LERNEN: Spiel des Lebens

Auch der neue Lehrplan bietet keinen Grund, immer früher mit Vokabel-Gepauke und Rechenaufgaben anzufangen. Am Beispiel der Primarschule Rüthi wird deutlich: Am besten lernen Kinder im freien Spiel.

Julia Nehmiz
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Freies Spiel heisst auch, eine Perlenkette aufzufädeln, wenn einem danach ist. (Bild: Jil Lohse)

Freies Spiel heisst auch, eine Perlenkette aufzufädeln, wenn einem danach ist. (Bild: Jil Lohse)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Martin verkriecht sich in die Bauecke. Dort haben die Kinder in den vergangenen Tagen ein Häuschen gebaut, aus Tüchern und einem Tisch. Martin macht es sich auf den Kissen unterm Tisch gemütlich. Dann springt er auf und holt den Stoffraben vom Schrank. «Frau Vetsch, ich brauch noch Süssigkeiten», bittet er die Kindergärtnerin. Mit einem Topf voller Glassteine zieht er glücklich in seine Hütte und füttert den Raben mit «Bonbons».

Währenddessen erkunden Sanja und Leon Magnetismus. Mit Magneten bewaffnet, klettern sie über Stühlchen, Spielsachen und Holzeisenbahn, auf der Suche nach Metall. «Du, Frau Schneider, schau mal, da hält es auch», ruft Sanja. Ihr Magnet klebt auf der Schraube eines Schränkchens. Leon staunt, weil sein Magnet nicht am Schlüsselloch hält, obwohl das doch auch aus Metall ist?

Freies Spiel ist ein Schwerpunkt im Lehrplan

Ein ganz normaler Donnerstagmorgen im Kindergarten in Rü-thi. Zur ersten Lektion sind nur die Grossen da, und vielleicht liegt es am Besuch, dass es ruhiger zu und her geht als auch schon. «Gestern haben acht Kinder in der Puppenecke Halloweenparty gespielt, da war es wilder», sagt Yvonne Schneider. Sie leitet mit Martina Vetsch den Kindergarten Neudorf in Rüthi seit diesem Sommer – und beide vertreten voll und ganz das Konzept des «freien Spiels». Das wird in Rüthi hochgehalten, seit einigen Jahren schon.

Die Rüthner Schule hält sich nicht für etwas Aussergewöhnliches. «In jedem Kindergarten wird freies Spiel praktiziert», sagt Schulleiterin Tanja Schneider. Freies Spiel wird im Lehrplan als Schwerpunkt genannt, es sei «ein zentrales und vielschichtiges Lernfeld». In Rüthi sehen sie sich auch nicht als Gegenentwurf zur Schule Untereggen. Diese sorgte nach einem Bericht in der «Ostschweiz am Sonntag» diese Woche für Furore in den sozialen Medien, da schon Kindergartenkinder dort Vorträge halten. «Die Frage ist ja, wo fängt ein Vortrag an, wo hört er auf», sagt Yvonne Schneider. Der Bub, der ihr seine Bastelarbeit erklärt, das Mädchen, das im Stuhlkreis vor allen vom Ferienerlebnis berichtet, das seien ja auch Vorträge. Und die Bastelarbeiten, die Spiele, die sich die Kinder ausdenken, seien auch eine Art Projektarbeit.

Tanja Schneider ist seit 2004 Schulleiterin in Rüthi und sie sagt: «Das freie Spiel war schon immer ganz zentral in der Geschichte des Kindergartens, das haben wir nicht erfunden.» Aber sie tragen in Rüthi Sorge, die Werte des freien Spiels zu verteidigen. Denn: «Spielen ist die beste Grundlage zum Lernen.» Etliche Studien beweisen das, erst letztes Wochenende hielt Margrit Stamm, Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education, beim Kantonalen Kindergartenkonvent in Gossau ein Referat über «Spielen im Kindergarten». Je spielhaltiger das Lernen, desto nachhaltiger sei es für die Intelligenzentwicklung und das psychische Wohlbefinden, sagt Stamm.

In Rüthi wird deshalb auch in der Schule auf spielerisches Lernen Wert gelegt. So haben sie bis zu den Herbstferien von der 1. bis zur 6. Klasse einen Vormittag pro Woche für Projektarbeit reserviert, stufenübergreifend. Nach den Herbstferien wird ausgewertet, ob und wie das Projekt weitergeführt werden soll. Um den Übertritt vom Kindergarten in die 1. Klasse zu erleichtern, wurde ein Spielatelier eingerichtet. Im Gruppenraum bauen gerade Drittklässler eine Kugelbahn. «So lernen sie ganz praktisch zum Thema Gefälle und Rollverhalten und nicht anhand von Arbeitsblättern», sagt Schulleiterin Schneider.

Vermehrt haben Kinder das Spielen verlernt

Manche Eltern haben Bedenken, fordern, die Kinder sollten im Kindergarten lieber lernen. «Nach dem Elternabend legen sich die Bedenken, von vielen Eltern fällt zudem der Druck ab, sie müssten ihre Kinder speziell fördern», sagt Schneider. Kinder fördere man am besten im Spiel.

«Hier, schauen Sie, das ist eigentlich Mathematik», sagt Kindergärtnerin Yvonne Schneider. Drei Buben, ganz in ihr Spiel versunken, sortieren bunte Glassteine in verschiedene Behälter. «Spielerisch eignen sie sich Grundkenntnisse über Mengenverhältnisse an.»

Was Lehrern allgemein auffällt: Vermehrt gibt es Kinder, die nicht spielen können oder es verlernt haben. Weil sie aus Elternhäusern kommen, wo der Alltag schon für Kinder durchgetaktet ist, weil sie überbehütet aufwachsen oder schlicht niemand mit ihnen spielt, sondern sie einfach vor den Fernseher gesetzt werden. Dann müssen die Lehrer erst einmal zeigen, was Spielen ist.

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