Laufen im Schwarm

Scharfgezeichnet

Odilia Hiller
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Ein schwarzes Eichhörnchen klettert den Baum hinauf. Der Wind rauscht durch Blätter und Nadeln. Eine braune Waldmaus wuselt durch das Unterholz und streckt kurz ihre Nase aus dem Grün. Die Vögel pfeifen und das Sonnenlicht rieselt sanft durch die Wipfel.

Das ist die Gesellschaft, die mich beim Laufen durch den Wald begleitet. Ab und zu, vielleicht zweimal, kreuzen ein Jogger oder eine Hundebesitzerin den Weg. Es interessiert keinen Toten, und schon gar nicht mich, wie schnell ich den Vitaparcours hinter mich bringe. Wie ich mich an den Stangen in Sachen Klimmzüge anstelle. Es dürfte kein besonders erfreulicher Anblick sein. Aber wenn ich am Ende aus dem Wald trete, hatte ich kurz die Illusion, eine Art Verhältnis zur Natur aufzubauen. Ich habe meinen Körper mit jeder Faser gespürt, den Gedanken freien Lauf gelassen und ein bisschen Aggressionen abgebaut. Für eines lege ich die Hand ins Feuer: Ich bin nach dem ein­samen Waldlauf eine entspanntere Mutter als davor.

Nichts wäre absurder, als Tausenden von Menschen, die einander am St. Galler Auffahrtslauf gerne im Schwarm hinterherlaufen, irgendetwas mitteilen zu wollen. Nicht alles, was andere tun, muss sich einem erschliessen. Während sie sich gegenseitig schnaufend zeigen, was sie so drauf haben, lackiere ich meine Zehennägel frisch und denke an das schwarze Eichhörnchen. All das interessiert keinen Toten. Genau so soll es sein.

Odilia Hiller

odilia.hiller@ostschweiz

-am-

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