Lernen, wie Sexualität funktioniert

Im Zeitalter des Internets ist Sexualkunde an der Schule wichtiger denn je. Darin sind sich viele Lehrer einig, wie eine Umfrage in Ostschweizer Kantonen zeigt. Doch es gibt Gegenstimmen, die eine Sexualisierung der Volksschule befürchten.

Nina Rudnicki
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Von der ersten Liebe bis zur Pornographie – Sexualkunde klärt das Halbwissen der Jugendlichen auf. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Von der ersten Liebe bis zur Pornographie – Sexualkunde klärt das Halbwissen der Jugendlichen auf. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

St. Gallen. Zwei Puppen und ein Bilderbuch für den Kindergarten, eine Plüschvagina und ein Holzpenis für die Oberstufe: An Basels Schulen wird ein Koffer mit Materialien für den Sexualkundeunterricht des Bundesamtes für Gesundheit getestet. Das Thema sorgt für Zündstoff. Als skandalös befinden Vertreter der bürgerlichen Parteien SVP, EDU und EVP den Koffer. Sie befürchten im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21 (siehe Kasten) eine Sexualisierung der Volksschule und wehren sich gegen ein Sexualkunde-Obligatorium. Ihr Argument: Im Unterricht würden Anleitungen zu sexuellen Betätigungen gegeben.

Altersgerechte Themen

«Das ist Unsinn», sagt Walter Klauser, der Leiter des Ausserrhodischen Amts für Volksschule. Sexualkunde an der Volksschule ist nichts Neues. Im aktuellen Lehrplan stehe die Aufklärung und Prävention im Vordergrund, sagt er. Dies sei im Rahmenlehrplan des Fachbereich Lebenskunde vorgegeben. Spezifische Lehrmittel gibt es allerdings keine. «Momentan steht es den Lehrern offen, wie sie den Sexualkundeunterricht methodisch gestalten», sagt Klauser. Die Themen würden aber altersgerecht ausgewählt. In der Oberstufe stünden körperliche und seelische Veränderungen sowie biologische Vorgänge wie der weibliche Zyklus im Vordergrund des Unterrichts.

Angeben auf dem Pausenplatz

Klauser sind keine Beschwerden von Eltern bekannt. «Das liegt sicherlich auch daran, dass die Schulen mit der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St. Gallen zusammenarbeiten und Informationsabende für Eltern organisieren», sagt er. Neben den Informationsabenden für Eltern und den sexualpädagogischen Konzepten für Lehrpersonen bietet die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen auch Einsätze an Schulen an. Ein Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin setzen sich jeweils getrennt mit den Mädchen und Jungen zu sexualpädagogischen Themen auseinander. «Oft ist die Hemmschwelle niedriger, wenn die Schüler ihre Fragen an eine externe Person stellen können. Diese sehen sie nicht jeden Tag wie ihren Lehrer», sagt Johannes Schläpfer, Leiter der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen. Viele Lehrpersonen nähmen die Hilfe der Fachstellen-Mitarbeiter vor allem für spezielle Themen wie Gefühlswelten, Selbstbefriedigung, erste Liebe, Homosexualität oder Pornographie in Anspruch.

«Wir leben in einer Zeit, in der bereits Kinder und Jugendliche ohne weiteres Zugang zu Pornofilmen im Internet haben», sagt er. Manche Jugendliche an der Oberstufe hätten diese Filme bereits auf ihren Handys. Sie glaubten zu wissen, wie Sexualität funktioniere. «Was die Jugendlichen durch das Internet besitzen, ist ein Halbwissen», sagt Schläpfer. Dies werde durch den sexualpädagogischen Unterricht korrigiert und mit der Auseinandersetzung über Gefühlswelten ergänzt. «Der Vorwurf, wir sexualisierten die Jugendlichen durch die Sexualkunde, ist absurd. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich selbst sexualisiert hat – zum Beispiel durch die Werbung», sagt er.

Anständige Ausdrücke lernen

Hansjörg Bauer, vom Präsidium des kantonalen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes St. Gallen sagt, Sexualkunde gehöre zum Schulunterricht dazu. Es sei wichtig, dass die Schüler im Zeitalter des Internets lernten, Sexualität und Emotionalität in Relation zu setzen. Zudem würden viele bloss die umgangssprachlichen anstatt der Fachausdrücke kennen. Deshalb gehöre es auch zu den Aufgaben der Schule, den Schülern beizubringen, sich anständig über Sexualität zu unterhalten. Natürlich läge die Verantwortung, die Kinder aufzuklären primär bei den Eltern, sagt Heiner Teutenberg, vom thurgauischen Amt für Volksschule. Die Schule habe aber die Pflicht, diese darin zu unterstützen. Wenn es die Eltern wollten, könnten sie ihr Kind vom Sexualkundeunterricht auch fernhalten.

Seit von der berüchtigten «Sexbox» für den Kindergarten die Rede sei, hätten einige besorgte Mütter angerufen. Dabei sei so eine Box für den Kindergarten gar nicht geplant. Das einzige, was die Kindergärtler lernen würden, sei, dass ihr Körper ihnen gehöre.