Lernhilfe via Videochat: Freiwillige helfen Ostschweizer Migrantenkindern während der Coronakrise – doch die Idee stösst auch auf Skepsis

Während der Coronakrise werden Eltern zu Lehrpersonen. Doch nicht alle Mütter und Väter können ihren Kindern bei den Schulaufgaben in der eigenen Stube helfen. Eine Ostschweizerin will nun Abhilfe schaffen. Doch dies kommt nicht überall gleich gut an.

Rossella Blattmann
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Während der Coronakrise fällt der Präsenzunterricht an den Primarschulen bis am 8.Mai aus. Freiwillige aus der ganzen Ostschweiz helfen in dieser Zeit Migrantenkindern bei den Schulaufgaben.

Während der Coronakrise fällt der Präsenzunterricht an den Primarschulen bis am 8.Mai aus. Freiwillige aus der ganzen Ostschweiz helfen in dieser Zeit Migrantenkindern bei den Schulaufgaben.

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Das Homeschooling hat seine Tücken. Eltern in der ganzen Ostschweiz sind durch die Schulschliessungen auf einmal auch zu Lehrern geworden. Für gewisse Familien ist der Corona-Heimunterricht schwieriger als für andere. Ein Ostschweizer Projekt bietet nun Hilfestellung.

Jelena Milošević, stellvertretende Leiterin der Regionalstelle Ostschweiz von HEKS.

Jelena Milošević, stellvertretende Leiterin der Regionalstelle Ostschweiz von HEKS.

Bild: PD

Die St.Gallerin Jelena Milošević ist stellvertretende Leiterin der Regionalstelle Ostschweiz des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS). Sie hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Petra Abdelli das Projekt «Lernhilfe über Videochat» ins Leben gerufen. Freiwillige helfen während der Coronakrise über Videoanrufe ein- bis dreimal pro Woche Kindern im Primarschulalter bei den Hausaufgaben. Das Angebot ist kostenlos und richtet sich gemäss Milošević an Kinder aus sozial benachteiligten Familien.

«In Krisenzeiten steigt bei den Menschen das Bedürfnis, zu helfen. Rasch gab es Einkaufshilfen oder Corona-Hilfsplattformen wie ‹Gern gscheh› auf Facebook. Als es Ende März mit der Coronakrise losging, sagte ich mir: Jetzt müssen wir etwas machen – die Frage war nur, was?»

Oft mangelt es nicht nur an den Sprachkenntnissen

Wittenbach, St.Gallen, Amriswil oder Teufen: Die Nachfrage für die Online-Corona-Lernhilfe besteht in der ganzen Ostschweiz. «Seit Ende März haben sich bereits 28 Freiwillige aus der ganzen Ostschweiz gemeldet – vom Kantischüler bis hin zum pensionierten Lehrer», sagt Milošević.

Das Projekt stösst insbesondere bei Migrantenfamilien auf Interesse. «Bisher haben sich 20 Kinder mit eingewanderten Eltern aus verschiedenen Ländern angemeldet, vom Kindergärtler bis zum Oberstufenschüler.» Nach einem telefonischen Erstgespräch werden die Freiwilligen laut Milošević von Mitarbeitern von HEKS Ostschweiz geschult. «Das Ziel ist die Lernhilfe für die Kinder.»

Laut Jelena Milošević sprechen die Eltern von Migrantenkindern, die hier zur Schule gehen, kein oder nur schlecht Deutsch. Sie können darum ihre Kinder während des Corona-Homeschoolings nur ungenügend unterstützen. Milošević sagt:

«Das Corona-Homeschooling verschärft die Chancenungleichheit im Bildungswesen – diese Lücke gilt es zu schliessen.»

Dass der Corona-Schulalltag für Kinder aus sozial benachteiligten Familien besonders schwer ist, zeigt sich nicht nur an der Sprachbarriere. Milošević nennt das Beispiel einer alleinerziehenden somalischen Mutter dreier schulpflichtiger Kinder.

«Ein Laptop, geschweige denn drei Laptops für den Fernunterricht? Fehlanzeige.»

Auf «Gern gscheh» habe sie einen Aufruf gestartet, ob jemand einen Laptop abzugeben habe. Noch habe sie kein funktionstüchtiges Gerät auftreiben können. Doch sie sei zuversichtlich.

Lehrpersonen soll Kontaktperson bleiben

Um in Coronazeiten die Chanchenungleichheit im Bildungswesen möglichst klein zu halten, braucht es laut Milošević auch die Unterstützung der Ostschweizer Bildungsdepartemente und Schulämter. Diese seien sich noch nicht bewusst, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien vor allem jetzt zusätzliche Unterstützung brauchen, so Milošević. «Beim Schulamt der Stadt St.Gallen hat man mir gesagt, dass die Lehrerinnen und Lehrer dafür genug geschult seien, und es Projekte wie unseres nicht braucht. Ich teile diese Meinung nicht.»

Florian Sauer, Leiter der Abteilung Schulen bei der Stadt St.Gallen, sagt:

«Beim Fernunterricht steht der regelmässige Kontakt zwischen Lehrperson, Schülern und Eltern im Zentrum. Er ist wichtig und kann nicht delegiert werden.»
Florian Sauer, Leiter der Abteilung Schulen bei der Stadt St.Gallen.

Florian Sauer, Leiter der Abteilung Schulen bei der Stadt St.Gallen.

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Der Lernprozess müsse von der Lehrperson begleitet werden, sie stehe in der Verantwortung, auch wenn die Kinder nun Aufgaben zu Hause lösen. «Brauchen Kinder zusätzliche Hilfen, ist dies die Aufgabe der Lehrperson und wird auch von ihr wahrgenommen, wie dies im Präsenzunterricht der Fall ist», sagt Sauer.

Differenzierter kann die Sache laut Sauer bezüglich Unterstützung der Eltern bei der Betreuung der Kinder betrachtet werden. «Auch wenn die Eltern nicht als Hilfslehrpersonen verstanden werden sollen, sind sie in dieser Krisenzeit durch die Betreuungsaufgaben zu Hause massiv mehr gefordert.» In diesem Bereich seien Unterstützungsangebote sinnvoll.

Was sagen die Ostschweizer Volksschulchefs?

Alexander Kummer, Leiter Amt für Volksschule des Kantons St.Gallen.

Alexander Kummer, Leiter Amt für Volksschule des Kantons St.Gallen.

Bild: PD

Die Lernhilfe über Videochat ist nicht das einzige Hilfsprojekt, das die Ostschweizer Schulen und Ämter in der Coronakrise erreicht. Er habe vom HEKS-Projekt und vielen anderen Projekten, die in Zusammenhang mit der Unterstützung von Familien mit Migrationshintergrund und ihren Kindern in dieser ausserordentlichen Zeit entstanden seien, gehört, sagt Alexander Kummer, Leiter des Amts für Volksschule des Kantons St.Gallen.

Diese Projekte und Angebote beziehen sich laut Kummer in erster Linie auch auf das soziale und psychische Wohlbefinden der Eltern und der Kinder in der Zeit, da sie zu Hause bleiben müssen. In diesen Bereichen finde er eine Unterstützung sinnvoll. Und er ergänzt:

«Indirekt kann diese Unterstützung auch die Lernsituation des Kindes verbessern.»

Ähnlich sieht es im Thurgau aus. Er erhalte gerade sehr viele Hilfsangebote für den Fernunterricht, sagt Beat Brüllmann, Leiter des Amtes für Volksschule.

«Uns erreicht täglich eine Flut an Mails.»
Beat Brüllmann, Leiter des Amtes für Volksschule des Kantons Thurgau.

Beat Brüllmann, Leiter des Amtes für Volksschule des Kantons Thurgau.

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Es sei logistisch schlicht nicht möglich und auch nicht sinnvoll, diese Mails an alle Schulen im Kanton weiterzuleiten. Doch abgeneigt gegenüber Initiativen wie «Lernhilfe über Videochat» des HEKS sei er nicht. Auf der Website des Kantons habe man ein Supportangebot für Lehrpersonen eingerichtet, wo Hilfsprojekte auflisten werden. «So können sie bei Bedarf darauf zugreifen», sagt Brüllmann. Im Kanton St.Gallen bestehe ein ähnliches Angebot, so der St.Galler Volksschulchef Kummer.

Um Hilfe zu bitten, ist nicht immer einfach

Eveline Pfister, Schulleiterin der Primarschulgemeinde Rebstein.

Eveline Pfister, Schulleiterin der Primarschulgemeinde Rebstein.

Bild: PD

Doch wie sieht es bei den Ostschweizer Schulen aus? Sind Unterstützungen wie Lernhilfe über Videochat überhaupt nötig? Bei Eveline Pfister, Schulleiterin der Primarschulgemeinde Rebstein, findet das Projekt des HEKS Ostschweiz Anklang.

Sie habe zunächst gezögert, ob sie ihre Lehrpersonen auf «Lernen über Videochat» aufmerksam machen solle oder nicht. «Das HEKS ist ein Evangelisches Hilfswerk, und als Schule ist es unsere Aufgabe, neutral zu bleiben, was die Religion betrifft.» Doch schliesslich habe sie sich entschieden, ihre Lehrpersonen auf das Projekt aufmerksam zu machen. «Sie wissen am besten, wenn ein Kind in ihrer Klasse Hilfe benötigt.» Schaden könne es nicht, und keine Familie werde gezwungen, mitzumachen, so Pfister.

Ob und wie viele der Rebsteiner Primarschüler die Videochat-Lernhilfe in Anspruch genommen haben, weiss Pfister nicht. Doch sie sei eine gute Sache. Denn:

«Vielen Familien fällt es schwer, von sich aus um Hilfe zu bitten, wenn die Kinder Probleme in der Schule haben.»

Wenn die Eltern ein konkretes Angebot erhielten, falle es leichter, die Unterstützung für das Kind anzunehmen.

Weiter sagt Pfister: «Es ist gut möglich, dass das Corona-Homeschooling die Chanchenungleichheit im Bildungswesen verstärkt. Eltern übernehmen eine zusätzliche Aufgabe. Nicht alle sind gleich gut in der Lage, ihre Kinder zu Hause zu unterstützen – sei es aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, fehlender Bildung oder eigener Arbeitsbelastung.

Wie geht es am 11. Mai weiter?

Wie es mit «Lernhilfe über Videochat» weitergeht, wenn am 11. Mai der Präsenzunterricht in den Schulen losgeht, ist noch offen. Das sei auch eine Frage des Geldes, sagt Jelena Milošević. Auch wenn man mit Freiwilligen arbeite, brauche es finanzielle Unterstützung. Und Geld verlangen wolle man nicht. «Wir möchten jenen Familien eine Chance bieten, die sich keine Nachhilfe leisten und ihre Kinder nicht selbst beim Lernen unterstützen können.»

«Es ist zwar schön, im Garten Salat zu setzen – doch es ist viel schöner, einem Kind zu helfen»

Margrit Huber, pensionierte Schulpsychologin.

Margrit Huber, pensionierte Schulpsychologin.

Bild: PD

Die pensionierte Schulpsychologin Margrit Huber gehört aufgrund ihres Alters zur Corona-Risikogruppe. Huber unterstützt während der Coronakrise als Freiwillige bei HEKS Ostschweiz eine sozial benachteiligte Familie beim Schulalltag zu Hause. Der Heimunterricht via Whatsapp-Videocall hilft nicht nur dem Schüler der 67-jährigen Rorschacherin.

Margrit Huber, warum machen Sie bei «Lernhilfe über Videochat» mit?

Ich habe bis zu meiner Pensionierung als Schulpsychologin gearbeitet. Ich habe die Zeit und die Berufserfahrung, um Kinder mit besonderen Bedürfnissen und deren sozial benachteiligte Familien beim Corona-Heimunterricht zu unterstützen.

Wie wurden Sie auf das Distance-Learning-Projekt aufmerksam?

Mein Partner ist Freiwilliger bei verschiedenen Projekten von HEKS Ostschweiz. So wurde ich auf «Lernhilfe über Videochat» aufmerksam, und ich war rasch von der Idee begeistert. Die Projektleitung von HEKS hat mir dann einen Schüler – einen Erstklässler aus einer Familie mit Migrationshintergrund – vermittelt.

Nachhilfeunterricht via Whatsapp-Videoanruf – wie muss man sich das vorstellen?

Vier Mal pro Woche helfe ich jeweils während 30 bis 45 Minuten meinem Schüler bei den Aufgaben, vor allem in Mathematik und Deutsch. Der Bub kämpft in der Schule mit Lernschwierigkeiten – er braucht mehr Zeit als andere Kinder, bis er den Stoff verstanden hat. Gerade jetzt während der Coronakrise ist es besonders wichtig, dass er im Lernprozess drin bleibt.

Welches sind die grössten Schwierigkeiten?

Die Online-Lernhilfe findet übers Handy via Whatsapp-Videocall statt. Über den kleinen Bildschirm zu kommunizieren ist nicht immer einfach, so kann ich zum Beispiel manchmal nicht entziffern, was auf dem Matheblatt meines Schülers steht. Oder die Eltern mischen sich ein und regen sich auf, wenn der Sohn nicht sofort das korrekte Resultat einer Matheaufgabe weiss. Dennoch: Es ist eine sinnvolle Aufgabe, die auch mir viel gibt.

Erzählen Sie.

Ich bin 67 und gehöre somit zur Corona-Risikogruppe. Ich kann meine Enkelkinder nicht mehr hüten, was mich traurig macht. Der Online-Unterricht bringt jetzt, wo auch meine Aktivitäten wie zum Beispiel die Turnstunde ausfallen, eine gewisse Struktur in meinen Alltag zurück, und ich kann dabei einem Kind und seiner Familie die Unterstützung geben, die sie benötigen. Es ist zwar schön, im Garten Salat zu setzten – doch es ist viel schöner, einem Kind zu helfen, das die Hilfe gerade jetzt dringend benötigt. (bro)

Hinweis: www.heks.ch/lernhilfe

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