LEITARTIKEL: Fröhliche Weihnachten – trotz allem

An Weihnachten über den Tod sinnieren? Jene Menschen, die Anfang Woche den Weihnachtsmarkt vor der Berliner Gedächtniskirche besuchten, hatten alles andere im Kopf. Manche waren vielleicht nachdenklich. Viele waren fröhlich. Die einen gehetzt, andere schon in ruhiger Vorfreude auf das Wochenende. Ans Sterben haben die wenigsten gedacht. Doch plötzlich war der Tod da.

Silvan Lüchinger
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Unzählige Kerzen und Blumen erinnern am Berliner Breitscheidplatz an die Opfer. (Bild: MICHAEL KAPPELER (EPA))

Unzählige Kerzen und Blumen erinnern am Berliner Breitscheidplatz an die Opfer. (Bild: MICHAEL KAPPELER (EPA))

«Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.» Das sind die ersten Worte eines gregorianischen Chorals, der dem St.Galler Mönch Notker dem Stammler zugeschrieben wird. Der Legende nach hatte Notker beobachtet, wie ein Arbeiter beim Bau der ersten Brücke über das Martinstobel zwischen Untereggen und St.Gallen zu Tode stürzte. Ob der Choral tatsächlich vom Dichtermönch stammt oder in Frankreich entstanden ist, ändert nichts an seiner inneren Wahrheit. Der Tod ist immer da – mit uns, neben uns, in uns. Wir wissen es. Und doch könnte uns nichts mehr beelenden, als immer an ihn zu denken.

An Weihnachten über den Tod sinnieren? Jene Menschen, die Anfang Woche den Weihnachtsmarkt vor der Berliner Gedächtniskirche besuchten, hatten alles andere im Kopf. Manche waren vielleicht nachdenklich. Viele waren fröhlich. Die einen gehetzt, andere schon in ruhiger Vorfreude auf das Wochenende. Ans Sterben haben die wenigsten gedacht. Doch plötzlich war der Tod da. Als Attentäter, der einen Sattelschlepper zur Mordwaffe machte. Es hätte auch eine Autobombe sein können. Ein Sprengstoffgürtel oder ein Gewehr. An Warnungen und Befürchtungen, Weihnachtsmärkte könnten wegen der vielen Menschen das Ziel von Anschlägen sein,
hatte es nicht gefehlt. Hätten die Getöteten und die Schwerverletzten, vielleicht für ihr ganzes Leben Gezeichneten, den Markt meiden müssen? Sind Veranstaltungen, zu denen viele Menschen zusammenkommen, eine Gefahr, der man sich nicht mehr aussetzen darf? Geht mit Gesundheit und Leben leichtfertig um, wer ein Konzert, ein Fussballspiel oder ein Volksfest besucht? Nein. Denn Terror setzt darauf, dass sich mit Angst und Schrecken Gemeinschaft zerschlagen lässt. Er macht unsicher und misstrauisch, bitter und blind. Er ist Hass, der neuen Hass schafft. Terror stellt eine Falle, in die leicht geraten kann, wer ihn erlebt oder ihm nahe kommt. Wer wollte es den Opfern von Berlin verdenken, wenn auch sie jetzt hassen?

Heute Abend werden sich in vielen Kirchen Gläubige zur Mitternachtsmesse treffen. In einer Woche wird viel ausgelassenes Volk auf Strassen und Plätzen den Beginn des neuen Jahres feiern. Hoffentlich wird es so sein! Wo Sicherheitsmassnahmen möglich und nötig sind, müssen sie getroffen werden. Eine Garantie, dass nichts passiert, gibt es aber nicht. Auch in der Schweiz nicht, die bisher von Attacken verschont blieb. Ob aus Zufall oder Kalkül, wissen wir nicht. Ob es Anschlagpläne für unser Land gibt, ebenso wenig. Vorsicht ist zwingend nötig. Alle Verhinderungsmöglichkeiten, die im Handlungsspielraum eines liberalen Rechtsstaates liegen, sind auszuschöpfen. Wer aber mehr verlangt, wer ganze Bevölkerungsgruppen Sonderrecht unterwerfen oder den Überwachungsstaat mit gläsernem Bürger installieren will, höhlt den Rechtsstaat aus.
Wer nur beschwichtigt und die Bedrohung herunterspielt, schwächt ihn ebenfalls. Terror hat dasselbe Ziel.

Orte und Anlässe, die Menschen unbefangen zusammenführen, muss es weiterhin geben. Wenn nach dem Grauen von Berlin keine Weihnachtsmärkte mehr stattfinden, wird es auch keine Open Airs und Sportveranstaltungen mehr geben. Wir werden uns nicht mehr in den Zug oder den Bus trauen. Wir werden das Freiluftkino meiden, das Kinderfest und den Fasnachtsumzug abschaffen, die Bürgerversammlung ignorieren und am Skilift nicht mehr anstehen. Angst macht einsam. Angst darf sein. Aber sie darf nicht unser Leben bestimmen. Wenn wir uns auch in Zukunft frei bewegen wollen, dann dürfen wir uns jetzt nicht verkriechen. Eine freiheitliche Ordnung und eine offene Gesellschaft lassen sich nur erhalten, wenn wir auch in schwierigen Zeiten dafür einstehen. Jeder für sich und alle zusammen. Darum trotz allem: Besinnliche, aber auch fröhliche Weihnachten!