Leben mit dem Risiko: So trotzen diese Ostschweizer Seniorinnen und Senioren dem Corona-Virus

Wer älter als 65 ist, gehört laut Bund zur Risikogruppe. Vier Betroffene erzählen, wie das Corona-Virus ihren Alltag verändert.

Aufgezeichnet: Janina Gehrig, Noemi Heule, Adrian Lemmenmeier
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Er fühlt sich eingesperrt

Ich sehe der Entwicklung mit einem mulmigen Gefühl entgegen. Die Unsicherheit ist beklemmend, weil man schlicht nicht weiss, was noch auf einen zukommt. Man kann es nur erahnen, zumal der Höhepunkt der Pandemie ja erst im April oder Mai erwartet wird.

Urban Auer schränkt wegen des Virus seinen Bewegungsradius ein.

Urban Auer schränkt wegen des Virus seinen Bewegungsradius ein.

Bild: Urs Bucher

Ich erwische mich dabei, wie ich meine Lebensgewohnheiten plötzlich grundlegend in Frage stelle. Gestern habe ich beispielsweise beschlossen, den Einkauf nicht wie üblich am Samstag zu tätigen, sondern ihn vorzuziehen, weil am Freitag weniger Leute unterwegs sind. Auch grosse Menschenmengen meide ich. Ich bin normalerweise sehr aktiv und oft mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, regelmässig fahre ich von Abtwil in die Stadt und zurück. Darauf verzichte ich nun, was sehr einschneidend ist. 

Ich fühle mich in meinen vier Wänden eingesperrt, kann mich nicht mehr frei bewegen.

In der Umgebung spüre ich eine gewisse Niedergeschlagenheit; die Leute sind bereits jetzt – bevor es richtig angefangen hat – erschöpft von den Einschränkungen und der Dauerpräsenz des Corona-Virus. Dennoch halte ich mich über die neusten Entwicklungen auf dem Laufenden, auch weil ich mich als Fussballtrainer für Kinder engagiere, die handicapiert sind. Bisher konnten wir das Training mit rund zwölf Kindern durchführen. Wie es nächste Woche aussieht, kann ich aber noch nicht sagen. Einmal im Monat organisiere ich zudem ein Treffen für Senioren. Normalerweise sind rund 25 Personen anwesend, vor zwei Tagen war es gerade mal die Hälfte. Das zeigt, dass gerade ältere Leute tatsächlich Angst haben.

Momentan herrscht eine Ausnahmesituation, wie ich sie in meinen 69 Jahren noch nie erlebt habe. Ich kann mich noch an die Sars-Pandemie nach der Jahrtausendwende erinnern. Auch damals war die Angst vor einer Ausbreitung des Virus gross, auch wenn es vor allem in Südostasien grassierte. Dennoch war die Situation in der Schweiz nicht annähernd mit der Ohnmacht zu vergleichen, der wir heute ausgesetzt sind.


Sie will die Enkel weiterhin hüten

Ich führe einen kleinen Coiffeursalon in unserem Haus. Ich bin 67-jährig und arbeite noch an zwei Tagen. Das Virus ist in aller Munde. Ich höre den ganzen Tag Radio und achte auf neue Weisungen. Bisher hatte ich Respekt, aber keine Angst. Irgendwie war es lange unvorstellbar, dass es einen wirklich treffen könnte. Kürzlich aber sagte eine Kundin zu mir, ich müsse mir gut schauen. Sie ist Krankenschwester. Da ist mir richtig bewusst geworden, dass ich mit meinem Alter und dem Bluthochdruck auch zur Risikogruppe gehöre.

Coiffeuse Marlies Weber arbeitet weiter. Bisher hat keine ihrer Kundinnen abgesagt.

Coiffeuse Marlies Weber arbeitet weiter. Bisher hat keine ihrer Kundinnen abgesagt.

Bild: Urs Bucher

Ich überlege mir, wie lange ich noch weiter arbeiten soll. Ich habe vor allem ältere Kundinnen ab 50 Jahren aus der Umgebung. Bisher hatte ich aber keine einzige Absage. Gestern Morgen war meine älteste Schwester hier, sie ist 87-jährig und kommt jede Woche, weil sie sich die Haare nicht selber föhnen kann. Am Nachmittag habe ich Rosi und Vreni, meinen anderen beiden Schwestern, die Haare geschnitten. Ich schüttle niemandem mehr die Hand und wasche mir selber ohnehin ständig die Hände. Hier habe ich auch noch ein «Gütterli» Desinfektionsmittel. Zudem sitzen meine Kundinnen zwei Meter auseinander, ich habe es gemessen. Und sie schauen einander nicht an, sondern in den Spiegel. Aber natürlich bin ich ihnen nahe beim Haareschneiden.

Ich gehe nur noch im Dorfladen in Zuzwil einkaufen und nicht im Shoppingcenter. Grossanlässe meide ich. Der Musikabend hier im Dorf wurde sowieso abgesagt. In einer Woche wollten wir den Geburtstag einer 70-jährigen Bekannten feiern. Es ist schwierig, einzuschätzen, wo man jetzt noch teilnehmen soll.

Ich habe neun Enkelkinder. Montags und dienstags hüte ich je zwei von ihnen und mittwochs kommen immer alle zum Mittagessen, manchmal auch meine vier Kinder. Bisher haben wir daran festgehalten. Jetzt müssen wir schauen.

Aber was sollen die Eltern machen, wenn wir Grosseltern ausfallen?

Ferien planen wir keine. Eigentlich wollten wir im Mai mit dem Velo von München nach Venedig fahren. Das geht natürlich nicht. Spazieren gehen mein Mann und ich aber noch täglich.


Er lässt sich nicht verrückt machen

Letzte Woche hat sich das Corona-Virus das erste Mal ganz direkt auf unser Leben ausgewirkt. Meine Frau wollte ihre Schwestern im Tessin besuchen. Wir haben diskutiert, ob das gescheit ist – und entschieden, dass wir uns nicht von diesem Virus tyrannisieren lassen wollen. Meine Frau reiste also mit dem Zug nach Locarno. Kurz darauf erliess der Bundesrat neue Massnahmen im Umgang mit dem Virus: Leute ab 65 sollen seither wenn möglich den öffentlichen Verkehr meiden, vor allem zu Stosszeiten. Da die meisten Züge vom Tessin in die Deutschschweiz ohnehin aus Italien kommen, fanden wir es nicht sinnvoll, mit dem Zug zurückreisen. Ich habe mich deshalb ins Auto gesetzt und habe meine Frau abgeholt. So hab ich auch wiedermal meine Schwägerinnen gesehen.

Ruedi Thüler hat grosses Vertrauen ins schweizerische Gesundheitswesen.

Ruedi Thüler hat grosses Vertrauen ins schweizerische Gesundheitswesen.

Bild: Urs Bucher

Ich lasse mich von diesem Virus nicht verrückt machen. In den Bundesrat und das schweizerische Gesundheitssystem habe ich grosses Vertrauen. Auch wollen wir uns nicht von der Aussenwelt isolieren. Ich spaziere jeden Tag vom Riethüsli runter in die Stadt, meine Frau passt nach wie vor auf unsere Enkelkinder auf. Allerdings fährt sie nicht mehr mit dem Zug zu ihnen, sondern mit dem Auto.

Ansonsten schränken wir unser Leben nicht ein. Ich persönlich habe auch keine Angst, mit dem Corona-Virus infiziert zu werden. Auch male ich mir keine Katastrophen-Szenarien aus. Angst tut der Psyche nicht gut. Natürlich: Es kann einen immer erwischen. Aber das ist kein Grund, in Panik zu geraten. 

Ich schlafe nach wie vor tief und fest – Corona-Virus hin oder her.

Bei der Pro Senectute organisiere ich Gruppenwanderungen – quasi Ausflüge für eine Risikogruppe. Letzte Woche waren wir im Thurgau unterwegs. Ich habe vor, Ende März an die Versammlung des Quartiergartenvereins zu gehen – wenn sie stattfindet. Bis jetzt nehmen die Rentner, die ich kenne, die Situation gelassen. Wenn ich durch die Strassen spaziere, merke ich nichts von einem Ausnahmezustand. Aber ich bin auch eher der nüchterne Typ.


Sie schaut öfter aus dem Fenster

Ich fühle mich sehr wohl im Altersheim Abendruh. Aber seit zwei Wochen ist es ein anderes Gefühl. Dann hat uns der Heimleiter informiert, dass wir wegen des Corona-Virus keinen Besuch mehr empfangen dürfen. Und seit gestern sollen wir nicht mehr nach draussen gehen. Ich verstehe, dass diese Massnahmen nötig sind. Dennoch ist es schade. Ich bin jeweils mit meiner Tochter in Gossau Kaffee trinken gegangen. Jetzt kann ich nur noch mit meinen Kindern telefonieren. 

Rösli Krucker erhält wegen des Corona-Virus keinen Besuch.

Rösli Krucker erhält wegen des Corona-Virus keinen Besuch.

Bild: Urs Bucher
Es ist ruhig geworden im Heim. Wer früher viel Besuch hatte, fühlt sich jetzt einsam.

Jene Leute, die sprechen können, diskutieren viel über die Corona-Krise. Wie lange wird das dauern? Geht das Leben nachher wieder weiter wie zuvor? Ständig laufen Radio und Fernseher; die Zeitungen sind begehrt. Natürlich machen sich auch viele Sorgen über die eigene Gesundheit – auch ich. Hier leben Menschen, die dem Tod bereits sehr nahe sind. Aber wir sind keine Brüelis. Seit wir keinen Besuch mehr erhalten, gibt es im Heim mehr Programm. Der Gottesdienst ist zwar abgesagt. Dafür spielen wir häufiger Lotto, es gibt Raclette-Abende und neben dem Desinfektionsmittelspender steht eine Flasche Appenzeller Alpenbitter.

Ich werde dieses Jahr 90. Ich gehe regelmässig ins Gedächtnistraining und spaziere im Garten des Heimes. Jeden Tag schreibe ich eine Seite Tagebuch. Ich habe viel erlebt in meinem Leben. Mein Halbbruder wurde als Deutscher im Zweiten Weltkrieg an die Ostfront geschickt und kam nicht wieder zurück. Mein Vater aber musste ins Schweizer Militär. Das sind traurige Geschichten. Doch ich habe auch viele schöne erlebt. Im Café der «Abendruh» habe ich sehr viele schöne Geschichten gehört. Wenn wir zusammensitzen und von früher erzählen, ist das oft wunderbar. Es ist aber schade, dass momentan keine Gäste mehr dabei sein können.

Ich schaue öfter aus dem Fenster. Der Parkplatz vor dem Heim ist meistens leer. Vieles steht still. Nur der Säntis am Horizont wechselt sein Kleid. Mal weiss, mal grau. Mal steht er im Nebel.

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