Liebe zum freigeistigen Alleingang: Markus Ecksteins Buch über Aufstieg und Fall eines Staranwalts

Markus Ecksteins Roman knüpft an wahre Begebenheiten an – auch an den Auftritt der Hells Angel bei der FDP.

Rolf App
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Ein undiplomatischer Diplomat – Markus Eckstein aus Goldach.

Ein undiplomatischer Diplomat – Markus Eckstein aus Goldach.

Bild: Urs Bucher (Rorschach, 9. März 2020)

Noch bevor es losgeht bei dieser Veranstaltung zu Vor-Corona-Zeiten im Raum für Literatur in der St.Galler Hauptpost, steht in der vierten oder fünften Reihe einer auf. Er müsse da noch etwas sagen, erklärt er. Der Charly im Buch, das sei nicht er. «Schliesslich lebe ich noch.» Mit diesen Worten setzt Karl Eckstein sich, und überlässt seinem Bruder Markus die Regie, der sogleich einen bekannten Gast einführt: Valentin Landmann, mit dem zusammen er die Kantonsschule St.Gallen besucht hat. Nun sollte ein munteres Pingpong losgehen zwischen dem national bekannten Anwalt mit manchmal schillernder Kundschaft und dem pensionierten Professor für Volkswirtschaftslehre, einem Mann mit Unterhaltungstalent.

Was freilich nicht so richtig funktionieren will. Denn Landmann doziert zu gern. Das ist interessant, aber nicht die Idee des Abends. Beide wollten nämlich, ausgehend von ihren Büchern, über ihr Menschenbild reden – und natürlich auch über Markus Ecksteins kürzlich erschienen Roman «Charlys Karusselle», mit dem Untertitel: «Aufstieg und Fall eines Staranwalts». Das ist jener Charly, mit dem Bruder Karl nicht verwechselt werden wollte – zumal dieser Charly, vermutlich niedergestreckt von seiner fünften Ehefrau, gleich in der ersten Szene des Buches zu Grabe getragen wird.

«Warum laden wir nicht die Hells Angels ein?»

Aus der Halbdistanz allerdings zeigt sich rasch – und Markus Eckstein deklariert es auch so – , dass er in seiner Anwaltssaga nicht nur Erlebnisse des eigenen, bewegten Lebens verarbeitet hat, sondern auch jene seines Stiefbruders und jene seines Freundes Valentin Landmann. Schon die allererste Station im Berufsleben dieses Dr. Charly Lerner lädt zum vielsagenden Schmunzeln ein. Da freundet sich der aufstrebende junge Mann mit der steinreichen Madame de Saussure an und wird schliesslich zum Politberater ihres eifersüchtigen Gemahls, der danach strebt, der Geldpartei der Liberalen ein neues, modernes Image zu verleihen.

Charly, auch eine Art Marketinggenie, sagt: «Warum laden wir nicht die Hells Angels ein? Als Vertreter von Freiheit und Abenteuer.» Genau so ist es geschehen, in der Wirklichkeit. Denn in den Achtzigerjahren hat die FDP der Stadt St.Gallen zu einer ihrer Versammlungen tatsächlich die Hells Angels eingeladen, weil beide, FDP wie Angels, für Freiheit und weniger Staat seien. Und der Ideengeber zu diesem gewagten Unternehmen war: Valentin Landmann. Über dem sich danach ein ziemlich heftiger Sturm entlud.

Auch Charly Lerner kommt nur mit Blessuren davon, fällt aber nicht zum letzten Mal auf die Füsse. Seine nächste Station heisst Moskau, im real existierenden Sozialismus mit seinen absurden Erscheinungen lassen sich da hervorragend Geschäfte machen. Markus Eckstein wirft gern einen satirisch-leichtfüssigen bis sarkastischen Blick aufs Leben und die Politik, das macht sein Buch trotz etlicher Längen, abrupten Übergängen und etwas grobschlächtiger (aber wohl realistisch geschilderter) Erotik denn doch zu einer sehr unterhaltsamen Lektüre. Es ist so eine Art Schelmenroman. Kein Wunder, denn Eckstein zitiert gern den französischen Moralisten Jean de la Bruyère: «Für die, die fühlen, ist das Leben eine Tragödie – für die, die denken, eine Komödie.» Und stellt sich selber im Klappentext so vor: «Markus Eckstein wurde 1949 in St.Moritz geboren und verbrachte den Grossteil seiner Jugend am Bodensee, wohin er mittlerweile zurückgekehrt ist. Berufliche Erfahrungen sammelte er als Bauhilfsarbeiter, Schokoladeverkäufer, Hausierer, Liftboy und in der Herrenkonfektion. Von 1980 bis 1984 war er schweizerischer Diplomat, allerdings ein undiplomatischer. Von 1992 bis 1995 sass er für eine Oppositionspartei im St.Galler Kantonsparlament.»

Dass er für die Autopartei im Grossen Rat sass, das erzählt Eckstein zwei Wochen nach seinem Auftritt in der Hauptpost bei einem Treffen im bereits menschenleeren «Würth» in Rorschach. «Das war aber ein Irrtum», sagt er, weil seine Kandidatur ja nur dem Auffüllen der Liste gedient habe. Er hat ihn dann mit dem Rücktritt ein Jahr vor den nächsten Wahlen aus dem Weg geräumt.

Herz für Forellenwilderer und Töfflifrisierer

Kein Irrtum war, was in einigen seiner frühen Zeugnisse stand: «Faul und frech.» Unehelich zur Welt gekommen, ist dem jungen Markus Eckstein der Schritt ins Leben trotz einer guten Beziehung zu seinem Vater nicht leicht gefallen. Umso wichtiger war – und blieb – Karl, der Stiefbruder. Und auch wenn seine Weltanschauung auf einem starken liberalen, patriotischen und bürgerlichen Fundament ruht, und er heute SVP-Mitglied ist, so liebt Markus Eckstein doch vor allem den freigeistigen Alleingang. Aufgewachsen in den miefigen Fünfzigerjahren, hat er schon damals in der Schulfreundschaft zu «Zigeunern, Waisenhäuslern, Bettnässern, dummen Armen, Schulschwänzern, Forellenwilderern und Töfflifrisierern» sein Herz für Aussenseiter entdeckt.

Valentin Landmann und er, sie sind beide der 68er-Bewegung entsprungen – und zu ihr sogleich in Opposition gegangen. Denn, da nähert sich Markus Eckstein dem ernsten Kern seiner Weltanschauung: Zu viel Macht tut dem Menschen nicht gut. Das gilt für den irakischen Diktator Saddam Hussein, in dessen Reich er damals seine diplomatischen Grabenkämpfe ausgetragen hat. Das gilt aber auch für die politische Linke. Überall, wo sie die uneingeschränkte Macht errungen hat, sind üble Diktaturen daraus hervorgegangen. Vielleicht ist also das Leben doch nicht nur Komödie, sondern auch Tragödie – freilich eine, die mit einem Schuss Komödie doch erst erträglich wird. Im Fall von Markus Eckstein ist es ein ziemlich kräftiger Schuss.

Hinweis
Markus Eckstein: Charlys Karusselle – Aufstieg und Fall eines Staranwalts, ist erschienen bei der Edition Signathur in Dozwil.