«Literatur in den Häusern» bringt Lesungen in Kreuzlinger Wohnstuben

Kommenden Sonntag lesen Schauspielerinnen und Schauspieler in Kreuzlinger Wohnstuben. Vergangenen Sonntag hat «Literatur in den Häusern» bereits in Konstanz stattgefunden. Sarah Siri Lee König hat mit «Weisse Nächte» eine besonders bezaubernde Liebesgeschichte gewählt. 

Katharina Brenner
Hören
Drucken
Teilen
Für sie die schönste Liebesgeschichte: Sarah Siri Lee König liest in Konstanz aus Dostojewskis «Weisse Nächte».

Für sie die schönste Liebesgeschichte: Sarah Siri Lee König liest in Konstanz aus Dostojewskis «Weisse Nächte».

Reto Martin

Draussen lässt Sturm Sabine Blätter und Plastiksäcke durch die Gassen der Konstanzer Altstadt wirbeln. Drinnen unter der niedrigen Holzdecke könnten Kälte und Wind nicht weiter weg sein. Sarah Siri Lee König nimmt ihr Publikum mit nach St. Petersburg im Sommer. In Nächte, in denen die Sonne nur kurz untergeht. Weisse Nächte. Sie sind titelgebend für Fjodor Dostojewskis Novelle von 1848.

Das, was sich zwischen dem Erzähler und Nastenka in den vier Nächten am Kai des Kanals entwickelt, ist von einer solchen Leichtigkeit und Schwermut zugleich, dass jeder, der schon einmal verliebt war, und jeder, der es gerne einmal wäre, nicht anders kann, als mitzufühlen.

Bereits zum 18. Mal öffnen Konstanzer und Kreuzlinger  ihre Stuben für «Literatur in den Häusern». Schauspielerinnen und Schauspieler des Theater Konstanz lesen aus ausgewählten Büchern, von Briefwechseln über Erzählungen bis hin zu Thrillern. 19 Lesungen in Konstanz am vergangenen Sonntag, 10 Lesungen in Kreuzlingen am kommenden. Die Karten sind begehrt. Es gibt jeweils nicht viele, der Platz in den privaten Stuben ist begrenzt. Der persönliche Rahmen, der Besuch in Häusern, die man sonst nur vom Vorübergehen kennt, macht den Reiz des Formats aus.

Sie neigt den Kopf und stottert verlegen

Sarah Siri Lee König, 1990 in Göttingen geboren und seit anderthalb Jahren Ensemblemitglied am Stadttheater Konstanz, hat sich für «Weisse Nächte» entschieden. Für sie «die schönste Liebesgeschichte». Beim Vorlesen fährt ihre Hand immer wieder nach vorne oder in die Luft. Sie neigt den Kopf oder schüttelt ihn, stottert teils verlegen. «Mein Herz schlug so kräftig», liest sie an einer Stelle, macht eine Pause und blättert um, dass einem beim Zuhören das Herz selber ganz kräftig schlägt.  

Der Erzähler ist ein junger Mann, ein Träumer. Bei einem nächtlichen Spaziergang durch St.Petersburg trifft er auf die 17-jährige Nastenka. Während vier Nächten treffen sie sich an derselben Stelle. Ein Kennenlernen, das keinen Raum für Smalltalk lässt. «Fangen Sie an! Erzählen Sie Ihre Lebensgeschichte», fordert Nastenka den Erzähler auf. «Ich habe keine Lebensgeschichte.» «Aber wie haben Sie denn überhaupt gelebt, wenn Sie keine Lebensgeschichte haben?» Nastenkas anfängliche Bedingung für ein zweites Treffen wird rasch Makulatur:

«Verlieben Sie sich nicht in mich!»

Natürlich verliebt er sich in sie. Und sie sich in ihn. Wäre da nur nicht der Untermieter der Grossmutter.

Wein von der Insel Reichenau

«Wozu braucht es Filme oder Serien, wenn es solche Bücher gibt?», fragt König nach der zweiten Nacht. Die Nächte gliedern das Buch in Kapitel, König macht nach jeder eine kurze Pause. Die 15 Zuhörerinnen und Zuhörer sehen sich im Haus um, knabbern an Käsestangen und schenken sich Wein nach, Reichenauer Müller-Thurgau.

Von der Insel Reichenau kommen auch die Gastgeber. Die Stube, die Küche und das Badezimmer dienen der Familie als Stadtwohnung. In der Niederburg, dem ältesten Stadtteil von Konstanz, ist das Haus aus dem 14. Jahrhundert in guter Gesellschaft. Als sie es Mitte der 1970er Jahre kauften, hätten im Quartier viele Gastarbeiter gelebt, sagt die Gastgeberin. Als Sozialarbeiterin habe sie damals kurzerhand eine Lernstube eröffnet für die Kinder aus dem Quartier. Heute erinnern die grossen Holztische und die Kinderzeichnungen an der Wand an diese Zeit. Der Kachelofen hält die Stube warm, das Publikum sitzt auf Bänken und Stühlen aus Holz.

Nach der vierten Nacht kommt der Morgen. Nastenka hat sich für den Untermieter entschieden, der Erzähler bleibt allein zurück. Er fragt sich:

«Eine ganze Stunde Seligkeit! Ist das etwa wenig, selbst für ein ganzes Menschenleben?»

Sarah Siri Lee König blick das Publikum an. Man ist sich uneins, wohl auch um eine Antwort verlegen. Und so bleibt die Frage im Raum mit der niedrigen Holzdecke hängen.

Kartenvorverkauf

«Literatur in den Häusern», Sonntag, 16. Februar, ab 18 Uhr in Kreuzlingen. Restkarten sind in der Buchhandlung Bodan in Kreuzlingen erhältlich.

Mehr zum Thema