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Interview

LBGTIQ-Aktivist: «Die Lesben machen sich unsichtbar. Sie müssen sich mehr trauen»

Der schwule St. Galler Internetunternehmer Roland Köppel betreibt die Plattform Queer-lake.net. Er möchte die Gay-Community rund um den Bodensee besser vernetzen. Einiges läuft schon. Von Lesben und Transmenschen wünscht er sich aber mehr Engagement - und weniger Kritik.
Interview: Odilia Hiller
Er merkte in der 6. Klasse, dass er Männer spannender findet als Frauen: Roland Köppel, Internetunternehmer aus St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Er merkte in der 6. Klasse, dass er Männer spannender findet als Frauen: Roland Köppel, Internetunternehmer aus St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Zur Person

Die Liste der LGBTIQ*-Organisationen rund um den Bodensee ist lang: 60 Vereine und Institutionen hat Roland Köppel, Initiant der Plattform Queer-lake.net, innert zweier Jahre zusammengetragen. Das Ziel: bessere Vernetzung, Informationsaustausch und die Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls innerhalb der Gay-Community der Region. Köppel ist 48 Jahre alt, schwul und Inhaber einer St. Galler Internetagentur. Seinen Beziehungsstatus nennt er «unglücklich verliebt». Er ist schon lange ehrenamtlich tätig: Mit 14 Jahren war er Präsident des Jugendclubs Widnau. (oh)

Roland Köppel, 60 LGBTIQ*-Organisationen sind auf Queer-lake.net gelistet. Das tönt nach viel.

Das ist auch viel. Anfangs vermuteten wir etwa zwölf Organisationen rund um den Bodensee. Als wir etwas systematischer anfingen, danach zu suchen, wurden es immer mehr.

Also gibt es auch östlich von Winterthur eine Gay-Community?

Ja, aber die Plattformen und Magazine, die es für Gay-Menschen in Zürich oder Bern gibt, hören alle nach Winterthur auf. Ein schwuler Zürcher Journalist schreibt nicht über Bregenz. Wir bewegen uns aber rund um den Bodensee. Konstanz und Bregenz gehören zu unserem Lebensraum. Also wollten wir hier etwas machen.

Ist die Plattform vor allem ein Veranstaltungskalender?

Auch, aber nicht nur. Es gibt auch län­gere Artikel. Wir schreiben zu Gesundheitsthemen und bringen Interviews und Berichte kultureller Veranstaltungen. Das Ganze bedeutet viel Fleissarbeit, und wir suchen noch weitere Autorinnen und Autoren.

Schaffen Sie es, alles abzudecken, was in der Ostschweizer Gay-Community passiert?

Selbstverständlich nicht. Wir haben klar Lücken. Aber wir tun unser Möglichstes.

Warum braucht es Queer-lake.net?

Viele LGBTIQ*-Organisationen sind zu klein, um aus eigener Kraft Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Deshalb ist eine Vernetzung sinnvoll. Unsere Präsenz im Internet bewirkt, dass beispielsweise mehr Leute an eine Veranstaltung im Thurgau kommen. Wunder können wir allerdings keine bewirken: Für unsere Arbeit bekommen wir keinen Franken, alles ist ehrenamtlich.

Und warum nehmen Sie die Gratisarbeit auf sich?

Für mich gehören ehrenamtliche Tätigkeiten einfach dazu. Ich finde, man muss etwas für die Allgemeinheit tun. Das war bei mir schon immer so: Ich war in meiner Heimat Widnau bereits als Teenager Präsident des Jugendclubs. Zudem: Von mir gibt es keine Babys, also muss ich meine Zeit irgendwie anders verwenden.

Wie wichtig ist die gendergerechte Wortwahl auf Ihrer Plattform? Als Laie kommt man ja kaum mehr mit, was man schreiben darf.

Im ersten Jahr wurden wir von der Aids-Hilfe unterstützt, auch darin. Damals wusste ich darüber noch nicht viel. Wir verwenden beispielsweise in allen unseren Artikeln den sogenannten Gender-Gap: Freund_Innen. Der Unterstrich bezeichnet, dass alle mitgemeint sind, auch die dazwischen. Das ist diesen Anspruchsgruppen sehr wichtig. Sie fühlen sich schnell übergangen, wenn man es nicht macht. Das musste ich erst lernen, und es gibt bis heute immer wieder beleidigte Mails und Klageandrohungen. Deshalb hatte ich anfangs eine Transfrau, die meine Texte gegengelesen hat.

Die Sensibilität der Betroffenen scheint beträchtlich. Finden Sie das gerechtfertigt?

Nicht immer. Es ist manchmal etwas ­unfair, wenn einem Fehler derart übel- genommen werden, die man ohne jede böse Absicht begeht. Jene, die sich in diesem Bereich immer als Opfer fühlen, können sehr aggressiv werden. Das schadet in meinen Augen der Sache. Denn eigentlich wollen wir die Gay-Com­munity ja zusammenbringen und ein ­Gemeinschaftsgefühl schaffen. Aber in politischen Kreisen ist man da teilweise sehr militant und sektiererisch.

LGBTIQ* lautet im Moment ein politisch korrekter Oberbegriff der Szene. Wie stehen Sie dazu?

Das sind viele Buchstaben, oder? Mir fehlt manchmal das «H» für heterosexuell. Sie sind bald die Einzigen, die in dem Konstrukt nicht vorkommen. Dabei gibt es durchaus aufgeklärte Heteros, die ­gerne etwas für unsere Sache täten. Im Schweizer Verein schwuler Führungskräfte beispielsweise, wo ich langjähriger Regionalleiter der Ostschweiz war, melden sich ab und zu Heterosexuelle, die gerne mitmachen würden, um uns zu unterstützen. Aber sie dürfen nicht, weil sie nicht schwul sind.

Das wirkt fast etwas intolerant.

Ja, finde ich auch. Ich meine auch, es braucht keine speziellen Gesetze für Schwule und Lesben. In Spanien funktioniert das wunderbar. Schwule und lesbische Partnerschaften sind den Heterobeziehungen gleichgestellt. Fertig. Heutzutage, wo die Realität das Gesetz in Sachen Partnerschaftsvarianten längst überholt hat, ist das der einzig richtige Weg. Es braucht in diesem Bereich weniger Gesetze, nicht mehr. Es gibt auch keinen Grund, ein Konkubinatsgesetz zu haben, das den Heteros weniger Rechte zugesteht als das Partnerschaftsgesetz den Lesben und Schwulen. Und für das Adoptionsrecht soll es jetzt nochmals ein Gesetz geben? Das bringt doch nichts.

Also ist Queer-lake.net auch ­politisch motiviert?

Ja. Wir möchten dereinst auch Demos unterstützen und ein Zentrum für politische Stellungnahmen sein. Die Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht.

Gehen die Interessen innerhalb dieser Community nicht sehr weit auseinander?

In der Tat. Da gibt es hierzulande auch noch viel zu tun, gerade in der Ostschweiz. Ein schönes Vorbild, wie es eines Tages werden könnte, ist für mich Bregenz. Dort gibt es Räumlichkeiten und eine Bibliothek, wo sich alle miteinander treffen: Schwule, Lesben, Transmenschen und andere. Bei uns fehlt so etwas noch, leider.

Auch in St. Gallen?

St. Gallen ist nicht gerade das, was man einen Gay-Hotspot nennen könnte. Einige Treffpunkte und Institutionen gibt es zwar, beispielsweise die Männersauna oder Unigay, die LGBT+-Organisation der HSG. Die Lesben hingegen, und das sage ich ungern, zeigen sich in der Region kaum. Sie machen sich gerne hinter politischen und kulturellen Frauenveranstaltungen unsichtbar. Das ist schade.

Warum ist das so?

Ich denke, die lesbischen Frauen im deutschen Sprachraum hatten als Gemeinschaft nie ein richtiges Coming-out. Irgendwie sind sie im Gleichberechtigungskampf der 1970er-Jahre aufgegangen. Es scheint manchmal, als hätten es die Lesben nicht geschafft, selbständig zu werden und etwas Eigenes darzustellen. Das ist in anderen Ländern übrigens anders.

Fällt es Schwulen einfacher als Lesben, sich zu exponieren?

Ja. Denn Lesben sind doppelt diskriminiert: als Frauen und als Lesben. Das macht es für sie sicher nicht einfacher. Ein heikles Thema. Vieles liegt auch daran, dass die Frauen sich nicht trauen. Mir hat früher auch niemand gesagt, ich müsse eine Schwulenorganisation gründen. Ich habe es einfach getan. Manchmal kann ich nicht ganz nachvollziehen, weshalb Lesben nicht auch hinstehen und sagen, so, das machen wir jetzt. Einfach wird es nie, aber man muss es halt wagen. Von diesem Biss wünsche ich den Lesben – und allen Frauen – manchmal etwas mehr. Unsere Plattform stünde jedenfalls offen für mehr Beiträge von Frauen.

Wie war Ihr eigenes Coming-out?

Ich bin christlich-liberal aufgewachsen. Schwule Diskriminierung war in meiner Familie inexistent. Ich habe relativ früh gemerkt, dass ich Männer spannender finde als Frauen. Etwa in der 6. Klasse. Später dann hatten in meinem Umfeld alle Freundinnen, und ich halt nicht. Als ich meiner Familie eröffnete, dass ich schwul bin, war ich 17. Meine Eltern haben toll reagiert. Der Coolste war mein katholischer Vater. Er sagte einfach: «Du weisst, in welchem Umfeld du dich ­bewegst. Sei vorsichtig. Aber wenn Gott dich so gemacht hat, ist das richtig.» Ein Katholik mit Herz und gesundem Menschenverstand. Danach ging ich immer sehr offen mit meiner sexuellen Orientierung um und habe nie schlechte Erfahrungen gemacht, auch beruflich und in der Öffentlichkeit.

Hätten Sie gerne Kinder?

Ja, um die Möglichkeit, eigene Kinder zu haben, beneide ich die Heteros. Ich bin auch sehr gerne Götti. Kinder und Familie bringen einen extrem weiter. Doch solange die Medien über Schwule mehrheitlich Klischees über Federboas und schnellen Sex verbreiten, bleibt schwierig zu vermitteln, dass die meisten von uns ganz normal leben wollen und die gleichen Ideale verfolgen wie andere.

*Die Abkürzung LGBTIQ steht für ­«Lesbian Gay Bisexual Trans Intersex Queer».

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