Lehrstelle gestrichen, Kurzarbeit, keine Abschlussprüfung? Was Ostschweizer Lernenden in der Coronakrise Sorgen bereitet – und was ein Experte rät

Die Coronakrise trifft nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Berufsbildung. Die Herausforderung ist gross, die Ungewissheit bei den Jugendlichen ebenso.

Linda Müntener
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Eine Schnupperlehre in einem Coiffeursalon ist wegen Corona derzeit nicht möglich – die Läden sind geschlossen.

Eine Schnupperlehre in einem Coiffeursalon ist wegen Corona derzeit nicht möglich – die Läden sind geschlossen.

Bild: Sandra Ardizzone

Das letzte Schuljahr fast geschafft, den Lehrvertrag in der Tasche – und dann kommt Corona. Für viele angehende Lernende ist ungewiss, wie sich die wirtschaftlichen Folgen des Virus auf ihren Lehrbeginn im Sommer auswirken werden – Ausbildung in Kurzarbeit oder gar Vertragsauflösung?

Dass ein Lehrvertrag wegen finanzieller Schwierigkeiten des Lehrbetriebs aufgelöst wird, sei nicht auszuschliessen, sagt Marcel Volkart, Leiter des Thurgauer Amts für Berufsbildung und Berufsberatung. «Hier gilt: Sofort Kontakt mit dem Amt für Berufsbildung und Berufsberatung aufnehmen, damit neue Lehrbetriebe gesucht werden können», sagt er.

Marcel Volkart, Leiter des Thurgauer Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung.

Marcel Volkart, Leiter des Thurgauer Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung.

Bild: Donato Caspari

Im Kanton Thurgau gab es in jüngster Vergangenheit mehrere Konkurse grösserer Firmen – so etwa jenen der Tuchschmid AG. Hier sei innert Kürze für alle Lernenden ein neuer Betrieb gefunden worden, «dank der engen Zusammenarbeit zwischen dem Betrieb, dem Amt für Berufsbildung und Berufsberatung und den anderen Lehrbetrieben.» Das strebt man auch in der Coronakrise an.

Vertragsauflösungen vermeiden

Die beliebteste Lehre in der Schweiz ist das KV. Der Kaufmännische Verband ruft alle Lehrbetriebe auf, trotz der wirtschaftlich schwierigen Situation, Lehrvertragsauflösungen zu vermeiden. Die Coronakrise dürfe sich auf keinen Fall zum Nachteil von Lernenden auswirken. «Unternehmen sind und werden auch weiterhin auf Fachkräfte angewiesen sein», schreibt der Verband auf Anfrage. Und:

«Es ist im ureigenen Interesse der Lehrbetriebe, den beruflichen Nachwuchs weiterhin zu rekrutieren, auszubilden und damit zu sichern.»

Schülerinnen und Schüler machen sich Sorgen

Beim Thurgauer Berufsinformationszentrum BIZ melden sich in diesen Tagen mehr Schülerinnen und Schüler als sonst. «Sie machen sich Sorgen, keine Lehrstelle zu bekommen. Auch, wenn die Lehrstellenvergabe bereits am laufen war und aktuell vieles in der Schwebe ist», sagt Volkart. Er weist darauf hin dass Lehrverträge – wie in der Vergangenheit auch – problemlos bis zu den Herbstferien abgeschlossen werden können. Diese Lernenden würden dann ins laufende Ausbildungsjahr eintreten.

BIZ und Verband beraten

Die Berufsinformationszentren sind telefonisch erreichbar

Das St.Galler Berufsinformationszentrum BIZ bleibt bis auf weiteres geschlossen, auch Kurzgespräche können im Moment nicht stattfinden. Die Ausleihfrist für alle Medien wurde automatisch per 30. April verlängert. Telefonisch sind die Mitarbeitenden unter 058 229 72 11, per E-Mail unter info.blbstgallen@sg.ch erreichbar. Informationen zu den weiteren Standorten im Kanton St.Gallen gibt es hier. Auch die Thurgauer Berufsinformationszentren bieten ihre Dienste telefonisch an. Alle Infos dazu gibt es hier. Aufgrund der ausserordentlichen Situation macht zudem der Kaufmännische Verband seine Beratungsleistungen auch Nichtmitgliedern zugänglich. Er steht Arbeitnehmenden, Arbeitgebenden, Lernenden sowie Berufs-und Praxisbilder/innen bei Fragen im Zusammenhang mit dem Coronavirus zur Seite. Mehr dazu hier. (lim)

In der zweiten Sekundarstufe stehe vor allem das erste Semester im Zeichen der Berufswahl. «Die ersten Berufserkundigungen haben deshalb bereits stattgefunden, nun geht es eher um Schnupperlehren.» Solche müssen jetzt teils abgesagt werden, Coiffeursalons oder Fachgeschäfte sind geschlossen, hier kann niemand schnuppern. Volkert sagt dazu:

«Schnupperlehren können zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden, allenfalls werden die Lehrstellen durch die Situation auch später vergeben.»

St.Galler Kantonsräte fordern Stichtag

Lehrverträge später abschliessen – das schlagen die St.Galler Kantonsräte Sandro Hess, Patrick Dürr und Andreas Broger vor. «Die allermeisten Unternehmen haben schon jetzt die Schnupperlehren bis auf Weiteres gestrichen. Unsere Schülerinnen und Schüler verlieren in ihrer Berufswahl wichtige Zeit», schreiben sie. «Sie können in ihrer Berufswahl nicht mehr entsprechend unterstützt werden.» So bestehe die Gefahr, dass keine fundierten Berufsentscheide gefällt werden könnten.

In einer Einfachen Anfrage wollen die drei Kantonsräte von der Regierung wissen, ob sie bereit ist, einen verbindlichen Stichtag für die Lehrstellenvergabe zu definieren, beispielsweise frühestens den 1. November 2020. Die Antwort der Regierung steht noch aus.

Auch für Lernende kann Kurzarbeit beantragt werden

Wer sich bereits in einem Lehrverhältnis befindet, kann von Kurzarbeit betroffen sein. Der Bundesrat hat die Kurzarbeitsentschädigung auf Personen in Lehrverhältnissen ausgedehnt. Lehrbetriebe, die aufgrund der Coronakrise in finanzielle Schwierigkeiten geraten, haben neu die Möglichkeit, Kurzarbeitsentschädigung für ihre Lernenden zu beantragen. Dabei wird bis maximal 80 Prozent des auf die ausgefallenen Arbeitsstunden anrechenbaren Verdienstausfalls entschädigt. Der Kaufmännische Verband macht sich dafür stark, dass Lehrbetriebe ihren Lernenden den vollen Lernendenlohn auszahlen – «als Zeichen der Unterstützung».

Werde für Lernende Kurzarbeit beantragt, müsse man mit den Berufsbildnern im Betrieb, Eltern sowie dem Amt für Berufsbildung und Berufsberatung die Ausgangslage besprechen, sagt Marcel Volkart. «Und: Gemeinsam nach sinnvollen Beschäftigungen suchen.» Er nennt etwa den Einsatz in vollbeschäftigten Abteilungen oder die Versetzung in einen anderen Lehrbetrieb.

Zudem könnte eine Lerndokumentation geführt werden, Lernende könnten sich vertiefter mit der Theorie auseinandersetzen oder Ideen für die Lagerbewirtschaftung, die Webseiten ihrer Betriebe sowie den Kundenkontakt während der Coronakrise entwickeln. Auch für Vorproduktionen könnte man Lernende einspannen. Kreative Lösungen sind gefragt.

Durchführung der Qualifikationsverfahren noch unklar

Die Berufsschulen sind mindestens bis zum 19. April geschlossen. Deshalb verbringen die Lernenden laut Stefan Kölliker, St.Galler Regierungsrat und Bildungschef, derzeit grundsätzlich die ganze Woche im Betrieb. «Allerdings müssen sie an den eigentlichen Schultagen auch im Betrieb am Fernunterricht teilnehmen können», sagte Kölliker an der Corona-Pressekonferenz der St.Galler Regierung am Dienstagnachmittag. Die Betriebe müssen dies zulassen.

Stefan Kölliker, St.Galler Regierungsrat.

Stefan Kölliker, St.Galler Regierungsrat.

Bild: Michel Canonica

Wie es mit den Lehrabschlussprüfungen – den sogenannten Qualifikationsverfahren – aussieht, ist derzeit noch unklar. Vertreter des Bundes, der Kantone, der Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften arbeiten an einer Lösung für die Durchführung. Stefan Kölliker rechnet mit einem Entscheid Mitte April, wie er an der Pressekonferenz sagte:

«Es ist abzusehen, dass das Qualifikationsverfahren nicht wie in anderen Jahren durchgeführt werden kann. Wir gehen davon aus, dass weitgehend auf Erfahrungsnoten zurückgegriffen werden muss.»
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