Lebenspartnerin des Vaters mit Vorschlaghammer getötet: Tat geschah im Wahn – St.Galler Kantonsgericht spricht Landwirt wegen Schuldunfähigkeit frei

Das Kantonsgericht St.Gallen hat einen 49-jährigen Bauern, der einen Mord und zwei Mordversuche begangen hatte, wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen. Um der psychischen Störung und der Rückfallgefahr zu begegnen, ordnete das Gericht eine stationäre Massnahme an.

Sina Bühler
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Die Berufungsverhandlung fand am Kantonsgericht St.Gallen statt. (Bild: Ralph Ribi)

Die Berufungsverhandlung fand am Kantonsgericht St.Gallen statt. (Bild: Ralph Ribi)

Die Geschichte wurde schweizweit bekannt: Der «Blick» nannte ihn den «Hammer-Killer», «20 Minuten» titelte: «Nach Mord ging er in ein Restaurant».

Was war passiert? An einem Januarabend im Jahr 2015 besuchte der ehemalige Landwirt den Hof, auf dem er aufgewachsen war, in Walde, einem kleinen Dorf, das zur Gemeinde Eschenbach gehört. Dort schoss der Mann mehrmals mit einer Armee-Pistole auf den damals 38-jährigen Pächter des Hofes. Danach fuhr er zum Wohnhaus, wo er mit einem Vorschlaghammer auf den Kopf der 82-jährigen Lebenspartnerin seines Vaters einschlug und dann auf seinen Vater losging. Die Frau war sofort tot, der Pächter hatte einen lebensgefährlichen Armdurchschuss, der Vater lag wochenlang im Koma.

Erster Psychiater ging von Schuldfähigkeit aus

Seine Tat hat der Mann nie bestritten. Das Kreisgericht See-Gaster verurteilte ihn im August 2017 wegen Mordes und mehrfachen versuchten Mordes zu 20 Jahren Freiheitsstrafe und einer anschliessenden Verwahrung.

Dabei stützte es sich erheblich auf das Gutachten eines forensischen Psychiaters, der im Kanton auch als Amtsarzt und Fachrichter tätig ist. Dieser war zum Schluss gekommen, dass der Mann an einer schweren Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und paranoiden Zügen leide und für die Tat «voll schuldfähig» sei. Der Täter sei nicht therapierbar und bleibe hochgefährlich.

Mann spricht gut auf Medikamente an

Dagegen wehrte sich der Mann vor Kantonsgericht. Dieses bestellte ein zweites Gutachten, was das Kreisgericht zuvor verweigert hatte. Dieses neue Gutachten kommt zum komplett entgegengesetzten Ergebnis: Der Täter habe keine Persönlichkeitsstörung, er leide vielmehr an einer schizophrenen Erkrankung. Der Mann habe damals Stimmen gehört. Er habe im Wahn gehandelt und sei nicht schuldfähig.

Das neue Gutachten stellte auch eine günstige Prognose: Der Mann spreche bisher gut auf Medikamente und Therapie an. Er sei zwar noch nicht stabil und müsse vermutlich ein Leben lang Neuroleptika gegen die Schizophrenie einnehmen. Doch schon in den kommenden fünf Jahren sei mit einer deutlichen Verbesserung zu rechnen.

Gestützt auf diese Erkenntnisse verlangte der Verteidiger am Kantonsgericht einen Freispruch und eine stationäre Massnahme nach Artikel 59 im Strafgesetzbuch, die «kleine Verwahrung». Diesem Antrag folgte auch der Staatsanwalt, der im Vorfeld noch eine Bestätigung des ersten Urteils verlangt hatte. Mit dem neuen Gutachten sei auch er zum Schluss gekommen, dass der Beschuldigte unzurechnungsfähig sei:

«Da bleibt kein Raum für eine Verurteilung.»

«Ich fühlte mich bedroht»

Fast 20 Jahre zuvor hatte der gelernte Landwirt seinem Vater den elterlichen Hof abgekauft und ihn mehrere Jahre lang bewirtschaftet. Nach einer Nierentransplantation im Jahr 2006 war das nicht mehr möglich. Er bekam eine volle IV-Rente und verpachtete den Betrieb, woraufhin sein Vater von einem Rückkaufrecht des Hofes Gebrauch machte. Der Mann sagt vor Gericht, es sei ihm damals psychisch nicht gut gegangen, er habe Depressionen gehabt.

Bekannte und Freunde hätten ihm einen Klinikaufenthalt nahegelegt. Darauf habe er nicht gehört, höchstens gemerkt, dass er dünnhäutiger wurde. Jedenfalls habe es ihn geärgert, dass der neue Pächter anders wirtschaftete, empfand alles, was dieser tat, als Angriff.

«Wenn der Besen verkehrt dastand, habe ich mich bedroht gefühlt. Ich hatte das Gefühl, sie wollen mich ärgern, damit es mir gesundheitlich schlechter geht.»

Er habe befürchtet, sich so aufzuregen, dass er seine neue Niere verliere.

Im Wahn am Leben bedroht gesehen

Als er an jenem Januarabend ein Elektrokabel auf dem schönen Vorplatz des Hofs liegen sah, habe er sich davon so bedroht gefühlt, dass er einfach handeln musste, erzählt der Mann. Er glaubte, das Kabel sei platziert worden, um ihm einen Hirnschlag zu geben.

Laut Gutachter sei dem Mann abstrakt zwar klar gewesen, dass er Menschen nicht so behandeln dürfe – sie also nicht erschiessen oder erschlagen dürfe: «Aber in seinem Wahn sah er sich am Leben bedroht und tat es deshalb trotzdem».

Redselig und freundlich

Vor einem halben Jahr, nachdem das Zweitgutachten vorlag, wurde der Täter verlegt – von der Strafanstalt Pöschwies in das Psychiatriezentrum Rheinau (ZH). Vor Gericht schildert er, wie es ihm in der Therapie ergehe. Wie er lerne, richtig auf die Frühwarnsignale seines Körpers zu reagieren, und dass er nun Medikamente erhalte, die sich mit seinem Nierenleiden vertragen würden. Er ist redselig, freundlich, antwortet präzis und klar auf die Fragen des Richters, des Verteidigers und auch des Gutachters.

Liest man das Urteil der ersten Instanz, kann man sich kaum vorstellen, dass es sich um denselben Mann handelt. Dort wird er als empathielos beschrieben, als verharmlosend und häufig vom Thema abschweifend, als therapieunfähig.

Der Verteidiger kritisierte den Gutachter von Anfang an massiv. Dieser sei viel zu schnell zu einem Schluss gekommen und habe unabhängig von den Entwicklungen weiterhin stur darauf bestanden. Unverzeihlich sei, dass er darin die Familiengeschichte des Beschuldigten völlig ausser acht liess – dabei sei der Bruder schizophren, eine Tante ebenfalls und seine Schwester habe sich wegen Depressionen das Leben genommen.

Wie der Verteidiger am Kantonsgericht erklärte, habe der Gutachter nur in moralischen Kategorien argumentiert, den «parasitären Lebensstil» des Mannes kritisiert, ja sogar festgehalten, der Mann sei «mit seiner (gestörten) Persönlichkeit (...) nicht geeignet für eine Nierentransplantation.»

Ergebnisse eindeutig widerlegt

Das Kantonsgericht sprach den Mann wegen Schuldunfähigkeit frei und ordnete eine stationäre Massnahme an, um die psychische Störung zu behandeln. An der Urteilsverkündung sagte der Gerichtspräsident, man habe erhebliche Zweifel am ersten Gutachten gehabt, und deshalb ein zweites eingeholt. Dieses habe die Ergebnisse des ersten eindeutig widerlegt.

Der neue Gutachter habe nachvollziehbar und überzeugend dargelegt, dass der Beschuldigte an einer schizophrenen Erkrankung leide und existentiell bedrohliche Wahnideen aufgebaut habe. Die späteren Opfer habe er als Urheber dieser Bedrohung empfunden.