«Lasst uns nicht im Regen stehen»: Das Pflegefachpersonal fordert mit einer Menschenkette bessere Arbeitsbedingungen

Der Mangel an Pflegefachpersonal spitzt sich zu. Die Fachleute fordern mehr Lohn, Wertschätzung und besseren Arbeitsbedingungen. Mit einer Protestaktion in St.Gallen, gemeinsam mit Verbänden und Gewerkschaften, verleihen sie ihrem Unmut Ausdruck.

Sabrina Manser
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Fast 100 Personen reihen sich in einer Kette der Marktgasse entlang und protestieren für bessere Arbeitsbedingungen für das Pflegefachpersonal.

Fast 100 Personen reihen sich in einer Kette der Marktgasse entlang und protestieren für bessere Arbeitsbedingungen für das Pflegefachpersonal.

Bild: Ralph Ribi

In Reih und Glied stehen sie da, mit Maske, Schirm, Regenjacke. Für den nötigen Abstand wird ein rot-weisses Band gespannt. Es sind Pflegefachleute, die an diesem Donnerstagabend mit einer Menschenkette in der St. Galler Innenstadt ein Zeichen setzen. Sie protestieren für bessere Arbeitsbedingungen in ihrem Beruf. Eine Frau hat ihr Plakat um den Hals gehängt. Darauf steht: «Wer pflegt uns morgen?»

Gemeinsam mit Verbänden und Gewerkschaften wie der Unia, der Syna, dem VPOD und dem Berufsverband der Pflegefachleute (SBK) setzen sich die Pflegefachleute ein für höhere Löhne, verlässliche Arbeitspläne und Ruhezeiten, mehr Rechte am Arbeitsplatz sowie dieses Jahr einen zusätzlichen Monatslohn als Coronaprämie.

«Pflege braucht Zeit und Menschen», steht auf einem weiteren Transparent. Ein paar neugierige Passanten bleiben stehen und beobachten die Kette. Leute, die sich mit roten Jacken als Unia-Mitglieder zu erkennen geben, rufen in ihr Megafon: «Wir sind systemrelevant!» Vereinzelt wiederholen die Protestierenden die Parole.

Nicht nur mehr Lohn, sondern auch Wertschätzung

Der Himmel wird zunehmend düster, der Regen stärker. Die Demonstranten lassen sich nicht von ihrem Vorhaben abhalten. «Lassen sie uns nicht im Regen stehen», steht passenderweise auf einem Transparent. Die Reihe mit fast 100 Teilnehmenden verläuft der Marktgasse entlang über die Schmidgasse fast bis zum Gallusplatz. «Applaus war gestern – heute ist Zahltag», hallt es aus dem Megafon.

«Es geht nicht nur darum, mehr Lohn zu erhalten. Es geht auch um Wertschätzung», sagt eine 28-jährige Pflegefachfrau. Sie arbeitet auf der Intensivstation. Sie fährt fort: «Wir sind nicht nur Füdliputzer.» Sie habe sieben Jahre Aus- und Weiterbildung hinter sich. Der Job als Pflegefachfrau müsse attraktiver werden, denn der Mangel an Fachpersonal zeichne sich ab.

Die 27-jährige Jasmin Wunderlich, ebenfalls Pflegefachfrau, sagt, dass sich die Situation und die Arbeitsbedingungen langfristig verbessern müssten. «Wir müssen jetzt handeln.» Nicht nur wegen Corona, sondern auch, wenn man bedenke, dass die Zahl der älteren, pflegebedürftigen Menschen zunehme.

«Hier und jetzt gemeinsam»

Nun werden zwei Reihen oder eher ein langgezogener Kreis auf der Marktgasse gebildet. «Lasst uns nochmals laut werden», hallt es durch das Megafon. Wie schon vorhin ist der Spruch zu hören: «Hier und jetzt gemeinsam.» Nun ist er lauter, fordernder. Im Kreis stehend werden Geschichten und Schicksale erzählt. Jemand sagt mit kräftiger Stimme in den Verstärker: «Wir haben immer einen Kompromiss gemacht – nun wollen wir keine mehr machen.» Applaus, Jubelrufe. Dann löst sich die Kette auf.