LEITARTIKEL: Gebt den Namenlosen den verdienten Schutz!

Gegen den Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum wurden durch einen anonymen Verfasser schwere Vorwürfe erhoben. Dürfen Medien aufgrund von anonymen Hinweisen Nachforschungen anstellen? Sie dürfen nicht nur, sondern sie müssen, schreibt Pascal Hollenstein in seinem Leitartikel.

Drucken
Teilen
Ein anonymer Verfasser erhob schwere Vorwürfe gegen den Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum. (Bild: Ralph Ribi)

Ein anonymer Verfasser erhob schwere Vorwürfe gegen den Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum. (Bild: Ralph Ribi)

Der Fall Lukas Reichle beschäftigt die Öffentlichkeit weit über St. Gallen hinaus. Am Anfang der Affäre stand ein Schreiben, das mutmassliche Verfehlungen des Rektors des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums auflistete. Der Verfasser: anonym.
Akribisch hat diese Zeitung die Vorhaltungen überprüft, hat mit einer zweistelligen Zahl von Auskunftspersonen gesprochen. Da sich die in dem Schreiben erhobenen Vorwürfe weitestgehend bestätigen liessen, entschied sich die Redaktion nach sorgfältigen Überlegungen zur Publikation. Die meisten in dem Text zitierten Auskunftspersonen auch dort: anonym.

Jetzt beschäftigt sich die Politik mit der Sache. Gut so. Die Frage aber steht im Raum: Darf man das? Darf ein Medium aufgrund eines anonymen Hinweises Nachforschungen anstellen? Darf es auch dann berichten, wenn die Mehrheit der Informationen von Quellen stammt, die nicht genannt werden? Leistet man mit einem solchen Journalismus nicht feigem Denunziantentum Vorschub, macht sich zum Gehilfen beim Rufmord?

Die Antwort ist: nein. Man darf in einer solchen Situation nicht nur berichten – man muss. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren, wenn es handfeste Hinweise auf unhaltbare Zustände an einer der grössten Bildungsinstitutionen der Ostschweiz gibt. Es geht hier nicht um private Angelegenheiten. Es geht um Steuergelder. Es geht um das Funktionieren des Staates. Nur wenn Missstände aufgedeckt werden, können sie beseitigt werden.

Dass in solchen Situationen Informationen oft nur unter Zusicherung von Anonymität zu erhalten sind, liegt auf der Hand. Wer redet schon, wenn er persönliche Nachteile befürchten muss? Es ist nicht jeder zum Helden geboren. Dass Medien ihre Informanten schützen dürfen – auch vor Gericht notabene – ist in allen freiheitlichen Staaten deshalb verbrieft. «Das Redaktionsgeheimnis ist gewährleistet», heisst es in der Schweizer Bundesverfassung. Der Auftrag stammt vom Volk.
Es gab und gibt immer wieder Skandale, die nur dank anonymen Tippgebern und Auskunftspersonen aufgedeckt werden konnten. Der Watergate-Skandal, der zum Rücktritt von US-Präsident Nixon führte, ist der berühmteste. Auch hier stand eine Quelle im Mittelpunkt, die selbst den Journalisten unbekannt war. Sie nannten sie «Deep Throat». Weitere Informanten kamen hinzu – auch solche, deren Identität unter Verschluss blieb.

Gäbe es keine anonymen Tippgeber und gäbe es keinen Informantenschutz, so wäre auch in der Schweiz manches unter dem Deckel geblieben, was an die Öffentlichkeit gehört. Man denke an die Verfehlungen von Ex-Armeechef Roland Nef. Oder an jene von Fast-Bundesrat Bruno Zuppiger. An die Zustände im Zürcher Sozialdepartement unter Monika Stocker. Oder an die eigentümlichen Aktivitäten von Ex-Bundesanwalt Valentin Roschacher. Die Liste liesse sich verlängern: mit betrügenden Gemeindepolitikern und sexuell belästigenden Gewerkschaftsfunktionären zum Beispiel.

Die Motive so mancher anonymer Tippgeber mögen minder sein. Doch das ist unerheblich, solange eine Redaktion die Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, vor der Publikation alle Standpunkte anzuhören versucht und gewissenhaft abwägt. Das ist der Unterschied zwischen dem grassierenden Rufmord, wie man ihn etwa in den sozialen Medien beobachtet, und seriös betriebenem Journalismus. Nicht persönliche Ranküne ist hier der Treiber, sondern der Dienst an der Öffentlichkeit.

Die Medien, so heisst es, sind der Wachhund der Demokratie. Journalismus, der seine Bestimmung gefunden hat, schafft Transparenz, wo die Obrigkeit verschleiern will. Bisweilen ist er dabei auf namenlose Helfer angewiesen. Sie haben den Dank eines jeden Demokraten verdient – und unseren Schutz.