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«Gib dir die Kugel», «dumme Gans»: Wie Ostschweizer Politiker mit Drohungen im Netz umgehen

Für viele Ostschweizer Politiker gehören beleidigende E-Mails und Webkommentare zum Alltag. Frauen werden meist gröber angegangen. Manche erhalten konkrete Drohungen, so dass sich die Polizei einschaltet.
Janina Gehrig
Einfach mal Dampf ablassen: Früher wurde am Stammtisch ausgeteilt, heute hauen die Wutbürger in die Tasten. (Bild: Getty)

Einfach mal Dampf ablassen: Früher wurde am Stammtisch ausgeteilt, heute hauen die Wutbürger in die Tasten. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen sie hier.

Man würde manipulierte pornografische Bilder von ihnen veröffentlichen oder in ihrem Namen Drogen kaufen, wenn sie nicht mehrere hundert Franken auf ein Bitcoin-Konto einzahlten: So ähnlich lautete der Inhalt der erpresserischen E-Mails, die vergangene Woche zahlreiche Schweizer, darunter – wohl eher zufällig – auch vier Nationalräte erreichten. Die Cyberattacke hat Sicherheitspolitiker des Nationalrats auf den Plan gerufen, die den Kampf gegen Internetkriminalität verstärken wollen:

Viel häufiger als anonyme Drohungen dieser Art erhalten Politiker persönliche Nachrichten, in denen sie beleidigt, verflucht oder belächelt werden. Landesweit am häufigsten beschimpft wird dabei die SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga, wie eine Auswertung von Onlinekommentaren im Februar ergeben hatte.

Aufs Übelste angefeindet und bedroht wurde in den vergangenen Tagen auch die ­Juso-Präsidentin Tamara Funiciello, nachdem sie sich an einer Kundgebung in Bern über die Gewalt gegen Frauen geäussert und in einem Nebensatz den Song «079» von Lo & Leduc als sexistisch bezeichnet hatte.

Die Attacken der Polizei melden

Auch für viele Ostschweizer Politikerinnen und Politiker gehören beleidigende Nachrichten «leider zum Dauerzustand», wie es die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher ausdrückt. Meist schenke sie diesen nicht viel Beachtung.

Bisher habe sie nur einmal vorsorglich die Polizei eingeschaltet, als sie im Nachgang zu einer SRF-«Arena»-Sendung zur Initiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» bedroht worden war.

«Oft äussere ich mich bei emotionalen Themen gar nicht erst auf sozialen Medien»,

sagt Graf-Litscher, welche die Parlamentarische Gruppe für Digitale Nachhaltigkeit präsidiert. «Die Leute müssen aber darauf sensibilisiert werden, dass sie auch nach Attacken in den sozialen Medien Anzeige erstatten können.»

Dass man als Politikerin beleidigt werde, gehöre leider zum «normalen Wahnsinn», sagt auch Nina Schläfli, Thurgauer SP-Präsidentin und Kantonsrätin. Von schlimmeren Anfeindungen sei sie, die «höchstens mal als dumme Gans» beschimpft wurde, bisher aber verschont geblieben.

Die bedrohliche starke Frau

Für den St.Galler Juso-Präsidenten Andri Bösch ist klar, dass Frauen mit einer anderen Qualität von Hass konfrontiert werden als Männer. «Starke Frauen haben gerade für Männer, die in ­patriarchalen Strukturen aufgewachsen sind, oft etwas Bedrohliches. Diese wollen sie zum Schweigen bringen», sagt er.

Frauen würden eher auf ihr Äusseres reduziert, als fett oder hässlich bezeichnet. Bösch ist überzeugt: Wenn Fabian Molina oder Cédric Wermuth die Worte Funiciellos in den Mund genommen hätten, wären sie wohl auch beleidigt worden, «aber die Reaktionen wären bestimmt weniger heftig ausgefallen».

Persönlich sei auch er während des Stadtratswahlkampfes schon als «Gutmensch» bezeichnet worden oder als «linke Sau, die sich den Wanst vollschlägt». Der Satz «Gib dir eine Kugel!» habe ihm besonders zu denken gegeben.

Monika Simmler: «Man ist ziemlich schnell abgehärtet»

Auch die St.Galler SP-Kantonsräte Monika Simmler und Etrit Hasler glauben, dass Frauen viel häufiger Opfer von bedrohlichen Attacken würden. «Auf dem Niveau, wie Frauen mit Gewalt gedroht wird, wurde ich jedenfalls noch nie angegangen», sagt Hasler. Er erhalte vor allem, wenn er sich zum Thema Migration äussere, wütende Nachrichten – vorwiegend per Briefpost.

«Gegen primitive Hassmails ist man ziemlich schnell abgehärtet. Es gibt aber Fälle, die man nicht verharmlosen darf, und die man nicht einfach so hinnehmen muss», sagt Simmler. Wenn Frauen beschimpft würden, komme oft eine sexistische Komponente hinzu, sagt auch sie.

Gleichzeitig gibt Hasler zu bedenken, dass Gewaltandrohungen kein Phänomen des 21. Jahrhunderts seien. «Früher wurde am Stammtisch geflucht, jetzt übers Netz.»

SVP-Kantonsrat unter Polizeischutz

Auch der Rheintaler SVP-Kantonsrat Mike Egger muss beim Checken der Mails oft die «Delete»-Taste drücken. Er erhielt Polizeischutz, als er sich für das Verhüllungsverbot einsetzte. «Ich hatte eine Nachricht bekommen, man werde mich beseitigen. Meine Eltern hatten Angst.»

Der 26-Jährige will sich nicht einschüchtern lassen. «Als Politiker wird man manchmal auch zu Recht an den Pranger gestellt. Jede Bemerkung wird reflektiert. Das hat auch etwas Positives.»

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