Leben mit einem Querdenker

Der Künstler Wilhelm Lehmann, Autodidakt und Querdenker, bevorzugte das Leben in der Abgeschiedenheit. In der Kobesenmühle fand er den Ort, der seiner Lebensweise entsprach. Seine Tochter erinnert sich gern an alte Tage.

Lara Wüest
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Vreni Lehmann hat fast ihr ganzes Leben in der Kobesenmühle gelebt und kümmert sich noch heute um den Garten. (Bild: Urs Jaudas)

Vreni Lehmann hat fast ihr ganzes Leben in der Kobesenmühle gelebt und kümmert sich noch heute um den Garten. (Bild: Urs Jaudas)

NIEDERHELFENSCHWIL. Etwas ausserhalb von Niederhelfenschwil, in einer kleinen wasserreichen Mulde, steht die Kobesenmühle. Es ist ein stiller Ort, ein Bach fliesst durch das Gelände, vor dem Haus befindet sich ein prächtig grüner Garten.

Vreni Lehmann steht gebückt vor dem Küchenfenster und zupft mit ruckartigen Bewegungen Unkraut aus der Erde. «Früher habe ich mit meiner Mutter stundenlang in den Beeten gejätet, heute werde ich schneller müde», sagt sie. Vreni Lehmann ist 93 und lebt im Wohnhaus neben der Mühle. Trotz ihres hohen Alters möchte sie nicht weg von hier, die Mühle ist ihr Zuhause, hier ist sie aufgewachsen. Ihr Vater, der Bildhauer, Maler und Schriftsteller Wilhelm Lehmann, hatte die Liegenschaft 1917 zusammen mit seiner Frau Klara erworben. Er lebte hier bis zu seinem Tod.

Heute ist die Kobesenmühle ein Museum und die Kunst von Wilhelm Lehmann der Öffentlichkeit zugänglich. Im Garten stehen zahlreiche Skulpturen aus Tuffstein, in der Mühle sind weitere Bildhauerarbeiten, Wurzelschnitzereien, Texte und Zeichnungen ausgestellt.

Familie hatte wenig Verständnis

Der Künstler wurde 1884 als Sohn eines Bauern in Wittenbach geboren und sollte einst den Hof des Vaters übernehmen. Bereits in jungen Jahren zeigte sich seine Begabung für das künstlerische Handwerk – doch die Familie brachte wenig Verständnis dafür auf. Es kam zum Zerwürfnis. Der junge Mann löste sich vom Elternhaus und zog mit seiner Frau in die Kobesenmühle.

«Hier fand mein Vater den Ort, der seiner Lebensweise entsprach», erzählt Vreni Lehmann. Er habe die Abgeschiedenheit geschätzt und ein möglichst unabhängiges Leben führen wollen. «In diesem Umfeld konnte er seine Kreativität ausleben», sagt die Tochter.

Der leicht zu bearbeitende Tuffstein, der in der Gegend häufig vorkommt, und das Holz aus den umliegenden Wäldern nutzte der Künstler als Werkstoff für seine Arbeiten. Der Garten diente dem Paar und den drei Kindern zur Versorgung.

Lehmann war Autodidakt, er hat nie eine Kunstschule besucht. Er nutzte, was die Natur ihm bot, schnitzte ein Gesicht in eine Wurzel und schuf so ein neues Kunstwerk. Dennoch gab es eine Zeit, in der seine Kunst über die Kantonsgrenze hinaus bekannt wurde: Eine Ausstellung in Bischofszell während des Zweiten Weltkriegs, in der sich Lehmann durch seine Texte und Arbeiten als radikaler Gegner des Nationalsozialismus offenbarte, habe grosse Resonanz ausgelöst, sagt Markus Lehmann, Präsident der Wilhelm Lehmann Stiftung und entfernter Verwandter des Künstlers. Die Stiftung verwaltet heute den Nachlass.

«Lehmann war ein Querdenker und wacher Beobachter seiner Zeit. Er erkannte Fehlentwicklungen früh.» Es sei gut möglich, dass sein Leben in der Abgeschiedenheit zu seiner kritischen Denkweise beigetragen habe, sagt der Stiftungsratspräsident.

«Arm waren wir nicht»

Viel Geld brachte Lehmanns Kunst der Familie nicht ein. «Oft wollte er seine Werke nicht verkaufen», erinnert sich die Tochter. Schreinerarbeiten und die finanzielle Unterstützung von Freunden hielten die Familie über Wasser. «Wir waren nicht arm. Wir haben bloss bescheiden gelebt», sagt die 93-Jährige. Im Haus gab es weder fliessendes Wasser noch Strom. Dennoch erinnert sich die alte Frau gern an jene Tage zurück. Manchmal seien Künstlerfreunde zu Besuch gekommen – «die Mutter war eine gute Gastgeberin». Dann sei es in der «Kobese» etwas lebendiger zu und her gegangen. «Ich fand das wunderbar. Ich hätte den Gesprächen der Künstler stundenlang zuhören können.»

Der Künstler Wilhelm Lehmann in seinem Garten. (Bild: pd)

Der Künstler Wilhelm Lehmann in seinem Garten. (Bild: pd)