Liebe, Leben, Durcheinander

Ein kleines, aber feines Festival hat auf der Schwägalp stattgefunden, mit einem Ensemble aus der Region, einem Chansonnier aus Fribourg und einem Streichquartett aus Paris.

Rolf App
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Je näher das Postauto zur Schwäg­alp kommt, desto voller wird es. Gruppen mit Schneeschuhen steigen zu und Familien mit Schlitten. Und dann sind da noch einige mit Koffern und Taschen. Sie hat das Festival Musique am Berg hierher gebracht, an einem Wochenende, da die Säntis-Schwebebahn in Revision ist und nicht fährt.

Heimspiel für Brigitte Schmid & Co.

Das Festival ist klein, ein Versuchsballon sozusagen, den Nicole Borra und Jürg Hochuli zum Himmel schicken. Mal schauen, ob sich die Ostschweizer erwärmen lassen für die Kultur unserer Compatriotes aus der Romandie sowie der Nachbarn in Frankreich.

Vor fast übervollem Saal treten am Samstag die Sängerin Annette Grieder, die Akkordeonistin Brigitte Schmid, die Cellistin Lorena Dorizzi und der Pianist Simon Meier zu einem Heimspiel an. Während draussen langsam die Dämmerung hereinbricht, machen wir uns drinnen auf eine Reise zu den Grossen des fran­zösischen Chansons: Zu Yves Montand, zu Charles Trenet, zu Charles Aznavour. Brigitte Schmid, die aus dem Waadtland stammt, hat sie raffiniert arrangiert in immer wieder anderem Zusammenspiel der Instrumente. Das Cello bringt Wärme und melancholische Schwere hin­ein, das Klavier Munterkeit und Rhythmus, das Akkordeon hat etwas Bohèmehaftes. Und Annette Grieder lässt mit ihrer ausdrucksvollen, leuchtenden Stimme vergessen, wer diese Lieder einst gesungen hat. Mit Edith Piafs unsterblichem «Non, je ne regrette rien» enden sie – und ­fügen nach ausgelassenem Applaus Joe Dassins «Champs-Elysées» an, zum Mitsingen.

Und über allem der geisterhafte Säntis

Bis zum Konzert am Abend ist noch ein wenig Zeit, spazieren zu gehen. Der Schnee ist weich, die Luft schon beinahe mild, und auf dem Laternenweg, der durch den Wald führt, herrscht viel Betrieb. Eltern ziehen ihre Kinder auf Schlitten hinter sich her, Hunde sind an ihren Leuchthalsbändern zu erkennen. Und über allem thront geisterhaft weiss das Säntismassiv. Zwei rote Lichter lassen den Gipfel ahnen, über dem gerade das Sternbild Orion aufsteigt.

Pierre-Do verzaubert alle – auf Deutsch

Es ist Zeit für Pierre-Do, sein Streichquintett aus Fribourg und seine Lieder, die vom Leben und von der Liebe handeln – und vom Durcheinander, das in beidem zuweilen herrscht. Pierre-Do gewinnt sein Publikum im Nu – indem er seine Lieder auf Deutsch ansagt. Er macht das mit viel Humor, und so geartet sind auch seine Chansons, die er mit tiefer Stimme singt, am Klavier oder mit der Ukulele in der Hand. Ihr gilt auch eines seiner witzigsten und beschwingtesten Chansons. Denn das Wichtigste sind Pierre-Do die kleinen Dinge, in denen sich die grossen Fragen des Lebens spiegeln.

Übrigens hat Pierre-Do auch Johann Schneider-Ammann im Programm. Dessen legendäre Rede zum Tag der Kranken hat er zum Chanson verfremdet. Das wieder einmal beweist: «Rire c’est bon pour la santé.»

Ravel, Debussy, Poulenc: ein Erlebnis

So endet der erste Tag, die Nacht bringt eine tiefe, undurchdringliche Stille. Man fühlt sich wie auf dem Mond. Oder in jenen Zeiten, als die Menschen noch keinen Lärm gemacht haben. Was freilich lange her sein muss. Der beschauliche Morgen und das Frühstück naht, die zwei französisch sprechenden Herren am Nebentisch sind der erste und der zweite Geiger des Quatuor Van Kuijk. Was ich aber zu spät merke. Erst dann nämlich, als sie auf die Bühne treten. Einen Namen haben die vier aus Paris sich schon gemacht mit einer Mozart-CD (siehe unten), aus der etwa Peter Hagmann in der NZZ schloss, man werde von diesem Streichquartett bald mehr hören. Die von ihm hervorgehobenen Qualitäten sind auch auf der Schwäg­alp zu hören in den Streichquartetten F-Dur von Maurice Ravel und g-Moll op. 10 von Claude Debussy – und in drei für Streichquartett arrangierten «Mélodies» von Francis Poulenc.

Sie alle werden formschön und mit grosser Klarheit dargeboten. Keines der In­strumente dominiert, die filigrane Feinarbeit zeigt, wie gut sie aufeinander eingespielt sind.

So wird auch dieses dritte Konzert zum grossen Erlebnis. Und man möchte mit dem Mitveranstalter Jürg Hochuli wünschen, dass diese erste Musique am Berg Fortsetzungen finde in den kommenden Jahren. Oder wie er selber sagte: «À la pro­chaine. On verra.»

Mozart: Streichquartette KV 428 und 465, Divertimento KV 136, Quatuor Van Kuijk, erschienen bei Alpha Classics