Lehrerverband irritiert FDP-Präsident mit Aussagen zu Lehrplan 21

Aus dem Kantonsrat kommt Kritik wegen fehlender Lehrmittel und alter Bewertungsraster. Der Lehrerverband wiegelt ab. Jetzt hängt zwischen Parlament, Verband und Regierung der Haussegen schief.

Andri Rostetter
Drucken
Teilen
Fehlende Lehrmittel, alte Bewertungsraster: Die Einführung des Lehrplan 21 gibt im Kanton St.Gallen zu reden. (Bild: Key/Christian Beutler)

Fehlende Lehrmittel, alte Bewertungsraster: Die Einführung des Lehrplan 21 gibt im Kanton St.Gallen zu reden. (Bild: Key/Christian Beutler)


Raphael Frei wirkt irritiert. Der St. Galler Kantonsrat und FDP-Kantonalpräsident weiss eigentlich genau, wo es bei den Schulen klemmt. Frei ist Schulleiter in Waldkirch und Chef eines 18-köpfigen Lehrerteams. «Dass der Lehrerverband sich so zur Lehrplaneinführung äussert, ist überraschend», sagt er.

Hintergrund ist eine Interpellation im Kantonsrat, der von Frei und 51 anderen Mitgliedern des Parlaments unterzeichnet worden war. Frei und seine Mitstreiter werfen dem Kanton vor, mit der Einführung des Lehrplans 21 im Rückstand zu sein. Es geht um fehlende Lehrmittel, alte Bewertungsraster, Koordinationsprobleme und unvorhergesehene Kosten für die Gemeinden. Hinter dem Vorstoss stehen sämtliche Fraktionen – und mehrere Schulleiter und Lehrer aus allen politischen Lagern.

Dennoch steht der Vorstoss quer zur Haltung des Lehrerverbands. Dieser sieht keine Probleme mit dem Lehrplan 21. «Die Dramatik, die in diesem Vorstoss transportiert wird, ist nicht nachvollziehbar», sagte Daniel Thommen, Co-Präsident des St. Galler Lehrerverbands, gegenüber unserer Zeitung.

«Weder machbar noch nötig»

Auch die St. Galler Kantonsregierung will nichts von Problemen wissen. In ihrer mittlerweile veröffentlichten Antwort auf den Vorstoss schreibt sie: «Der Kanton St. Gallen ist auf Kurs und hat keinen Rückstand bei der Einführung des neuen Lehrplans Volksschule», heisst es dort.

«In anderen Kantonen hat das funktioniert»: Raphael Frei, St.Galler FDP-Kantonalpräsident und Schulleiter. (Bild: Regina Kühne)

«In anderen Kantonen hat das funktioniert»: Raphael Frei, St.Galler FDP-Kantonalpräsident und Schulleiter. (Bild: Regina Kühne)

Die Verspätung bei den Lehrmitteln begründet die Regierung so: «Die Entwicklung von kompetenzorientierten Lehrmitteln benötigt längere Zeit und kann nicht von einem einzelnen Kanton bzw. Lehrmittelverlag bewältigt, sondern muss in der Deutschschweiz koordiniert werden.»

Es sei weder machbar noch nötig gewesen, auf den Beginn des neuen Lehrplans lückenlos sämtliche Lehrmittel bereitzustellen. Das Projekt sei zudem so angelegt, dass weder Kanton noch Gemeinden mit finanziellem Mehraufwand zu rechnen hätten.

Mehrere Briefe geschrieben

Frei zeigt sich überrascht über diese Aussagen. Er und seine Schule hätten schon vor vier Jahren in mehreren Briefen an die Verantwortlichen auf die heiklen Punkte hingewiesen: «Wir sagten, dass die Lehrmittel rechtzeitig bereitgestellt, Beispiellehrreihen vorgelegt und Beurteilungsinstrumente angepasst werden müssen.»

Frei zählt mehrere Fächer auf, in denen die Lehrerinnen und Lehrer nach wie vor auf das passende Lehrmittel warten: Wirtschaft-Arbeit-Haushalt, Natur und Technik, Französisch. «Meine Lehrpersonen arbeiten nun seit zwei Jahren mit dem neuen Lehrplan, haben Lektionsreihen erstellt – und jetzt kommen neue Lehrmittel.»

Kritik an der Grundlagenarbeit

Frei sieht das Versäumnis auch beim Lehrmittelverlag. Er wirft dem Verlag vor, zu wenig vorausschauend geplant zu haben. «In anderen Kantonen hat das funktioniert.» Er bestreite indes nicht, dass die Einführung des Lehrplans insgesamt ein Erfolg war. «Die Einführung ist dank den Schulleitungen, den Lehrerteams und den Schulbehörden vor Ort geglückt. Die Grundlagenarbeiten durch den Kanton waren dagegen nicht ideal.»

Es sei normal, dass bei derart komplexen Grossprojekten nachjustiert werden müsse. «Aber im Kanton St. Gallen wurden ein paar grundlegende Mittel nicht bereitgestellt.» Auch die Kostenfolgen seien zu wenig bedacht worden, kritisiert Frei. Die Schulträger hätten durch die Einführung teils hohe versteckte Kosten zu tragen. «Wenn ich mit einem 18-köpfigen Lehrerteam eine zweistündige Sitzung zum Lehrplan mache, ist das bezahlte Arbeitszeit. Das muss andernorts wieder eingespart werden.»

Warnung vor zu hohen Erwartungen

Die Kritik an der Lehrplan-Einführung wird in den kommenden Tagen gleich in mehreren Gremien zu reden geben. In der Woche nach Pfingsten ist das Geschäft im Kantonsparlament traktandiert. Und am 19. Juni tagt der Erziehungsrat, also jene Kommission der Regierung, die sich von Amtes wegen mit dem Lehrplan 21 befassen muss. Der Schlussbericht zur Einführung des Lehrplans soll im kommenden Jahr erscheinen. Die Regierung warnt aber schon jetzt vor zu hohen Erwartungen. Angesichts des beschleunigten technologischen und gesellschaftlichen Wandels sei nicht davon auszugehen, «dass aus einer Lehrplaneinführung Konsequenzen für einen Zeithorizont von mehr als zehn Jahren gezogen werden können».

Scharmützel um alte Lehrmittel

Um den Lehrplan 21 ist nach der Einführung ruhig geworden. Jetzt kommt dennoch Kritik aus dem Kantonsrat. Unter anderem geht es um fehlende Lehrmittel. Doch die Lehrer haben andere Sorgen.
Andri Rostetter