Publikum. Und ohne Publikum kein Geld.

Andy Theler, Mediensprecher Kantonspolizei Thurgau

Andy Theler, Mediensprecher Kantonspolizei Thurgau

Reto Martin

Die Kantonspolizei Thurgau bestätigt den Einsatz auf Anfrage: «Die Kantonspolizei Thurgau hat am 17. September 2019 in Kreuzlingen beim Circus Royal auf Ersuchen des Ressorts Arbeitsmarktaufsicht im Amt für Wirtschaft und Arbeit eine Kontrolle durchgeführt.» Und weiter hält Mediensprecher Andy Theler fest:

«Vier moldawische Staatsangehörige ohne gültige Arbeitsbewilligung wurden festgenommen.»

Doch nicht nur Menschen haben es in der Saison 2019 des Circus Royal schwierig, auch die Tiere. Gemäss Tierschutzverordnung dürfen Tiere wie Kamele, Lamas und Pferde maximal acht Stunden transportiert werden – Pausen eingerechnet. «Die Tiere waren an Transporttagen zum Teil 35 Stunden am Stück in den Transportern», sagt Bruno S. Das habe ihm wehgetan. Warum hat er sich nicht beim Veterinäramt gemeldet? «Dann wären die Tiere abgeholt worden. Und hätte man keinen Platz für sie gefunden, wären sie eingeschläfert worden. Das wollte ich nicht.»

Der Zirkusdirektor reist mitten in der Nacht ab

Schon während der Tournée wird den Artisten klar, dass es nicht gut um den Circus Royal steht. Den November verbringen sie in Vorarlberg. Dann kommt es laut Bruno S. und Tatjana V. in Dornbirn zum Eklat: «Wir hatten 15 Leute im Zelt. Die Artisten haben gesagt: Wir machen diese Vorstellung noch, aber danach ist Schluss.» Eine Mitarbeiterin Skreinigs sei danach auf die Künstler zugekommen und habe gesagt, Skreinig könne die Vorstellung nicht leiten, er habe einen Zusammenbruch erlitten.

«Wir haben die Vorstellung mit Anstand zu Ende geführt und sind zurück in unsere Wohnwagen.» Plötzlich, um halb 4 Uhr morgens, habe ein Artist gehört, wie ein Motor angelassen wird. Bruno S. sagt: «Skreinig hat sich mit seiner Sekretärin aus dem Staub gemacht und alles zurückgelassen, mitten in der Nacht.»

Die Infrastruktur sei tagelang liegengeblieben, die Tiere seien zurückgelassen worden. «Ein paar Tage später wurden sie dann abgeholt.»

Nach dem plötzlichen Abgang Skreinigs hätten geprellte Zirkusmitarbeiter vereinzelt randaliert. S. sagt:

«Einige diskutierten sogar, den Wohnwagen des Zirkusdirektors niederzubrennen.»

So weit sei es dann aber zum Glück nicht gekommen. Bruno S. und Tatjana V. prüfen jetzt gemeinsam mit den anderen Artisten und Zirkusmitarbeitern rechtliche Schritte, um doch noch zu ihrem Geld zu kommen.

Skreinig ist nicht zu erreichen

Was sagt Zirkusdirektor Oliver Skreinig zu den Vorwürfen seiner Mitarbeiter? Das «Tagblatt» versuchte ihn auf den unterschiedlichsten Kanälen zu kontaktieren – erfolglos. Diverse auf der Website des Circus Royal angegebene Handynummern sind entweder ungültig oder vorübergehend unterbrochen.

Dies gilt auch für die Nummer des Mediensprechers, die auf der «Royal»-Homepage zu finden ist. Auf anderen Natelnummern, die Oliver Skreinig direkt zugeschrieben werden, ist der Zirkusdirektor ebenfalls nicht zu erreichen. Auch eine Facebook-Nachricht an Oliver Skreinig blieb übers Wochenende ohne Reaktion.

Nicht die ersten Negativschlagzeilen

Zirkusdirektor Oliver Skreinig.

Zirkusdirektor Oliver Skreinig.

Bild: Benjamin Manser (Gossau, 9. März 2017)

Mangelhafte Tierhaltung und Geldprobleme: Immer wieder sorgt der Circus Royal für Negativschlagzeilen. Im Sommer 2018 liess die Meldung aufhorchen, dass die Betreibergesellschaft des «Royal» in Konkurs sei. Direktor Oliver Skreinig gab daraufhin zu Protokoll, er habe nichts über die finanziellen Probleme gewusst. Dies, obwohl er zu 50 Prozent an der Betreibergesellschaft beteiligt war.

Kurz vor dem Konkurs hatte Skreinig eine neue Firma gegründet: die Circus Royal GmbH. So konnte er weiterhin auf Tournee gehen, nachdem die Verbindung mit seinem langjährigen Geschäfts- und Lebenspartner Peter Gasser in die Brüche gegangen war.

Im Juli 2018 zeigte sich Skreinig gegenüber der «Thurgauer Zeitung» voller Optimismus, was die Zukunft des Circus Royal anging:

«Die neue Firma ist schuldenfrei. Wir haben vielleicht drei oder vier offene Rechnungen, aber die sind alle noch innerhalb der Zahlungsfrist.»

Im Februar 2019 machte der Circus Royal dann Schlagzeilen mit der Meldung, dass er mit Löwen auf Tournee gehen werde. Es folgte ein Sturm der Entrüstung, insbesondere aus Tierschutzkreisen. Skreinig sagte dazu gegenüber der «TZ»: «Es gibt viel mehr Menschen, die den Zirkus besuchen und Freude an den Tieren haben. Die Kritiker picken sich Tierarten heraus, die Emotionen wecken und die sie instrumentalisieren können.»

Die Löwennummer des Circus Royal war umstritten.

Die Löwennummer des Circus Royal war umstritten.

(Bild: Andrea Stalder)

Im Sommer folgte dann die Kehrtwende: Der Circus Royal strich die Löwen wieder aus dem Programm – aus wirtschaftlichen und nicht aus Tierschutzgründen, wie Skreinig damals verlauten liess.

In Schaffhausen wegen Tierhaltungsmängeln gebüsst

Im vergangenen September wurde dann die Meldung publik, dass der Circus Royal im Kanton Schaffhausen gebüsst worden war. Hintergrund: Im Winterquartier waren bei der Tierhaltung die Vorschriften nicht eingehalten worden, wie die «Schaffhauser Nachrichten» berichteten.

So wurden Lamas, Pferde und Trampeltiere offenbar mit zu wenig Licht im Zelt gehalten. Zudem habe die Haltebewilligung für die Trampeltiere gefehlt. Skreinig wurde mit 800 Franken gebüsst. Laut dem Bericht bestritt der «Royal»-Direktor die Haltungsmängel und kritisierte seinerseits, dass sich Kantonstierärzte nicht auskennen würden, wenn es um die Haltung von Zirkustieren gehe. Die Busse bezahlte er schliesslich trotzdem.

*Namen der Redaktion bekannt