Lieber Offa als City Beach

Die Offa findet auch in meinem Vorgärtchen statt.

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Blick aufs Epizentrum: Der Offa-Bierstand an der Sonnenstrasse. (Bild: Ralph Ribi)

Blick aufs Epizentrum: Der Offa-Bierstand an der Sonnenstrasse. (Bild: Ralph Ribi)

Die Offa findet auch in meinem Vorgärtchen statt. Vor allem zu später Stunde suchen immer mehr männliche Messe-Besucher, die in den Hallen 4 und 5 fleissig degustiert haben, die paar schäbigen Quadratmeter Wiese vor dem Haus auf, in dem ich lebe – als unmittelbarer Anwohner des Olma-Messenareals habe ich die Offa während fünf Tagen also im doppelten Sinn direkt vor der Nase.

Logenplatz zum Bierstand

Stelle ich mich an das Fenster in meinem Zimmer, sehe ich aus 15 Metern Höhe auf das Epizentrum: Der Schützengarten-Bierstand an der Sonnenstrasse vor dem Parkplatz, wo früher einmal die Halle 7 stand. Die hat sich zwar anno 2000 in Rauch aufgelöst, ihr Geist aber ist an diesem Ort verwurzelt geblieben – der Andrang am Bierstand beweist es. Öffne ich das Fenster, so höre ich das Rauschen von tausend durcheinanderredenden Stimmen.

Weil man von hier oben die Gesichter noch knapp erkennen kann, stehe ich manchmal lange da und schaue, ob ich jemanden kenne. Und wenn ja, was er oder sie denn gerade so macht (Bier aus Plastikbechern trinken). Von unten brutzelt und mieft die Fritteuse vom Frühlingsrollen-Stand, von links kreischt der Jahrmarkt. Offa-Cocktail der Eindrücke, der Gerüche, der Geräusche. Kurz: das Leben. Bewegung. Aktion.

Darum ist es mir egal, wenn sich die Besoffenen vor meinem Haus erleichtern und ich am Morgen mit dem Velo ein paar Scherben ausweichen muss. Oder wenn bis spät in die Nacht laut geredet wird und aus der Moststube unsägliche deutsche Schlager tönen. Ich bekenne: Ich wohne seit knapp zwei Jahren hier und ich mag die Ecke – zweimal Olma, jetzt die zweite Offa, dazwischen quartierte sich der Circus Knie samt Elefanten und Artisten während knapp zweier Wochen in der 30er-Zone ein.

Die Offa ist sich selbst

Das Museumsquartier und seine Bewohner haben sich im Lauf der Jahre an das Leben, das die Strassen auch jetzt wieder füllt, gewöhnt – im Guten wie im Schlechten. Und gleichzeitig zwickt der Stadtrat am St. Galler Fest Jahr für Jahr eine halbe Stunde ab, weil sich die Herren der Altstadt wegen zwei Festnächten gestört fühlen könnten.

Ist das Herz der Stadt kalt, wandert die Wärme halt an die Peripherie: Die Offa wärmt und oft gibt sie auch zu warm. Immer aber ist sie sich selbst – anders als diesen Winter der City Beach in der Messe-Halle, wo sonst Vieh gezeigt wird. Bemühtes Strandbar-Feeling wurde verbreitet, aber der Geruch von Kuh und Eber blieb eben doch kleben; Kontrast zu den seelenlosen House-Beats, die unablässig aus der Halle pumpten.

Die nächste Verschandelung dieser meiner Ecke ist das geplante Kongresszentrum, ein Betonturm mit Tiefgarage: Zwei Jahre Baustelle und nachher die letzte Ahnung von Weite zugepfropft. Darum: Tschüss Sonnenstrasse, ich ziehe weiter. Dereinst werde ich an deinem Bierstand stehen, fröstelnd, weil der Turm zur Rechten die Sonne verdeckt. Zur Linken werde ich zu meinem alten Zimmer aufsehen und mich erinnern: Damals, als die Offa kein Wochenendausflug, sondern ein Fünf-Tage-Erlebnis war!

Urs-Peter Zwingli

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