LEITARTIKEL: Willkommen in der Ostschweiz, Christoph Blocher

"Mit der Übernahme der Ostschweizer Zehnder-Medien hat der Herrliberger Milliardär die Möglichkeit, ein grosses Publikum Woche für Woche mit rechtsbürgerlichen Thesen zu berieseln und damit den politischen Diskurs zu beeinflussen", schreibt unser Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Leitartikel.

Stefan Schmid
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Hat vergangene Woche die Zehnder-Medien aufgekauft: Milliardär und SVP-Politiker Christoph Blocher. (Bild: Keystone)

Hat vergangene Woche die Zehnder-Medien aufgekauft: Milliardär und SVP-Politiker Christoph Blocher. (Bild: Keystone)

Es ist die medienpolitische Nachricht der Woche: Die BaZ-Holding von Christoph Blocher kauft die Ostschweizer Zehnder-Medien. Regionale Gratisblätter wie die St. Galler Nachrichten, die Toggenburger Zeitung und 23 weitere Titel kommen damit in den Besitz des einflussreichen SVP-Politikers. Der Chefstratege der grössten Partei des Landes gewinnt auf einen Schlag rund 800'000 Leserinnen und Leser in tendenziell ländlichen, politisch eher konservativen Gebieten der Deutschschweiz.

Das ist ein Coup, den Blocher verständlicherweise nicht an die grosse Glocke hängt. Die Übernahme gibt dem Herrliberger Milliardär die schöne Möglichkeit, ein potenziell grosses Publikum Woche für Woche mit rechtsbürgerlichen Thesen zu berieseln und damit den politischen Diskurs in den Regionen zu beeinflussen. Es wäre naiv zu glauben, dass er dies nicht versuchen wird.

Blocher ist aber zu sehr Geschäftsmann, um aus den Gratis-Postillen, die schon bisher nicht durch linksliberales oder gar linkes Agendasetting aufgefallen wären, plumpe SVP-Propaganda-Blätter zu machen. Das wird subtiler geschehen. Man darf durchaus gespannt sein, wie viel Geld Blocher in die handwerklich doch eher bieder gemachten Blätter zu investieren bereit ist, um sie journalistisch konkurrenzfähiger zu machen.

Anzunehmen aber ist: Das St. Galler Tagblatt und seine Regionalausgaben bekommen einen ernstzunehmenden Konkurrenten. Abgesehen davon, dass publizistischer Wettbewerb per se erwünscht ist, können wir der blocherschen Expansion in die Ostschweiz gelassen entgegenblicken. Im Unterschied zu den Kolleginnen und Kollegen der Blocher-Presse sind wir weder einem bestimmten Politiker noch einer einzelnen Partei verpflichtet. Ausgehend von einem liberalen Weltbild stellen wir täglich die Frage, welche Geschichten für unsere Leserschaft relevant sind. Wir recherchieren unabhängig davon, wem eine Publikation nützen oder schaden könnte. Unser Kapital ist die Glaubwürdigkeit. Im Fokus stehen journalistische Grundsätze, nicht irgendwelche Partikularinteressen.

Mit der am Donnerstag erstmals erschienen Wochenzeitung A bauen wir zudem unsere Berichterstattung im Bereich Service und Unterhaltung substanziell aus. Woche für Woche bedienen wir die gesamte Ostschweiz: «A» wird auch an Haushalte verteilt, die keine Tageszeitung abonniert haben – mit lesenswerten Geschichten über Menschen in und aus der Ostschweiz. Dabei offerieren wir unserer Leserschaft keinen Einheitsbrei von Diessenhofen bis Buchs. Mit regionalen Splits tragen wir den unterschiedlichen Bedürfnissen in unserer vielfältigen Region Rechnung. «A» ersetzt den bisherigen Anzeiger und die Grossauflagen im Toggenburg und in der Region Wil.

Blochers Griff nach mehr Medienmacht wirft ein Schlaglicht auf die Schweizer Medienlandschaft, die tektonischen Veränderungen ausgesetzt ist. Da ist die SRG, die mit über einer Milliarde Franken öffentlich subventioniert wird und daher keine Existenzängste haben muss. Da sind diejenigen Medien, die von Christoph Blocher finanziert und damit publizistisch kontrolliert werden. Und da sind die privaten Verleger – dazu gehört auch diese Zeitung –, die im stürmischen Wind der Digitalisierung versuchen, mit anspruchsvollem, unabhängigem Journalismus Geld zu verdienen. In welchem Umfang dies mittelfristig möglich sein wird, ist angesichts sinkender Werbeeinnahmen offener denn je. Es liegt letztlich am Publikum zu entscheiden, ob es mittelfristig nur noch staatsnahe und Blocher-nahe Medien geben soll. Oder ob es dazwischen nicht zwingend unabhängiger Journalisten bedarf, die in der Lage sind, die für eine funktionierende Demokratie unabdingbare Wachhund-Funktion glaubwürdig zu übernehmen.