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Lawinenunglück auf der Schwägalp: Hotelbetreiber und Behörden trifft keine Schuld

Der offizielle Bericht zur Schwägalplawine entlastet Behörden und Hotelbetreiber.
Es bleibt die Frage, wie sie mit dem Restrisiko umgehen.
Noemi Heule
Das Bildsujet ging um die Welt: Die Lawine wuchtet ein Postauto zur Seite. Dessen Fahrer wird verschüttet. (Bild: Urs Bucher)

Das Bildsujet ging um die Welt: Die Lawine wuchtet ein Postauto zur Seite. Dessen Fahrer wird verschüttet. (Bild: Urs Bucher)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein Bericht entlastet Behörden und Hotelbetreiber nach dem Lawinenunglück auf der Schwägalp. Die Ausserrhoder Staatsanwaltschaft schliesst die Akte Säntislawine.
  • Experten rechnen aus, dass sich das Ereignis statistisch gesehen in den nächsten 100 bis 300 Jahren nicht wiederholt.
  • Dennoch prüfen die Hotelbetreiber und die Gemeinde Hundwil nun Massnahmen, um das Restrisiko zu minimieren.
  • Ein unglückliches Zusammenspiel zwischen Neuschnee, Windböen und einer heimtückischen Eiskruste führte zum Lawinenunglück. Sie nahm ihren Anfang mit Regen an Heiligabend.

Weisse Weihnachten wünschten sich die Ostschweizer im vergangenen Jahr vergeblich. Stattdessen läuteten schwere Tropfen Heiligabend ein. Nicht nur in den Talsenken und Ebenen des Flachlands, sondern bis hoch hinauf in die Berge. Am Nordhang des Säntis prasselte der Regen bis auf 2000 Meter über Meer nieder. Als die Temperaturen rasch wieder fielen, blieb eine blanke Eiskruste zurück. Unsichtbar, aber heimtückisch, umhüllte sie das Gebirge, sodass es nur mit Steigeisen begehbar war. Diese Eisschicht bildete das instabile Fundament für die kommenden Schneemengen. Sie war eine von vielen Ursachen für das Lawinenunglück, das die Schwägalp Anfang Januar erschütterte.

Dies geht aus der Dokumentation hervor, die das Ausserrhoder Amt für Raum und Wald nach dem Ereignis in Auftrag gab und die nun erstmals vorliegt. Minutiös schildert der Bericht, wie die Lawine vom 10. Januar ihren Anfang nahm, deren schneeweisse Vorläufer bis in die «Schwingerstobe» des Hotels Schwägalp vorstiessen. Vier Tage später zerstörte eine weitere Lawine eine Stütze der Säntis-Schwebebahn.

Das Hotel in der Gefahrenzone

Kaum waren die Feiertage vorbei, kam das Weiss doch noch. Und es kam in Massen. Pulvrig zuerst, dann immer dicker fielen die Flocken. Allein innert drei Tagen vor der verheerenden Lawine verzeichnete die Messstation auf der Schwägalp 74 Zentimeter Neuschnee. Auch setzten Windböen ein, die mit bis zu 80 Stundenkilometern über die verschneiten Hänge fegten und den Schnee mancherorts zu Wechten anhäuften. Am 10. Januar, 16.30 Uhr, setzten sich diese Schneemengen in Bewegung und donnerten talabwärts. Die Hauptlawine schlug zwei Richtungen ein. Ein Arm rollte auf die Alphütte Zweigemmer zu, der andere bewegte sich in Richtung Hotel Säntis, dessen Neubau sich in einer mittelschweren Gefahrenzone erhebt. Ob man die Lawine hätte voraussehen müssen, fragten Zeitungen später landauf landab.

Die Ereignisdokumentation, ausgeführt von der Davoser Firma tur gmbh, die auf Naturgefahren spezialisiert ist, entlastet nun Behörden und Betreiber. Auch wenn es nach Neujahr kräftig flockte, waren die Neuschneemengen nicht aussergewöhnlich, genauso wenig die Windböen. Vielmehr handelte es sich um ein unglückliches Zusammenspiel diverser Faktoren, die zur Schwachschicht in der Schneedecke und schliesslich zur Lawine führten.

Staatsanwaltschaft schliesst Akte Säntislawine

Zum selben Schluss kam eine Untersuchung der Kantonspolizei Ausserrhoden, die ihren Schlussbericht an die Staatsanwaltschaft weiterleitete. Diese beschloss, keine Strafuntersuchung einzuleiten und schloss die Akte Säntislawine per 9. Juli. Der leitende Staatsanwalt Christian Bötschi schreibt auf Anfrage:

«Das Lawinenunglück ist auf ausserordentliche Wetterbedingungen zurückzuführen.»

Es liege kein strafrechtlich relevantes Verhalten von natürlichen oder juristischen Personen vor. Was sich am 10. Januar auf der Schwägalp abspielte, war Naturgewalt.

Ihre geballte Kraft entfalteten die Schneemenge nach 600 Höhenmetern, als sie auf die Fensterfront des Hotelrestaurants prallten, das sich just im Zentrum der Lawine befand. Der Schnee drückte mehrere Fenster und eine Glastüre ein und pflügte sich in den Speisesaal. Ein Erddamm vor dem Hotel hob die weisse Masse wie eine Schanze an und hievte sie bis ins Obergeschoss, wo ebenfalls ein Fenster beschädigt wurde. Die Lawine entfaltete ihre Kraft konzentriert: Nur wenige Meter neben den zerstörten Fenstern, blieb der Tisch nur Meter entfernt akkurat gedeckt.

Schnee im Speisesaal des Hotels Sätnis (Bild: Urs Bucher

Schnee im Speisesaal des Hotels Sätnis (Bild: Urs Bucher

Ein Ausläufer der Lawine fegte über den Parkplatz, riss Autos mehrere Meter mit und verschüttete sie teilweise komplett. Ein Postauto wurde einfach weggedrückt. Bilder der bizarren Szenerie inmitten der Touristenidylle schafft es bis ins New Yorker «Wall Street Journal» oder den Londoner «Telegraph». Bis auf zwei leichtverletzte Hotelgäste kamen keine Personen zu Schaden. Der Postautofahrer, der sich ausserhalb des Fahrzeugs aufgehalten hatte, wurde verschüttet. Weil seine Füsse aus den Schneemassen lugten, wurde er per Zufall von einem Angestellten der Bergbahn entdeckt und geborgen.
Die Statistik prognostiziert
ein ruhiges Jahrhundert

Die Lawine riss mehrere Autos mit. (Bild: Urs Bucher)

Die Lawine riss mehrere Autos mit. (Bild: Urs Bucher)

Die Statistik verspricht 100 Jahre Ruhe

Dankbar sei er, dass niemand ernsthaft verletzt wurde, sagte Hotelchef Bruno Vattioni als er die Medien tags darauf auf die eingeschneite Schwägalp lud. Er kämpfte mit den Tränen und er kämpfte mit den Worten für das, was fortan als «Jahrhundertereignis» zusammengefasst wurde – das musste als Diagnose reichen. Der Bericht unterstützt diese Wortwahl. Die Experten rechnen vor, dass sich eine derart folgenschwere Lawine statistisch gesehen nur alle 100 bis 300 Jahre wiederholt.

«Es besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf.»

Das schlussfolgert Heinz Nigg, Leiter des Amtes für Wald und Raum im Kanton Ausserrhoden. Der Bericht sei eine Bestätigung dafür, dass die Gefahrenkarte korrekt ausgearbeitet sei, wo sich der Neubau des Hotels in der gelben und blauen Zone befindet. Blau heisst, dass Bauten beschädigt, aber nicht zerstört werden können. Wer sich im Ernstfall ausserhalb der Gebäude aufhält, ist an Leib und Leben gefährdet. In der gelben Zone entfällt die Lebensgefahr. Der heutige Standort des Hotels sei nicht zuletzt ein Ergebnis der Gefahrenkarte. Experten sind sich einig: Am alten Standort wären die Schäden wesentlich grösser ausgefallen. 1942 erreichte zum letzten Mal eine Lawine die Talstation der Bahn. Und drang ebenfalls bis in den Speisesaal des alten Restaurants Säntis vor. Sie war allerdings kleiner und harmloser als das Exemplar 77 Jahre später.

Für den Kanton hat sich die Sache mit dem Schlussbericht ebenfalls vorerst erledigt. Allfällige Massnahmen obliegen nun den Bahnbetreibern und der Gemeinde Hundwil. Gemeinsam erarbeiten sie derzeit ein Massnahmenkonzept. Denkbar sind laut Nigg etwa Verbauungen, Lawinensprengungen oder ein angepasstes Warnkonzept, um beispielsweise den Parkplatz notfalls zu sperren. Auch wenn es in den kommenden 100 Jahren nicht dazu kommen sollte: «Ein Restrisiko kann man nie ausschliessen», sagt Nigg. Die Natur hält sich halt nicht an Wahrscheinlichkeiten.

Die Lawine in Zahlen

Vom 4. bis 14. Januar fielen insgesamt 189 Zentimeter Neuschnee.

Gemäss Lawinenbulletin bestand zwischen dem 10. und 14. Januar rund um den Säntis Gefahrenstufe 4 (gross).

Die Lawine, die das Hotel Säntis ­beschädigte, erreichte einen Druck von
3 bis 4 Kilopascal. Um einen voll entwickelten Wald zu verwüsten, sind circa 100 kPa nötig.

Bis zu 2,5 Meter hoch türmte sich der Schnee anschliessend auf dem Parkplatz vor dem Hotel Säntis, wo die Lawine 18 Fahrzeuge und ein Postauto erfasste, meterweit verschob und zum Teil komplett verschüttete.

Bis zu 150 Kubikmeter Schnee drangen in die «Schwingerstobe» im Hotel Schwägalp und füllten den Raum teils bis zur Decke.

Am 14. Januar gingen weitere Lawinen nieder, eine davon beschädigte die Stütze der Säntisschwebebahn. Wegen Reparaturarbeiten stellte sie den ­Betrieb für fast 6 Monate ein. Das Hotel dagegen war nach dem Lawinenunglück nach nicht mal einer Woche wieder betriebsbereit.

Die Kosten für den Betriebsunterbruch belaufen sich vermutlich in Millionenhöhe, können zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht genau beziffert werden. (nh)

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