LEITARTIKEL ZUR BEDEUTUNG DER UNIVERSITÄT ST.GALLEN FÜR DIE OSTSCHWEIZ: Die HSG hat mehr Herzblut verdient

Der Uni St.Gallen ist es bis heute nicht gelungen, einen Platz im Herzen der Region zu gewinnen. "Sie entfaltete aber eine eine Dynamik, de in der übrigen Ostschweiz mitunter schmerzlich vermisst wird", schreibt Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Leitartikel.

Stefan Schmid
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Stefan Schmid, Chefredaktor St.Galler Tagblatt (Bild: Urs Bucher)

Stefan Schmid, Chefredaktor St.Galler Tagblatt (Bild: Urs Bucher)

Die Universität St.Gallen und die Ostschweiz, das war nie eine Liebesbeziehung. Hier die elitäre, international ausgerichtete Talentschmiede hoch oben auf dem weltläufigen Rosenberg. Dort die von bodenständigen Gewerbebetrieben dominierte, konservative Provinz. Selbst bürgerlich gesinnten Ostschweizern ist der klischierte Durchschnitts-HSG-Student – karrierefixiert, gegeltes Haar, deutsche Herkunft – ein eher suspekter Zeitgenosse. Ganz zu schweigen von den Linken, die sich daran ergötzen, am kapitalistischen HSG-Teppich ihre sozialistischen Schuhe zu putzen. Es gab Zeiten, da war in diesen Kreisen jedes noch so seriöse wissenschaftliche Papier verdächtig, nur weil es vom Rosenberg stammte.  

Stefan Schmid, Chefredaktor St.Galler Tagblatt (Bild: Urs Bucher)

Stefan Schmid, Chefredaktor St.Galler Tagblatt (Bild: Urs Bucher)

Diese Zeiten der intellektuell armseligen Verhärtung sind zwar vorbei. Dennoch ist es der Uni St.Gallen bis heute nicht gelungen, einen Platz im Herzen der Region zu gewinnen. Sie gibt sich zwar mit Einrichtungen wie der Kinderuni und öffentlichen Vorlesungen alle Mühe. Aber eben: Liebe kann man nicht verordnen.

Vielleicht braucht es auch gar keine Liebe zu sein. Aber etwas Stolz auf diese in vielerlei Hinsicht herausragende Bildungsinstitution wäre von den Ostschweizern schon zu wünschen. Unser Landesteil gehört nicht zu den Zugpferden der nationalen Wirtschaft. Bei vielen Kennzahlen schneidet der Osten unterdurchschnittlich ab. Es mangelt – Ausnahmen bestätigen die Regel – an wertschöpfungsintensiven, international erfolgreichen Firmen. Die regionalen technischen Hochschulen in Rapperswil und Buchs spielen national bestenfalls in der zweiten Liga. Und die kurzen Distanzen nach Zürich sind auch nicht gerade hilfreich, intelligente Köpfe von einem Umzug in die pulsierende Metropole abzuhalten.

Umso bewusster muss die Ostschweiz mit den wenigen Leuchttürmen umgehen, die weit über die Region hinaus zu strahlen vermögen. Ein solcher Leuchtturm ist zweifelsohne die Universität St.Gallen. Über 8300 Studierende aus 80 Ländern erwerben am Rosenberg akademisches Rüstzeug. Sie alle werden die Ostschweiz ein Leben lang nicht mehr vergessen. Die HSG bietet fast 3000 Personen Lohn und Brot und sie steuert – gemäss eigenen Studien – jährlich 237 Millionen Franken an die Wertschöpfung der Region bei. Vor allem aber entfaltet sie eine Dynamik, die in der übrigen Ostschweiz mitunter schmerzlich vermisst wird. Die Uni wächst und platzt mittlerweile aus allen Nähten. Freie Plätze in der Bibliothek sind schon vor-
mittags rar. Immer mehr junge Menschen wollen hier studieren, die Dienstleistungen der Uni im Weiterbildungsbereich sind gefragter denn je, Professoren tragen dank ihrer Expertise den Namen St.Gallen in alle Welt hinaus. Dieses Potenzial, diese Dynamik gilt es noch besser zu nutzen.

Die HSG hat mehr Ostschweizer Herzblut verdient. Die kantonale Politik hat es im nächsten Jahr in der Hand, beträchtliche finanzielle Mittel für den Ausbau der Uni bereitzustellen. Anschliessend ist die Stimmbevölkerung an der Reihe. Im Raum steht die erkleckliche Summe von total 260 Millionen Franken, die in die Sanierung bestehender oder den Bau neuer universitärer Räumlichkeiten gesteckt werden sollen. Am Rand der St.Galler Altstadt könnte ein neuer Campus entstehen, der aus städtebaulicher Sicht das Potenzial zum grossen Wurf hat. Wie dieser neue Stadtteil dereinst aussehen soll, wird sich im Detail erst nach der politischen Weichenstellung 2018 herauskristallisieren. Zu hoffen ist freilich, dass Stadt, Kanton und Uni die Chance zur Urbanisierung nutzen und das internationale Flair der HSG auf intelligente Weise mit st.gallischer Solidität verschmelzen. Die Region bekommt dank ihrer Universität die Chance, ein Zeichen der Prosperität und Kreativität zu setzen. Nutzen wir sie.

Über 8000 Studierende lassen sich an der HSG ausbilden. (Bild: Ralph Ribi)

Über 8000 Studierende lassen sich an der HSG ausbilden. (Bild: Ralph Ribi)