Lebensmut trotz Parkinson

MUOLEN. Claire Erne aus Muolen kümmert sich seit 26 Jahren um ihren an Parkinson erkrankten Ehemann. Nebenbei engagiert sich die 76-Jährige in zwei Selbsthilfegruppen zu diesem Thema. Dafür wurde sie nun für den Prix Sana nominiert.

Ives Bruggmann
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Claire und Martin Erne in ihrem Wohnzimmer in Muolen. (Bild: Coralie Wenger)

Claire und Martin Erne in ihrem Wohnzimmer in Muolen. (Bild: Coralie Wenger)

Vor gut 26 Jahren ist eine «dritte Person», wie Claire Erne stets sagt, in das Leben und in die Ehe von ihr und ihrem Mann Martin eingetreten. Diese «dritte Person» ist die unheilbare und stetig fortschreitende Nervenkrankheit Parkinson.

Martin Erne, bei der Diagnose 50 Jahre alt, stand mit beiden Beinen im Leben. Er war Bankleiter der Raiffeisenbank Muolen und im Nebenamt Gemeindepräsident derselben Gemeinde. Auch im Sport und im Militär machte er Karriere. Er wurde mit St. Otmar Schweizer Meister im Handball und schaffte es im Militär bis zum Stabsoffizier.

Trotz Parkinson ein gutes Leben

Doch dann kam Parkinson. Innerhalb von zwei Jahren musste Martin Erne seine geliebte Arbeit aufgeben. Die Krankheit beherrscht seitdem sein Leben. Am Anfang noch nicht so extrem wie heute. «Auch mit Parkinson kann man sein Leben noch sehr lebenswert gestalten. Mit Hilfe der Medikamente genoss Martin noch 15 Jahre lang eine hohe Lebensqualität», sagt Claire Erne. Doch mittlerweile ist ihr Mann gezeichnet von der Krankheit. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen, weil er nicht mehr selbständig gehen kann. Zudem kann er kaum reden. «Er sagt keine 100 Worte mehr in der Woche», sagt seine Frau.

Das Positive sehen

Von den negativen Auswirkungen der Krankheit und von den vielen Rückschlägen liess sich Claire Erne nie entmutigen. Von Anfang an bewahrte sie ihren Optimismus. Sie informierte sich über die Krankheit, die sie bis dahin nicht kannte. Sie sah auch in schwierigen Phasen immer das Positive. «Ich dachte nie daran, aufzugeben», sagt sie. «Martin und ich versuchten, das Maximum aus dieser Situation herauszuholen.» Noch sehr lange war ihr Mann in der Lage, Velotouren und Spaziergänge zu machen. Die Beeinträchtigung durch Parkinson wurde jedoch immer stärker, wie das Beispiel der jährlichen Wanderung zeigt. Martin Erne liess es sich nicht nehmen, mit seiner Frau jeweils im Engadin wandern zu gehen. Anfangs waren noch ausgedehnte Touren möglich. Von Jahr zu Jahr wurden die Distanzen dann kürzer. Vor drei Jahren unternahm das Ehepaar letztmals eine Wanderung im Engadin. «Auch wenn wir nicht mehr weit gewandert sind, mit seinem Willen hat es Martin dennoch bis ans Ziel geschafft. Diese Wanderung war auch mit Risiken verbunden», sagt Claire Erne. «Wenn uns nämlich Parkinson in die Quere gekommen wäre, hätten wir die Rega rufen müssen. Doch am Ende ist alles gutgegangen.»

Seltene Lichtblicke

Heute sind die Lichtblicke im Alltag von Claire und Martin Erne mit Parkinson rarer geworden. Doch wenn es solche gibt, dann lässt Claire Erne alles stehen und liegen, um ihren Mann zu unterstützen. So auch bei unserem Besuch: Aus dem Nichts spricht ihr Mann ein paar Worte. Claire Erne spürt, dass Martin sich wohl fühlt und holt einen Handball. Diesen spielt sie ihrem Mann zu. Tatsächlich reagiert er auf den Handball, fängt ihn und wirft ihn sogleich wieder zurück. Doch damit nicht genug. Der Mann im Rollstuhl steht auf und begleitet den Besuch zur Tür. Seine Frau eilt ihm sofort zu Hilfe. Diese Selbstlosigkeit und das Gespür für die Situation zeichnen Claire Erne aus.

In zwei Selbsthilfegruppen tätig

Nicht nur deshalb wurde die Muolerin von der Jury der Fondation Sana für den Prix Sana nominiert. Auch weil sie sich trotz der Vollzeitbeschäftigung, welche die Pflege ihres Mannes erfordert, nebenbei engagiert. Seit 2002 ist sie im Leitungsteam der Parkinson-Selbsthilfegruppe St. Gallen. «Der Erfahrungsaustausch ist für alle Beteiligten sehr wertvoll. Ich kann Erfahrungen aus 20 Jahren weitergeben», sagt sie. Auch bei der Selbsthilfegruppe für Parkinson-Angehörige St. Gallen hilft Claire Erne mit. Dort ist sie seit zwei Jahren im Leitungsteam und fungiert nebenbei auch noch als Kontaktperson. Mit ihrem Lebensmut schafft sie es, anderen Menschen neue Energie einzuflössen. «Ich will den Leuten Mut machen. Auch mit Parkinson lässt sich heutzutage ein Leben noch geniessen.» Ihr grosses Engagement wird am 29. November, wenn der nationale Gesundheitspreis Prix Sana in Luzern verliehen wird, gewürdigt. «Zufällig feiert Martin an diesem Tag seinen 77. Geburtstag», freut sie sich. «Der Preis ist die Krönung und die Anerkennung meines Einsatzes für andere Menschen.»

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