Leben mit dem Vergessen

Die Fachstelle Demenz an der Fachhochschule St. Gallen hat ein «bewegtes Forschungsprojekt» lanciert. Menschen mit Demenz treffen sich alle zwei Wochen zu einer Wanderung. Die Projektleiterin und eine Angehörige berichten.

Regula Weik
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Für Menschen mit Demenz kann ein Kinderpuzzle zu einer unlösbaren Aufgabe werden. (Bild: Urs Bucher)

Für Menschen mit Demenz kann ein Kinderpuzzle zu einer unlösbaren Aufgabe werden. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Er sitzt am Tisch. Die Hände im Schoss. Auf dem Tisch liegen Puzzleteile. Einige sind zusammengefügt. Es lässt sich eine Hügellandschaft mit Bauernhof und Tieren erahnen. Früher hätten die Kinder damit gespielt, sagt seine Frau. Lange ist es her. Die Kinder sind längst erwachsen.

Ab und zu trommelt er mit den Fingern auf die Tischplatte. Er nickt. Er redet nicht. Er greift nach einem Puzzleteil, hält es einige Zeit in der Hand und reiht es dann ein. Die losen Teile hat er fein säuberlich aufgereiht.

Irgendetwas stimmt nicht mit ihm – diesen Eindruck hatte seine Frau eines Tages. Einige Arztbesuche und Abklärungen später dann die Gewissheit: Demenz. Eine der schlimmeren Varianten, hätten ihr die Ärzte gesagt. Und weiter: «Es gibt nichts dagegen, nichts, das es stoppt, keine Medikamente.» Zwei Jahre sind es her. Heute ist er 68.

Ein anderer Forschungsansatz

Alle zwei Wochen geht er wandern – mit einer Gruppe von Frauen und Männern, die ebenfalls von Demenz betroffen sind. Die Wandergruppe ist ein Projekt der Fachhochschule St. Gallen, initiiert ist es von der Fachstelle Demenz, geleitet wird es von deren Leiterin Susi Saxer.

Sie ist nicht die einzige, die in dem Forschungsgebiet Demenz tätig ist. Susi Saxer sagt denn auch: Es gebe viele Projekte, vor allem in Betreuungs- und Pflegeinstitutionen; «der Grossteil der Menschen mit Demenz lebt aber zu Hause». An sie richte sich das Projekt.

Zwischen 66 und 90

Untersuchungen hätten gezeigt: Bewegung tue Menschen mit Demenz gut, sagt Susi Saxer. So kam dem St. Galler Forschungsteam die Idee für eine Wandergruppe. Das Team will «testen», ob die körperliche Bewegung «förderlich ist für die kognitive Beweglichkeit» betroffener Menschen. Es will herausfinden, ob sich durch die körperliche Bewegung ihre Alltagsaktivitäten wie Einkaufen oder Telefonieren stabilisieren oder gar verbessern.

Die erste Wanderung fand im Sommer statt; das Projekt läuft noch bis Weihnachten. Der älteste Teilnehmer ist 90, die jüngste Teilnehmerin hat Jahrgang 1949. Die neun Wanderer würden unterwegs «1:1 betreut», sagt Susi Saxer. Von Pflegefachpersonen der Fachstelle. Zusätzlich hatte das Forschungsteam 25 bis 30 Freiwillige gesucht. Und es hat mit der Ria- und Arthur-Dietschweiler-Stiftung einen «Sponsor» gefunden, der die Forschung fördert und Projekte unterstützt. «Die Drittmittelfinanzierung gilt für alle Forschungsprojekte der Fachhochschule», sagt Susi Saxer.

24-Stunden-Betreuungsjob

Susi Saxer hat Gespräche auch mit den Angehörigen geführt. «Ihre Arbeit ist ein 24-Stunden-Engagement, Ruhepausen gibt es kaum.» Nun haben sie – dank des Forschungsprojekts – alle zwei Wochen einen freien Nachmittag.

Susi Saxer geht es nicht allein um diese Entlastung – «um den halben Tag gewonnene Freizeit». Sie möchte herausfinden, ob es einen Profit für den Alltag gibt – ob sich die Mitglieder der Wandergruppe wieder aktiver verhalten, schlicht, ob die Bewegung einen positiven Einfluss auf die Menschen mit Demenz hat – und damit auch auf die Angehörigen. Im Gespräch mit der Projektleiterin wird klar: Es geht ihr nicht nur um Forschungsresultate, es geht ihr um die Menschen. «Ich habe viele Jahre als Krankenschwester gearbeitet. Ich bin nicht nur Forscherin», sagt sie. Und daher will sie mit dem Wanderprojekt zwar «theoretische Erkenntnisse» gewinnen, aber auch «praktisch etwas auslösen». Die Ergebnisse ihrer Forschung werden erst in einigen Monaten vorliegen. Bereits geplant sind aber weitere Staffeln von Wandergruppen, eine zweite startet Anfang nächsten Jahres in Herisau.

Vergleichbare Forschungsprojekte in der Schweiz kennt Susi Saxer nicht. Doch sie ist überzeugt: «Wir müssen in der Begleitung, Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz auf neue Ideen kommen.» Wenn es dadurch gelinge, ihre Alltagsaktivität zu stabilisieren oder zu verbessern, so dass sie länger zu Hause leben könnten – «dann ist viel gewonnen, auch finanziell».

Früher oft gewandert

Er hält ein neues Puzzleteil in den Händen. Er setzt es ein – mit Hilfe seiner Frau. Das einzige in den vergangenen zwei Stunden. Sie habe über die Memoryklinik von der Wandergruppe erfahren. Die Idee habe ihr gefallen. Und ihrem Mann? Sie lacht. Ihr Mann gehe mit jedem mit – «einem Kind würde ich Vorsicht einbläuen». Sie seien früher oft gewandert – «auf jede Bergspitze». Er gehe oft ins Freie, bewege sich rund um das Haus, wische Blätter zusammen. Entfernt er sich weiter weg, wird sie «alarmiert» – dies, nachdem er mehrmals nicht mehr heim fand und sie ihn suchen musste. Den freien Nachmittag geniesst sie, geht jassen, wandern oder zum Coiffeur. Es brauche Überwindung, andere zu fragen, ob sie eine Stunde den Ehemann «hüten» könnten, damit sie in Ruhe ausser Haus etwas erledigen könne. Sie habe es gelernt.

Susi Saxer Leiterin Fachstelle Demenz, Fachhochschule St. Gallen (Bild: pd)

Susi Saxer Leiterin Fachstelle Demenz, Fachhochschule St. Gallen (Bild: pd)