LEBENSWEG: Die Provinz ist überall

Oerlikon in den 50er- und 60er-Jahren: Keine wissenschaftliche Analyse, nur persönliche Erinnerungen, die eine Biografie geprägt und den Weg aus der Zürcher Provinz nach St.Gallen geebnet haben. Ein Leben mit Migrationshintergrund. Von Walter Brehm.

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lab3112_Front.indd (Bild: Ruedi Widmer)

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Du wohnst in Oerlikon, nicht in der Stadt? Wer in Oerlikon lebt, hat diese Frage sicher schon gehört. Obwohl als Kreis 11 seit 1934 in die Stadt Zürich eingemeindet, muss Oerlikon damit leben, dass für manchen aufrechten Zürcher die Stadtgrenze im Norden immer noch deutlich vor Oerlikon verläuft. Für das Weltdorf Zürich ist Oerlikon Provinz. Inzwischen gibt es auch Zürcher, die von einem Trendquartier sprechen. Die meinen dann allerdings nicht das traditionelle Oerlikon, sondern Neuoerlikon, das sich hinter dem ebenfalls neuen Bahnhof ausbreitet.

Walter Brehm als bärtiger Rebell. Mit Bleistift gezeichnet von der französischen Künstlerin Mireille Réléa, 1973 in Zürich.

Walter Brehm als bärtiger Rebell. Mit Bleistift gezeichnet von der französischen Künstlerin Mireille Réléa, 1973 in Zürich.

Ich bin ein St.Galler mit Migrationshintergrund und komme aus der Provinz, in der man die Wurst mit Senf ist. Ich erwähne das nur, weil nicht nur die Zürcher, sondern auch die St.Galler oder die Thurgauer die Ostschweiz als Provinz sehen – und dazu wenig positives Empfinden haben. Man fühlt sich verschupft und missachtet von den Grossstädtern. Wer aus Oerlikon kommt, kann mit den Ostschweizern fühlen, hat aber auch Trost anzubieten. Provinz ist überall und das Zentrum ist auch überall – gleichzeitig. Und wer sich im Zentrum wähnt, lebt global gesehen für die meisten Mitmenschen doch nur in der Provinz. Oder anders herum: Die Provinz ist die Welt. Und Oerlikon war und ist Weltprovinz. Dort beginnt beim Hallenstadion und der offenen Radrennbahn die Thurgauerstrasse. Und wie als Referenz an Mostindien gedacht, steht nicht weit davon entfernt das Schulhaus Apfelbaum. Dazwischen findet man die Greifenseestrasse. Die war damals aber aus Sicht des Quartierzentrums schon die «Agglo» von Oerlikon, einfach zu nahe an Schwamendingen. Die Zuweisung, was Provinz ist, war damals ziemlich kleinräumig. Für mich aber war das Gebiet zwischen Thurgauerstrasse, Apfelbaumschulhaus und Greifenseestrasse die Welt meiner frühen Jugend.

Zutiefst provinziell, zumindest aus heutiger Sicht, war das Erlebnis meiner Einschulung: Ich war damals schon ein Linker. Nicht politisch, nur physisch – ein Linkshänder. Das hat mir dann Fräulein Müller ausgetrieben – mit einem Fausthandschuh, der über meine Linke gestülpt und am Armgelenk zugebunden wurde. Ein Provinzerlebnis, das in den späten 50er-Jahren wohl viele «linke» Kinder hatten.

Sowjetunion, Rolling Stones und eine Sensation

Doch die Welt, die grosse Welt, liess immer zu, sich im Dreieck Thurgauerstrasse, Apfelbaumschulhaus und Greifenseestrasse in Oerlikon nicht als Pro­vinzler missachtet und verloren vorzukommen. 1961 war für mich ein wahres Weltjahr: Auf der offenen Radrennbahn fand die Weltmeisterschaft statt und im Hallenstadion trat die Schweizer Eishockeynationalmannschaft gegen die Sowjetunion an. An der Bahn-WM holte sich Max Meier im Sommer die Bronzemedaille der Steher (Velos hinter schweren Motorrädern). War der Rang an sich schon eine Sensation, war es für mich Max Meier erst recht. Der war nämlich an der Greifenseestrasse unser Nachbar. Meine Eltern wohnten in der Nummer 48, Max Meier in der Nummer 50. Das war doch was.

Ob die Eishockey-Nati im Winter im Hallenstadion erfolgreich war, weiss ich nicht mehr. Das Erlebnis war ein anderes. Als Zehnjähriger, mitten im Kalten Krieg, staunte ich ungemein ob der Tatsache, dass die Russen, die Kommunisten, aussahen wie wir – richtige Menschen. Die Welt in Oerlikon im Hallenstadion – und die Russen gehörten dazu. Das Hallenstadion war dann immer wieder mein Fenster aus der Provinz in die Welt. Dann, wenn die Rolling Stones 1976 die Jugendrevolte nach Oerlikon brachten, Muhammad Ali (1971) den Deutschen Jürgen Blin vermöbelte und das Schweizer Fliegengewicht Fritz Chervet (1974) gegen den Thailänder Chartchai Chionoi zwar vergeblich um die Weltmeisterschaft boxte, dem Thai aber in 15 turbulenten Runden ehrenhaft Paroli bot.

Vater wollte keine proletarische Revolution

Auch in Oerlikon machten sich die wilden 60er-Jahre bemerkbar. Mit ein paar Rebellen aus der Jungen Kirche Oerlikon gründete ich eine Sozialistische Arbeitsgruppe (SAG). Mit Kollege «Farni» – er Buchdruckerstift und ich Schriftsetzerlehrling – versuchte ich mich publizistisch. «Banalitäten» hiess unser Blatt. Es befasste sich vor allem mit dem Verhältnis der Ersten zur Dritten Welt. Etwas grosssprecherisch reklamierten wir aus der Provinz Weltgeltung, sahen uns nahe den Revolutionären in Vietnam und den Black Panthers in den USA.

In der Praxis stand die Auseinandersetzung mit der ersten Überfremdungs-Initiative von James Schwarzenbach an. Immer noch verbunden mit dem Kirchgemeindehaus in Oerlikon, traten wir in einer Podiumsdiskussion gegen die Initianten an – fühlten uns wichtig. Doch in der Realität führte uns die SAG weniger in die Welt als in einen Bunker. Die «Autonome Republik Bunker» war das Ergebnis eines kurzfristigen Erfolgs der Forderung nach einem Jugendzentrum in Zürich. Wir Jungrebellen aus Oerlikon führten die Basisgruppe 11/12 der «Republik». Das Hauptquartier war eine Wohngemeinschaft an der Dörflistrasse, wir nannten es Kommune.

«Rebellion ist berechtigt», hatte Mao Tsetung im Roten Büchlein notiert, und wir dachten, das gelte ebenfalls für «Züri 50». Die Revolution aber fand nicht statt. «Auf euch haben wir nicht gewartet», wetterte mein Vater. Ich war ernüchtert. Er, der Fabrikarbeiter, wollte keine proletarische Revolution. Die Einsicht, wem wir da aufgesessen waren, kam später. Die Ikone Mao war kein Befreier, sondern auch nur ein Despot.

Über den Westen und Thurgau nach St.Gallen

Gelernt habe ich aber in den wilden Jahren viel. Und die Provinz war nicht nachtragend. Von Oerlikon aus ging’s in andere Provinzen. Die Erinnerung an «Banalitäten» führte mich in den professionellen Journalismus: Für den Teletext nach Biel im Westen, dann für die «Thurgauer Zeitung» in den Osten nach Frauenfeld und schliesslich zum «Tagblatt» in St.Gallen.

Ich habe mich auf meinem Weg nie auf einem Abstellgleis gefühlt und bin mir sicherer denn je – nicht nur die Provinz ist überall, auch das Zentrum. In meiner journalistischen Arbeit habe ich gelernt, dass dies auf Nairobi ebenso zutrifft wie auf Hanoi, auf Oerlikon ebenso wie auf Frauenfeld. Und so bin ich heute ein St.Galler mit Migrationshintergrund – und bin es bis heute gerne.

Walter Brehm, Jahrgang 1951, gebürtiger Zürcher, ist langjähriger Auslandredaktor des «St.Galler Tagblatts».

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