LEITARTIKEL: Nicht jede Identitätskrise muss behandelt werden

Es gibt kein Gebilde, das den Namen Ostschweiz verdient hätte. Das schreibt Ostschweiz-Ressortleiter Andri Rostetter in seinem Leitartikel. Trotzdem geht seiner Meinung nach etwas im Osten - wenn es sein muss, auch ohne Nachbarschaftshilfe.

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Brückenschlag in die Zukunft: Die Tamina-Brücke, die im kommenden Juni eröffnet wird. (Bild: Ralph Ribi)

Brückenschlag in die Zukunft: Die Tamina-Brücke, die im kommenden Juni eröffnet wird. (Bild: Ralph Ribi)

Kann man eine Jahresbilanz für die Ostschweiz ziehen? Man kann. Doch einfach ist es nicht. Spätestens seit dem 5. Juni wissen wir: Es gibt kein Gebilde, das den Namen Ostschweiz verdient hätte. Wir sind St.Gallen, wir sind Thurgau, wir sind Innerrhoden, wir sind Ausserrhoden – aber die Ostschweiz ist eine Frage der Perspektive. Wer Bilanz ziehen will, muss zuerst klären, was oder wen er meint.

Der Thurgau ist nach dem Expo-Nein rasch zur Tagesordnung zurückgekehrt. Denn vor allem im Westen des Kantons fühlt man sich nur bedingt als Ostschweizer. Der Sog von Zürich und Konstanz ist stark, gleichzeitig hat man es nicht so mit St.Gallen. Zu offensichtlich sind die Ambitionen des Kantons, im Osten die Hauptrolle zu spielen. In die Enttäuschung über das Expo-Nein mischte sich im Thurgau denn auch allenthalben Erleichterung: Man ist der etwas klebrigen Umarmung des grossen Nachbarn nochmals entkommen.

Umso grösser der Katzenjammer in St.Gallen. Von einer Landesausstellung hatte man sich hier einiges erhofft – Aufmerksamkeit, Bundesmillionen, Selbstvertrauen. Denn es ist nicht die Ostschweiz, die mit sich hadert. Es ist vor allem St.Gallen. Politisch und wirtschaftlich bringt der Kanton in der Region zwar eindeutig am meisten Gewicht auf die Waage. Es gelingt ihm aber nicht, diese Vorteile in politischen Einfluss umzumünzen. Klar: Weder der Thurgau noch die beiden Appenzell sind interessiert an einem Kanton St.Gallen, der die Ostschweiz als Quasi-Primus gegen aussen vertritt. In St.Gallen verwendet man viel Energie darauf, diesen Zustand zu beklagen. Getreu dem Motto: Niemand merkt, wie wichtig wir sind!

Dass es mit dem St.Galler Selbstvertrauen nicht zum Besten steht, zeigen auch die Reaktionen auf politische Erfolge. Wir nicken anerkennend, wenn unsere Regierungsräte wieder mal «in Bern intervenieren». Wir klatschen in die Hände, wenn der Bund ein paar bescheidene Autobahnkilometer im Rheintal saniert. Wir verfallen fast schon in Euphorie, wenn es uns gelingt, ein paar Zollstellen zu retten. Dass uns solche Erfolge überraschen, zeigt die Verunsicherung der Region. Wer sich permanent missachtet fühlt, den bringt plötzliche Beachtung aus dem Konzept.

Was also tun? Brauchen wir mehr Ostschweiz? Oder mehr St.Gallen? Geht es überhaupt um Identität? Oder nur um den Sinn für das Machbare? Wohl doch eher Letzteres. Ein Beispiel ist das Gerangel um die Vorherrschaft bei den Fachhochschulen. Hier nimmt der St.Galler Bildungschef in erfrischend unbescheidener Manier das Heft in die Hand. Ein anderes Beispiel ist die Ärzte-Ausbildung: Mit Stehvermögen und Hartnäckigkeit versucht die Gesundheitschefin, St.Gallen zum medizinischen Bildungszentrum zu machen. Es geht also doch etwas im Osten. Wenn es sein muss, auch ohne Nachbarschaftshilfe. Man muss nicht jede Identitätskrise behandeln, um handlungsfähig zu sein.

Andri Rostetter
andri.rostetter@tagblatt.ch