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LEBENSGESCHICHTE: Vom Flüchtling zum Professor

Der Rorschacher Seminarlehrer Kurt Bigler alias Bergheimer (1925–2007) war 1942 als jüdischer Jugendlicher allein in die Schweiz geflüchtet. Eine Historikerin schildert sein traumatisches, aber letztlich glückerfülltes Leben in einem erhellenden Buch.
Marcel Elsener
Kurt Bergheimer, später Bigler, im Sommer 1947 bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen: dem Lesen. (Bilder: AFZ/NL Bigler)

Kurt Bergheimer, später Bigler, im Sommer 1947 bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen: dem Lesen. (Bilder: AFZ/NL Bigler)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Kurt Bigler, verstorben 2007, war in der Ostschweiz eine bekannte Persönlichkeit; von 1966 bis 1990 wirkte er als ­Lehrer für Französisch, Geschichte und Deutsch am Lehrerseminar Rorschach und amtete daneben jahrelang als Ersatzrichter am Bezirksgericht Rorschach sowie als Bezirksschulrat. Ausserdem kannte man den Sozialdemokraten als Journalist (hauptsächlich für die «Ostschweizer AZ»), als Mitglied der Programmkommission von Radio DRS und später der SRG Ostschweiz, als Hochschulrat der HSG oder als Vorstand der St. Galler Rheumaliga, der Pro Infirmis und der Pro Juventute. Und selbstverständlich verdankte er einen Teil seiner Bekanntheit seiner landesweit namhaften Gattin: Margrith Bigler-Eggenberger war von 1974 bis 1994 die erste Bundesrichterin der Schweiz. Bigler hatte die SP-Frau, Tochter des St. Galler SP-Regierungs-, National- und Ständerats Ma­thias Eggenberger, 1959 geheiratet. Die heute 85-jährige Vorkämpferin für die Frauenrechte war es auch, die posthum eine Stiftung im Namen ihres Mannes gründete: Der Dr.-Kurt-Bigler-Preis für besondere Projekte in der Vermittlung des Holocaust ist nun neunmal verlieren worden (siehe Text unten).

Ein minderjähriger jüdischer Flüchtling ohne Eltern

Nicht oder nur vage bekannt war der Ostschweizer Öffentlichkeit Kurt Biglers früheres Leben, das ihn jedoch grundlegend prägte und bis zu seiner Todesstunde schmerzlich heimsuchte – das pre­käre Leben als Kriegsflüchtling, der im Gegensatz zu seinen Eltern der Ermordung durch die Nazis entkam. Die junge Historikerin Lea Bloch hat diesem Teil von Biglers Biografie ihre Masterarbeit an der Universität Basel gewidmet, die nun als Buch vorliegt. Dabei zeigt sie ­exemplarisch, wie sich die Flucht auf die Existenz eines Überlebenden auswirkt: Kurt ein Einzelner unter 16200 Flüchtlingen in der Schweiz Ende 1942, kein aussergewöhnlich tragisches Schicksal oder heldenhaftes Verhalten, wie die Autorin anmerkt. Jedoch ein Ausnahmefall als einer der wenigen Flüchtlinge, die sich dauerhaft in der Schweiz niederliessen und eine neue Heimat fanden. «Die Nachkriegspolitik, die auf die Rückschaffung der Flüchtlinge ausgerichtet war, verfehlte bei ihm das Ziel, bei Tausenden anderen ging sie auf.» Kurt Bigler war unter seinem ersten Namen Bergheimer als 17-jähriger Jude allein, mittellos und ohne Ausbildung 1942 aus einem französischen Kinderheim in die Schweiz geflüchtet. Zwei Jahre zuvor hatte ihn die Gestapo mit seinen Eltern aus Mannheim ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Später kamen sie ins Lager Rivesaltes, wo Kurt nur dank der klugen Reaktion seiner Mutter einem Arbeitslager im Osten (und damit wahrscheinlich einem frühen Tod) entging: Kurz bevor ihr Sohn seine Sachen in der Baracke packte, gab sie ihm noch ein Fläschchen Rizinusöl zu trinken – das Abführmittel verunmöglichte die Reise. Seine Eltern, die ihn als zweijähriges Heimkind adoptiert hatten (die leibliche Mutter verschwunden, der Vater unbekannt), sah Kurt Bergheimer letztmals im Oktober 1942, bevor er in ein Kinderheim der jüdischen Hilfsorganisation Œuvre de secours (OSE) gebracht wurde. Das Bild des Abschieds von seiner kranken Mutter und seines alt und mager gewordenen Vaters habe er stets in Erinnerung behalten, schreibt Margrith Bigler im Nachwort; als Interviewpartnerin war sie nebst den Tagebüchern und anderen Schriften aus dem Nachlass ihres Mannes die wichtigste Quelle für die «lebensweltliche Perspektive» der Autorin. Noch im Todesjahr habe ihr Gatte im Spital nach der Hilfe seines ­Vaters gerufen, als sich ein Arzt näherte, der dem berüchtigten KZ-Arzt Mengele ähnlich sah. Den Verlust seiner Eltern, die Erlebnisse in den Lagern und auf der Flucht, der Entzug der bürgerlichen Alltäglichkeit – «es sind Wunden, die nie mehr verheilen», stellt Margrith Bigler fest. Flucht sei ein ständiges Thema in ihrer Beziehung gewesen: «Kurt war überzeugt davon, dass er irgendwann wieder fliehen müsse – deshalb lag ein kleiner Koffer stets mit dem Allernötigsten gefüllt in unserem Kleiderschrank!» Zudem – ebenfalls schier unglaublich – besass er ein Bankkonto mit dem «Wiedergutmachungsgeld» für den Tod seiner Eltern, ausgerechnet in Deutschland, weil er dachte, dass nach der entsetzlichen Naziherrschaft «es gerade dort für einen Juden in Zukunft am sichersten wäre, sich verstecken und irgendwie leben zu können».

Tiefe Wunden, aber auch viele Chancen und Widerstandskraft

Aufgrund der traumatischen Erlebnisse konnte Kurt Bigler trotz beruflicher und privater Erfolgserlebnisse nie unbefangen glücklich sein. Wie viele Holocaust-Überlebende kämpfte er mit Einsamkeit und Selbstmordgedanken. Bahnfahrten in vollen Waggons, Ungerechtigkeiten gegenüber Schülern, fehlende Anerkennung in Gremien – kleinste Störungen lösten bei ihm Nervosität, zornige ­Ausbrüche oder Panikattacken aus. Und sosehr er von seinen Schützlingen geschätzt («Keine andere Lehrperson hat uns so viele Menschlichkeit gelehrt», heisst es in einem Brief) und sein «temperamentvolles» Engagement von Kollegen geachtet wurde, so sehr eckte er mit seiner direkten Art und «mimosenhaften Empfindsamkeit» an. Dass er sich als Jugendlicher gegen die Behörden durchsetzen und das «Transitland» zum Ort des Neuanfangs machen konnte, verdankt Bigler seinem Willen und seiner Widerstandskraft. Und vor allem auch der Hilfe einer Frau, die ihm zur «dritten Mutter» wurde: Bertha Bigler, eine le­dige Lehrerin, die in der Flüchtlingshilfe arbeitete, nahm ihn 1945 bei sich in Wabern nahe Bern auf. Sie adoptierte ihn, verhalf ihm zum Studium an der Universität Bern (Geschichte, Literatur, Psychologie) und mit unermüdlichem Einsatz 1954 doch noch zur Einbürgerung.

Biglers zäher Kampf um Anerkennung und «Assimilierung» (bis zu Berndeutsch und Jassen) spiegelt auch eine Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz in und nach der Kriegszeit – er erlebt sie trotz anständiger Behandlung etwa im Tessiner Internierungslager Davesco. Ebenso erzählt sein Leben von der ­Position ständiger Minderheit: als Jude, Flüchtling, später Linker, zeitlebens als Holocaust-Überlebender. Mit ihrer Studie erhofft sich Lea Bloch eine Sensibilisierung für solche Themen in einer Zeit, in der fremdenfeindliche Tendenzen erneut überhand nehmen. Dabei erwähnt sie auch den heutigen Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen; die Thematik bleibt angesichts der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) aus Syrien und anderen Ländern aktuell. Gründe genug, dass ihr Buch «Ich glaubte ins Paradies zu kommen» ein interessiertes Publikum findet, erst recht an den Gymnasien in unserem Land.

Hinweis

Buchvernissage heute Mittwoch, 18 Uhr,

Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen, mit Autorin Lea Bloch und einer Laudatio von Jacques Picard. Das Buch erscheint in der Schriftenreihe des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, Band 18, Chronos-Verlag. 38 Fr.

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