«Leute sollen möglichst viel von ihrem Geld bekommen»: Wie es den Herstellern der Heimat-Hanfzigaretten in Steinach vermutlich gelang, den Konkurs abzuwenden

Der Firma Koch & Gsell, die in Steinach die «Heimat»-Zigis dreht, drohte der Konkurs. Nun scheint eine Lösung gefunden.

Kaspar Enz
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Roger Koch, Geschäftsführer von Koch & Gsell.

Roger Koch, Geschäftsführer von Koch & Gsell.

Bild: Ralph Ribi (Steinach, 18. September 2020)

«2016 sind wir mit dieser Fregatte in See gestochen, euphorisch und voller Tatendrang. Aber auch etwas naiv.» Tatsächlich: Auf Roger Kochs Tabakunternehmen warteten auf hoher See einige Stürme. Seine Firma Koch & Gsell, die in Steinach die Zigaretten der Marke Heimat herstellt, droht zu kentern. Seit rund einem Jahr ist die Firma in Nachlassstundung. So lange schon versucht Koch, sein Unternehmen vor dem Konkurs zu retten.

Viele kleine Firmen haben Koch & Gsell unterstützt

Das scheint gelungen. Über 80 Prozent der Gläubiger haben einem Nachlassvertrag zugestimmt. Das schriftliche Urteil des Kreisgerichts Rorschach steht zwar noch aus. Aber die gesetzlichen Bedingungen dafür, dass der Vertrag gilt, sind erfüllt. Die Gläubiger sollen laut dem Vertrag drei Viertel ihrer Forderungen erhalten. Vergleichsweise viel, sagt Koch.

«Es ist mir ein Anliegen, dass die Leute möglichst viel von ihrem Geld bekommen.»

Zumal es sich bei vielen der Gläubiger um kleine Firmen handle, die ihn unterstützt haben. Um die 75 Prozent der ausstehenden Schulden zu begleichen, wendet Koch & Gsell ab sofort 80 Prozent des freien Cash Flows auf.

Sparmassnahmen zeigten Wirkung

Dass die Gläubiger zustimmten, hat aber vor allem einen Grund: Koch & Gsell schreibt schwarze Zahlen. Nachdem vor rund einem Jahr die Nachlassstundung eingeleitet wurde, musste Koch sparen.

«Wir mussten auch Leuten kündigen, die viel zum Aufbau des Unternehmens beigetragen haben.»

30 Mitarbeitende beschäftigte Koch einst, jetzt sind es noch 12. Einschnitte, die schmerzen. Aber «Seit Ende 2019 können wir alle Rechnungen begleichen. Und wir konnten bereits zwei Millionen Franken ausstehende Tabaksteuern bezahlen», freut sich Koch.

Teuer erkaufter Hype

Die Gründe dafür, dass das Unternehmen in Schieflage geraten war, gehen aber bis in die Anfangszeit zurück. «Anfangs kauften wir eine Zigarettenmaschine in Rumänien. Die Abmachung war, dass ein rumänisches Team regelmässig hier die Zigis produziert», erzählt Roger Koch.

«Doch die Qualität stimmte nicht. Die Zigaretten waren zu locker gedreht, oder die Filter flogen raus.»

Koch und seine Mitarbeiter mussten lernen, die Zigaretten selber zu produzieren.

Eine Chance witterte Koch, als der legale Hanfwirkstoff CBD populär wurde. 2017 brachte Heimat die ersten maschinell gedrehten Hanfzigaretten auf den Markt. Damit erlangte das kleine Ostschweizer Unternehmen weltweit Aufmerksamkeit. Die Verkäufe stiegen, Heimat sei nun doch ein Erfolg, hoffte Koch. Das Unternehmen baute aus. Doch der Erfolg war teuer erkauft: Um den harzigen CBD-Hanf zu drehen, waren neue Verfahren und neue Maschinen nötig. Die Experimente verschlangen viel Arbeit und Geld. Und trotz Aufmerksamkeit auch jenseits der Grenzen - die geplanten Exporte verzögerten sich, während alte Rechnungen die Bilanz belasteten.

Geplatzte Investorenträume

Rettung erhoffte sich Roger Koch erst von Investoren. Doch Geld floss nie, trotz zum Teil unterzeichneter Verträge. «Wir mussten uns selbst aus dem Sumpf ziehen», sagt Roger Koch. Das sei aber keine Absage für die Zukunft. Der Nachlassvertrag habe klare Verhältnisse geschaffen. Das mache Koch & Gsell für Investoren berechenbarer.

Der Kahn ist zwar vorerst wieder auf Kurs. Aber die Abzahlung der Schulden dürfte bei den aktuellen Umsätzen noch mindestens fünf Jahre dauern, sagt Koch. Trotzdem ist er zuversichtlich. Die Exporte nach Luxemburg und Belgien seien gut angelaufen. In Polen, Dänemark und Österreich sehe es für eine Zulassung gut aus. Sollte Heimat ihre Verkäufe so steigern können, könnte es schneller gehen. Grosse Investitionen seien dafür nicht notwendig. Denn die neue Maschine, die man für die Experimente mit dem CBD-Hanf anschaffte, laufe noch weit unter ihrer Kapazität.

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