Leben zwischen Angst und Rausch – eine Ostschweizerin mit bipolarer Störung erzählt 

Sie tanzte die Nächte durch, dann lag sie wochenlang nur da. Marlis Wissmann lebt mit einer bipolaren Störung.

Janina Gehrig
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Die Arbeiten im Naturatelier geben Marlis Wissmann Halt.

Die Arbeiten im Naturatelier geben Marlis Wissmann Halt.

Ralph Ribi

Im Schnee liegen, die Augen schliessen, einfach einschlafen. Langsam erfrieren. Marlis Wissmann war 17 Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal vom Leben verabschieden wollte. Es klappte nicht. «Man hat mich gefunden.» Auch die weiteren zwei Versuche scheiterten. Einmal pumpte man ihr den Magen aus, das andere Mal ist sie auf dem Kellerboden von alleine wieder zu sich gekommen. «Ich dachte, ich sei im Himmel.» Doch einmal mehr stand sie auf, kämpfte sich zurück ins Leben.

Wissmann sitzt im Naturatelier der Psychiatrie St.Gallen Nord, zu ihren Füssen Hund Luna. Die bipolare Störung hat sie immer wieder hierhergebracht. Hier malt, bäckt oder töpfert sie zweimal wöchentlich, trifft Menschen, denen es ähnlich geht. Das gibt Halt.

Nach der Depression kam die Manie

Marlis Wissmann war noch in der Lehre als Modeverkäuferin in Biel, als man die Erkrankung bei ihr diagnostizierte. «Plötzlich bin ich morgens um 4 Uhr erwacht, ganz verschwitzt und voller Angst.» Angst, aufzustehen, Angst, aus dem Haus zu gehen, Angst, sich zu waschen. Angst vor dem Leben. «Man wird kindlich, ist völlig blockiert», sagt sie. Nach der Depression kam die Manie: Ein Gefühl wie zwei Gläser Wein zu viel, ein Dauerhoch, ein Rausch. «Alles fällt einem leicht. Alles fällt einem in die Hände.»

Die Mutter holte Hilfe beim Hausarzt. Es war Ende der 1960er-Jahre, als man die «Krankheiten im Kopf» noch tabuisierte. Auch Wissmann wollte erst gar nichts davon wissen, krank zu sein. «Ich gehe ins Hotel und komme für die Tubelitests vorbei», habe sie gesagt, worauf man sie gleich in der geschlossenen Anstalt behielt. Sie habe geschrien, sich gewehrt, sogar eine Pflegerin gebissen. Drei Monate vergingen, bis die Medikamente anschlugen.

Erst hiess es, sie sei depressiv veranlagt, später, sie sei manisch-depressiv. Heute sagt man bipolar (siehe Kasten). Wissmann weiss, wie sie leben muss, um «in der Mitte zu bleiben», wie sie sagt. Dafür nimmt sie seit 50 Jahren Medikamente, schreibt Tagebücher.

Schwere, chronisch verlaufende Erkrankung

Eine bipolare Störung ist eine schwere, chronisch verlaufende psychische Erkrankung, die durch manische und depressive Stimmungsschwankungen charakterisiert ist. Rund ein Prozent der Bevölkerung ist davon betroffen. Meist wird die Diagnose relativ spät gestellt. Es wird davon ausgegangen, dass Veränderungen des Gehirnstoffwechsels, aber auch psychosoziale Faktoren eine Rolle für den Ausbruch der Krankheit spielen. Aufgrund der oft schweren Depressionen beträgt das Suizidrisiko von Betroffenen 15 Prozent und ist damit laut Bernhard Winkler, Oberarzt der Psychiatrie St.Gallen Nord, höher als bei anderen psychischen Erkrankungen. Die Störung wird mit stimmungsstabilisierenden Medikamenten sowie mit Antidepressiva, Neuroleptika und Psychotherapie behandelt. (jan)

Ausbildungen abgebrochen, Kündigungen erhalten

Es gab Zeiten, mehrere Jahre am Stück, in denen es ihr gutging. Etwa, als sie schwanger war und die beiden Söhne noch klein waren. Früher oder später holte sie die Krankheit aber wieder ein. Meist, wenn sich im Leben etwas veränderte. Wenn Beziehungen auseinanderbrachen, jemand starb. So musste die 67-Jährige vom beruflichen Weg trotz guter Zeugnisse immer wieder abrücken. Den Traum, Krankenschwester zu werden, gab sie auf. «Ich habe streng gelernt. Doch wenn ich ausfiel, wollten sie mich nicht mehr.»

Einmal hat sie in einer manischen Phase einen Klosterladen leergekauft. «Ich ging tanzen, nächtelang, ohne zu schlafen. Überall, wo ich reinkam, gab es ein Fest.» Einmal wurde sie mit Handschellen abgeführt, immer wieder verbrachte sie Stunden im Isolierzimmer, wo Bett und Nachttischchen aus Gummi sind. Freunde distanzierten sich von ihr, manchmal baten die Kinder darum, dass sie nicht auf den Fussballplatz komme.

Die letzte schwere Phase hatte sie mit 60, nachdem ihr Partner gestorben war. Damals verbrachte sie eineinhalb Jahre in der Klinik. Sie sei froh, dass die Suizidversuche scheiterten, sagt die Gossauerin heute. «Wegen der Kinder, Grosskinder, des Hundes.» Und sonst? Wissmanns Blick schweift ins Leere. «Das Leben ist vorbei. Ich mache keine Purzelbäume mehr.»